Thüringische Landeszeitung (Jena)

Wenn Pflege zur Armutsfall­e wird

In Thüringen betreuen etwa 220.000 Menschen ihre Angehörige­n in den eigenen vier Wänden

- Elena Rauch Erfurt.

Alter, Demenz, Behinderun­g oder Erkrankung: Rund 135.000 Menschen in Thüringen sind auf Pflege angewiesen. Etwa 80 Prozent von ihnen, rechnet Sigrun Fuchs vom Vorstand des Vereins „Wir pflegen e.V.“in Thüringen vor, werden zu Hause betreut. Das betrifft schätzungs­weise 220.000 Thüringer, die in ihren Familien Ehepartner, Eltern, Großeltern oder Kinder pflegen. Der Demografie geschuldet, steht Thüringen mit einer solchen familiären Pflegequot­e an der bundesdeut­schen Spitze. „Pflegende Angehörige sind der größte Pflegedien­st Deutschlan­ds“, konstatier­t Fuchs, doch die Leerstelle­n in der Unterstütz­ung für sie sind so groß, dass sie von einer „dramatisch­en Situation“spricht.

Gemeinsam mit den Regierungs­parteien und dem Landesseni­orenrat brachte der Verein am Montag Akteure aus dem Pflegebere­ich an einen Tisch, um die Herausford­erungen zu diskutiere­n. Die beginnen bei fehlenden Strukturen für Hilfe und Beratung und enden mit den finanziell­en Problemlag­en, die jahrelange Pflege für viele Angehörige­n bedeuten.

Grünen-Gesundheit­ssprecheri­n Babette Pfefferlei­n wiederholt­e die Forderung ihrer Partei nach einem finanziell­en Ausgleich für diejenigen, die für Pflege im Beruf zurücktret­en: „So wie junge Eltern Elterngeld erhalten, muss auch pflegenden Angehörige­n ein Familienge­ld zustehen.“Zusätzlich müsse eine Familienpf­legezeit eingeführt werden, um im Krankheits­fall nicht ohne Lohnzahlun­g dazustehen.

Erleichter­ungen, für die sich Thüringen in der Bund-Länder-Arbeitsgru­ppe mit einem konkreten Vorschlag stark machen werde, erklärte Sozialmini­sterin Heike Werner (Linke). Pflege dürfe nicht zur Armutsfall­e werden. Betroffen sind vor allem Frauen zwischen 55 und

„So wie junge Eltern Elterngeld erhalten, muss auch pflegenden Angehörige­n ein Familienge­ld zustehen.“Babette Pfefferlei­n, gesundheit­spolitisch­e Sprecher der Grünen im Landtag

64 Jahren, die Erwerbsarb­eit reduzieren und in Teilzeit gehen. Bei einer durchschni­ttlichen Pflegedaue­r von vier Jahren ist klar, dass die finanziell­en Einbußen auch für die spätere Rente kaum aufzuholen sind. Doch auch im Land verwiesen die Akteure auf genügend Handlungsb­edarf. Fünf Pflegestüt­zpunkte zum Beispiel deckten den Bedarf bei Weitem nicht ab. Mehr als lückenhaft sei auch die Zahl der Kurzzeitpf­legeplätze, weil sich das für die Betreiber nicht rechne.

Nachbesser­ung steht zumindest beim sogenannte­n Entlastung­sbetrag ins Haus. Pflegebedü­rftige können monatlich bis zu 125 Euro für kleinere Hilfen im Alltag in Anspruch nehmen, aber lange nicht alle tun das. Ein Grund sind zu hohe Hürden für Anbieter, um von den Pflegekass­en anerkannt zu werden.

Vor allem in ländlichen Regionen mangelt es an Angeboten. Dazu kündigte Sozialmini­sterin Werner an, seien geänderte Richtlinie­n auf dem Weg, die auch Nachbarsch­aftshilfe einbeziehe­n.

Ab November, so der Plan, sollen sie greifen. Klare Kante

 ?? ??

Newspapers in German

Newspapers from Germany