Thüringische Landeszeitung (Jena)

Heimat und Demokratie

- G.sommer@tlz.de

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Als Horst Seehofer Innenminis­ter auf Bundeseben­e wurde, hat er das „Heimatmini­sterium“erfunden, also eine Abteilung, die diesen Namen trug. Das darf in der Vergangenh­eitsform berichtet werden, weil durch die jetzige Innenminis­terin Nancy Faeser der Bereich nun eine neue Ausrichtun­g erhält. SPD-Frau Faeser sagt, sie habe aus der Heimat-Abteilung eine Abteilung gemacht zur Stärkung unserer Demokratie, zur Prävention gegen jede Form von Extremismu­s und für den gesellscha­ftlichen Zusammenha­lt. Das klingt so, als ob die Abteilung vorher unter der Rubrik Heimat womöglich noch was anderes wollte. Aber da die wenigsten Menschen während Seehofers Zeit mehr als das Stichwort Heimat gehört hatten, ist jetzt auch nur noch schwerlich nachvollzi­ehbar, was konkret verloren geht oder ersetzt wird.

Neuerdings wird im Zusammenha­ng mit Identitäts­debatten immer wieder darum gerungen, ob Menschen mehrere Heimaten haben können. Das ist merkwürdig, weil wir jedem eine Wahlheimat oder auch einen zweiten Wohnsitz zugestehen. Es geht weniger um weit auseinande­rliegende Orte, sondern mehr um Emotionale­s, Kulturelle­s.

Übrigens scheint es bei manchen Leuten so zu sein: Keine Heimatdeba­tte, kein Verweis auf moderne Demokratie und gesellscha­ftlichen Zusammenha­lt ohne vogelschis­shaften Nazi-Vergleich. Jedenfalls drängt sich dieser Eindruck bei jener AfD-Vizesprech­erin auf, die sich jetzt in einer Mitteilung zu der Aussage verstieg, Faeser wolle „unsere Kultur“aushöhlen und hätte das Ministeriu­m besser in „Propaganda­ministeriu­m“umbenennen sollen. Mit der Stärkung der Demokratie würde zur Abschaffun­g der Meinungsfr­eiheit beigetrage­n, so die steile These, die natürlich durch die Meinungsfr­eiheit gedeckt ist. So geht Demokratie. Das versteht halt nicht jeder.

 ?? ?? Gerlinde Sommer zu Heimat und Demokratie
Gerlinde Sommer zu Heimat und Demokratie

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