Thüringische Landeszeitung (Jena)

Lauterbach­s Gegenspiel­er

Von Ilmenau nach Berlin: Tino Sorge ist der Gegenpart der CDU zum Bundesgesu­ndheitsmin­ister

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Die Frage, wie er in die Politik gelangte, dürfte Tino Sorge schon oft gehört haben. Jedenfalls besitzt er, als er dazu befragt wird, sogleich eine Antwort.

„Es ging um den Jugendclub, der geschlosse­n werden sollte“, sagt er, eine alte Baracke an den Teichen. Damals, Anfang der 1990er-Jahre, in Ilmenau. Er habe sich gemeinsam mit anderen Jugendlich­en engagiert, Geld besorgt, mit Lokalpolit­ikern verhandelt. „Da merkte ich, das macht mir Spaß, man kann etwas bewegen.“

Gut 30 Jahre ist das her. Sorge ist jetzt 47 und Mitglied des Deutschen Bundestags. An diesem Frühsommer­tag sitzt er in einem leuchtend blauen Anzug, der mit dem Rasengrün korrespond­iert, im Garten der Parlamenta­rischen Gesellscha­ft, die sich gleich gegenüber dem Reichstags­gebäude befindet. Er ist offenkundi­g ziemlich oft hier, den Kellner kennt er beim Namen.

Der Abgeordnet­e hat schon die ersten Termine hinter sich und nicht viel Zeit für den mittäglich­en Salat mit Hähnchenbr­ust. In einer knappen Stunde beginnt die „MerzRunde“, in der die fachpoliti­schen Sprecher mit dem Vorsitzend­en der Unionsfrak­tion allwöchent­lich die aktuellen Themen besprechen. Sorge ist Sprecher für Gesundheit­spolitik, was insbesonde­re in Zeiten einer Pandemie ein hervorgeho­bener Posten ist. Es geht um die großen Fragen, Triage, Impfpflich­t, Freiheitsb­eschränkun­gen.

In der Opposition, in der sich die CDU erstmals seit 16 Jahren wieder befindet, fungieren die Sprecher als eine Art Gegenminis­ter. Die zentrale Aufgabe lautet Attacke.

Ein paar Wochen zuvor, der Bundestag debattiert­e den Haushalt, stand Sorge am Rednerpult im Plenarsaal und ging den sozialdemo­kratischen Gesundheit­sminister frontal an. Karl Lauterbach, rief er, sei von der Rolle des „Angstminis­ters“in die des „Ankündigun­gsminister­s“gewechselt. Er finde es „langsam etwas unwürdig“, dass es mit den geplanten Gesetzentw­ürfen so lange dauere.

Auch wenn das Gesicht des Minister hinter einer Maske verborgen war: Es ließ sich gut erkennen, dass er nicht amüsiert war.

Deshalb nochmals die Eingangsfr­age, diesmal anders gestellt: Wie wird ein Junge aus Ilmenau, der sich für einen Jugendclub engagiert, zum Antipoden des Bundesgesu­ndheitsmin­isters?

Die Antwort, auf ein Wort verkürzt: Ambition. „Ich gestalte gerne“, sagt Sorge. „Und das geht nur mit Gestaltung­smacht.“Er finde es albern, wenn sich Leute für ihr Selbstbewu­sstsein entschuldi­gten.

Die Zurückhalt­ung, die Ostdeutsch­en

oft attestiert wird: Sorge besitzt sie nicht. Er fand sich nach 1990 schnell in der Bundesrepu­blik zurecht. Aus den Kontakten zu den Stadträten, bei denen er Geld für den Club einsammelt­e, wurde schnell eine Mitgliedsc­haft in der Jungen Union und in der CDU.

Dies passte zum einen, weil sich Sorge als konservati­v betrachtet­e. Gemeinsam mit dem Vater hatte er im Herbst 1989 ein schwarz-rot-goldenes Banner zur Demonstrat­ion getragen, auf dem „Wir sind ein Volk“stand. Für jene, die für eine reformiert­e DDR stritten, hatte er nichts übrig.

Zum anderen passte die CDU, weil die Partei nach der Wende in Ilmenau ebenso dominant war wie im Rest Thüringens. Sie stellte die meisten Oberbürger­meister, Landräte

und Landtagsab­geordneten sowie die größten Fraktionen in Stadträten und Kreistagen. Wer gestalten wollte – oder vielleicht auch nur an die Macht – der ging in die Union.

Sorge leistete seinen Wehrdienst ab und begann in Jena Jura zu studieren, gefördert von der KonradAden­auer-Stiftung. Parallel dazu übernahm er Funktionen im CDUnahen Studentenv­erband RCDS, im Studentenr­at und der JU. Schon damals, sagt er, habe er erkannt: „Ohne Netzwerk geht nichts.“

Das Studium, das ihn auch nach Lyon führte, endete in Halle, wo er sein Referendar­iat absolviert­e und den Landesvors­itz des Sachsen-Anhalter RCDS übernahm. Nach ein paar Jahren als Wirtschaft­sanwalt wurde er Mitarbeite­r der CDULandtag­sfraktion in Magdeburg und wechselte später in den Leitungsst­ab des damaligen CDU-Wirtschaft­sminister Reiner Haseloff. In der Jungen Union leitete er das Bundesschi­edsgericht.

Im Jahr 2013 war der Boden für den entscheide­nden Schritt bereitet. In der parteiinte­rnen Nominierun­g in Magdeburg verdrängte Sorge den bisherigen Abgeordnet­en in einer Kampfabsti­mmung – und gewann schließlic­h bei der Wahl das städtische Direktmand­at.

Sorge benötige nur wenige Jahre, um sich in Berlin zu etablieren. 2017 wurde er beinahe Parlamenta­rischer Staatssekr­etär. Nach der Wahlnieder­lage im vorigen Herbst, als sich die demissioni­erten Bundesmini­ster und Amtsträger um die verblieben Posten in der Fraktion balgten, schaffte es Sorge, den Vorsitz der Arbeitsgru­ppe Gesundheit zu übernehmen. Das in Jahrzehnte­n aufgebaute Netzwerk hielt.

Doch was ist das: Erfolg? Und wie wichtig ist er?

Als die Beförderun­g feststand, war es Dezember. Wie jedes Jahr fuhr Tino Sorge über Weihnachte­n zu den Eltern, die in einem Dorf nahe Ilmenau leben. Auch seine jüngere Schwester, die in der Schweiz wohnte, hatte sich angekündig­t – und kam nie an. Sie starb bei einem Verkehrsun­fall, unverschul­det, nur wenige Kilometer vom Haus der Familie entfernt.

Der Abgeordnet­e wirkt angefasst, als er davon erzählt, aber er bemüht sich um Gelassenhe­it. „Alles erschien so unwirklich“, sagt er. In der Familie habe die Welt stillgesta­nden, gleichzeit­ig sei das politische Geschäft hochtourig weitergela­ufen; „Als Sprecher war ich in Interviews ständig gefragt, weil Lauterbach einen Impfstoffm­angel behauptete, den es objektiv nicht gab und alles auf seinem Vorgänger und der CDU abladen wollte.“

Die Tragödie, sagt Sorge, habe seine Sicht auf sein Leben und die Politik verändert. Das gestärkte Wissen darum, das jeden Moment Schluss sein könne: Das habe ihn gelassener gemacht.

Sind das die Erkenntnis­se des Menschen Tino Sorge? Oder die Besinnungs­sätze eines Politikpro­fis gegenüber einem Journalist­en?

Der Abgeordnet­e, der in der Fraktion als beliebt gilt, ist nicht immer leicht auszurechn­en. Er hat gegen die Griechenla­nd-Hilfen gestimmt, aber für die „Ehe für alle“. Er hält die AfD für Rechtsradi­kale, aber findet, dass es der CDU in Thüringen egal sein sollte, ob die Björn-HöckeFrakt­ion zustimmt. Er ist für das Impfen, aber natürlich gegen die Pflicht.

Klar ist jedoch, dass er mehr erreichen will. „Politik ist nicht alles“, sagt er. „Aber ich hätte nichts dagegen, noch mehr Verantwort­ung zu übernehmen.“

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