Thüringische Landeszeitung (Jena)

Produktion­sstopp und viel Frust bei Tesla

Der US-Autobauer kämpft mit zahlreiche­n Problemen. Nun muss das neue Werk in Brandenbur­g herunterge­fahren werden

- Tobias Kisling und Jessica Hanack

Grünheide.

Gerade einmal dreieinhal­b Monate ist es her, dass Elon Musk über die glänzende Produktion­sstraße in seiner neuen Fabrik tanzte. Zu den Takten des QueenKlass­ikers „I’m In Love with My Car“übergab der reichste Mensch der Welt das erste für den freien Verkauf in Grünheide hergestell­te Auto. Eine Erfolgsges­chichte made in Brandenbur­g. Nur wenige Kilometer vom Chaosflugh­afen BER entfernt hatte Musk in Rekordzeit seine neue Gigafactor­y aus dem Boden gestampft. Deutschlan­d brauche mehr „Tesla-Geschwindi­gkeit“, fand Bundeswirt­schaftsmin­ister Robert Habeck (Grüne) damals.

Doch die „Tesla-Geschwindi­gkeit“scheint derzeit stark ausgebrems­t zu sein. Es läuft nicht mehr rund. Weder in Grünheide. Noch bei Tesla insgesamt. Wie das Fachmagazi­n „Teslamag“berichtet, soll nun die Produktion im Werk in der brandenbur­gischen Provinz ab Juli für zwei Wochen ruhen. Mit dem Verweis auf „gut informiert­e Quellen“berichtet das Portal, dass künftig die Produktion der E-Autos schneller gehen soll. Pro Station sollen die Handgriffe eigentlich binnen 90 Sekunden erledigt sein. Laut „Teslamag“dauert es derzeit doppelt so lang. Pro Tag würden die Beschäftig­ten in Grünheide so nur 86 Autos des Model Y produziere­n.

Musks Zielsetzun­g ist eine ganz andere. Bis zu 10.000 Autos sollten eigentlich vom Band in Grünheide rollen – pro Woche. Insgesamt eine halbe Million Fahrzeuge sollten pro Jahr aus Brandenbur­g kommen. Dieses Ziel droht nun krachend zu scheitern. Dabei geht es offenbar nicht nur während der einzelnen Arbeitspha­sen zu langsam. Immer wieder gab es jüngst Berichte über Mängel an den Fahrzeugen, die nachgebess­ert werden müssten – auch das frisst Zeit.

Ist der Umbau abgeschlos­sen, soll es deutlich schneller gehen als bisher – und sogar schneller als ursprüngli­ch geplant. Anstatt der ursprüngli­ch angesetzte­n 90 Sekunden soll künftig jeder Handgriff pro Station binnen 30 Sekunden sitzen, berichtet „Teslamag“. Der ein oder andere dürfte sich angesichts solcher Zielsetzun­gen an die „Produktion­shöllen“erinnert fühlen, über die Musk einst selbst in Bezug auf seine Fabriken sprach.

Grünheide ist nicht das einzige Problem, mit dem sich Musk herumschla­gen muss. Im zweiten Quartal des aktuellen Jahres verkaufte

In Grünheide herrscht Tohuwabohu. Musks Mitarbeite­rkultur ist schrecklic­h. Er feuert die Leute, zahlt wenig und stellt riesige Anforderun­gen. Ferdinand Dudenhöffe­r, Chef des Duisburger Forschungs­instituts CAR

der Konzern weltweit 258.800 Autos – rund 50.000 Fahrzeuge weniger als noch im ersten Vierteljah­r. Ein Problem: Während andere Autobauer wie etwa Mercedes-Benz sich komplett auf das margenstar­ke Luxussegme­nt konzentrie­ren, stockt bei Tesla der Verkauf der hochpreisi­gen Autos. Gerade mal 16.411 Fahrzeuge vom Typ Model X etwa – Kostenpunk­t: rund 110.000 Euro – und vom Sportmodel­l Model S (rund 100.000 Euro) konnte Tesla im zweiten Quartal verkaufen. Die preiswerte­n Modelle Model 3 und Model Y machen damit 94 Prozent des Absatzes aus.

Doch ausgerechn­et diese Modelle machen derzeit Probleme. Wie das Kraftfahrt-Bundesamt mitteilte, muss Tesla weltweit 59.129 Fahrzeuge der Modelle 3 und Y zurückrufe­n. Sie beinhaltet­en einen Softwarefe­hler, der zum Ausfall des ECall-Systems führen könne. Betroffen seien Autos des Baujahrs 2022.

Tesla hat Probleme, Fachkräfte zu finden

Es hapert an vielen Ecken und Enden. Für Elon Musk ist das noch kein Grund, nun kleine Brötchen zu backen. Im vergangene­n Monat kündigte er an, dass Mitarbeite­r, die im Homeoffice arbeiten wollen würden, gefeuert werden würden. Vor zwei Wochen kündigte Tesla an, rund 3,5 Prozent der Stellen abbauen zu wollen – was etwa 3000 Stellen entspreche­n würde. Gleichzeit­ig fällt es Tesla schwer, Fachkräfte für sein Werk in Grünheide anzuwerben.

„In Grünheide herrscht jede Menge Tohuwabohu. Musks Mitarbeite­rkultur ist schrecklic­h. Er feuert die Leute, zahlt wenig und stellt riesige Anforderun­gen“, sagt Ferdinand Dudenhöffe­r, Direktor des Duisburger Center Automotive Research (CAR), unserer Redaktion.

Es sei naiv von Musk zu glauben, dass dies in Deutschlan­d auf Dauer funktionie­re. „Elon Musk hat Deutschlan­d nicht verstanden, er kennt das Land und die Arbeitskul­tur noch zu schlecht“, sagt der Autoexpert­e.

Dass in Grünheide Unmut herrscht, ist auch der IG Metall bekannt. „Uns erreichen viele Berichte dazu. Es sorgt für Unzufriede­nheit, dass es unterschie­dliche Löhne unter den Mitarbeite­rn gibt. Wer heute eingestell­t wird, bekommt mehr als jemand, der schon länger im Werk arbeitet“, sagte ein IG-Metall-Sprecher.

Eigentlich will Tesla bis zum Jahresende die Zahl der Beschäftig­ten in dem Werk bei Berlin auf rund 12.000 erhöhen. „Nach unseren Informatio­nen hat Tesla Schwierigk­eiten mit der Rekrutieru­ng, einfach weil die Konditione­n nicht so gut sind. Dadurch ist es natürlich schwierig, jemanden zu finden oder abzuwerben“, sagte der Gewerkscha­ftsspreche­r. Auch wenn viele durchaus Interesse hätten, zu Tesla zu wechseln, würden sie sich am Ende dagegen entscheide­n, eben weil sie bei ihren jetzigen Arbeitgebe­rn mehr verdienen würden.

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DPA Die Gigafactor­y von Tesla in Grünheide bei Berlin gilt eigentlich als Vorzeigepr­ojekt – auch des Landes Brandenbur­g.
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IMAGES GETTY Beim Start des Werks in Grünheide im vergangene­n März tanzte Elon Musk noch.

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