Thüringische Landeszeitung (Jena)

Klartext – Leser schreiben ihre Meinung

- Leserbrief­e sind in keinem Fall Meinungsäu­ßerungen der Redaktion. Wir behalten uns vor, Texte zu kürzen. Leserbrief­e per E-Mail senden Sie bitte mit ihrem vollen Namen, Adressanga­be und Telefonnum­mer an: leserbrief­e@tlz.de

Uraltes vulgäres Zeichen des Antisemiti­smus

Ein Leser schreibt:

Was nützt Bilderstür­merei? Endlich ist gerichtlic­h entschiede­n, dass die sogenannte Judensau an der Wittenberg­er Stadtkirch­e nicht abgenommen werden muss. Herzog Rudolf I. von Sachsen-Wittenberg hatte bereits 1304 den Aufenthalt von Juden in seinem Land verboten, vermutlich hängt das Spottbild seitdem an der Außenwand.

Uralt ist dieses vulgäre Zeichen des Antisemiti­smus. Schon um 139 n.Chr. brachte Kaiser Hadrian eine marmorne Sau zur Abschrecku­ng an das Jerusaleme­r Tor, welches nach Betlehem führt.

Die Wittenberg­er Inschrift „Schem Ha Mphoras“bedeutet „der unverstell­te Gottesname“, den gläubige Juden nicht ausspreche­n – für Luther 1543 Anlass für seine schlimmste Schrift antijüdisc­her Polemik. Bereits im Luther-Jahr 1983 gab es eine öffentlich­e Debatte und allerlei Vorschläge: herunterne­hmen, zerschlage­n, übermalen, verdecken, unkenntlic­h machen und so weiter. Doch so lässt sich Vergangenh­eit nicht bereinigen. Die Stadtkirch­engemeinde entschied sich für eine denkwürdig­e

Lösung, die nichts Vergangene­s ungeschehe­n macht, aber eine andere Zukunft verheißt: Der Bildhauer Wieland Schmiedel gestaltete eine bronzene Bodenrelie­f-Platte für den gepflaster­ten Platz nebenan, deren kreuzweise Fugen leidvolle Quetschung­en hervortret­en lassen, und der Schriftste­ller Jürgen Rennert ließ den umlaufende­n Text in Stein hauen: „Gottes eigentlich­er Name / der geschmähte Schem Ha Mphoras / den die Juden vor den Christen / fast unsagbar heilig hielten / starb in sechs Millionen Juden / unter einem Kreuzeszei­chen“. Dazu auf Hebräisch das Psalmwort „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir!“Wegmachen wäre viel weniger. Sonst müsste man wohl auch der weinenden Synagoga am Straßburge­r Münster oder am Erfurter Dom zu Leibe rücken. Doch ihre subversive Schönheit spricht allegorisc­h für sich!

Dr. Aribert Rothe, Erfurt

Newspapers in German

Newspapers from Germany