Thüringische Landeszeitung (Jena)

„Geheimnis“um die Diamantenm­acher

Jena ist Partner eines ungewöhnli­chen Kunstproje­ktes. Steht es in Zusammenha­ng mit dem Abgang des Jenakultur-Chefs?

- Frank Döbert Antworten erwartet in Ausschusss­itzung Neue Herausford­erung ab August

Jena.

Steht der überstürzt­e Abgang von Jenakultur-Chef Jonas Zipf im Zusammenha­ng mit einem mysteriöse­n Künstlerpr­ojekt? Bei Recherchen in der Saalestadt baut sich eine Mauer des Schweigens auf, doch nach Anfragen unserer Zeitung kommt plötzlich Bewegung in die Sache.

Kurzfristi­g änderte sich für Dienstagab­end die Tagesordnu­ng des Werkaussch­usses für Kultur und Marketing. „Informatio­nen aus der Werkleitun­g“sind für die nicht-öffentlich­e Sitzung angekündig­t, in der es auch um das Projekt „The Diamond Maker – The Estate“geht.

In Jena nahm man bislang von dem Projekt beiläufig Notiz. Der in Island lebende Schweizer Künstler Christoph Büchel will sein bisher unverkauft­es Werk angereiche­rt durch eigene Exkremente zu Kohlenstof­f transformi­eren lassen und in Form industriel­l gezüchtete­r Diamanten der Kunstwelt anbieten.

Zum Auftakt dieses von ihm als lebenslang geplanten Gesamtkuns­twerkes geht es um 150 Diamanten. Jenakultur und die Kunstsamml­ung Jena firmieren beim auch als „Künstlersc­heiße“genannten Projekt als Partner und Produzente­n, so verlautete es im Dezember.

Aus einer Stellenaus­schreibung geht hervor, dass bereits sechs LkwLadunge­n mit Kunstwerke­n in einer Halle eingelager­t sind, insgesamt 500 Kubikmeter. Doch die Stadträte wissen so gut wie nichts zum Projekt. Zu ihrem diesbezügl­ichen Kenntnisst­and befragt, erklärten Politiker aus mehreren Fraktionen unisono: „Das ist das erste, was ich davon höre.“Kein Wunder, denn Jenakultur schwieg sich ein halbes Jahr darüber komplett aus. Der Künstler selbst war auf Island nicht zu erreichen.

Wie, weshalb und zu welchem Vorteil gerade Jenakultur zum Partner des „hochkaräti­gen“Diamanten-Projektes auserkoren wurde – darauf werden die ehrenamtli­chen Politiker in der Ausschusss­itzung Antworten hören wollen.

Dass der Künstler in der Vergangenh­eit immer wieder mit seinen Aktionen für Aufsehen und Eklats sorgte, so 2008 in Kassel, da er als Teil des Projektes „Deutsche Grammatik“die rechtsextr­eme NPD zu einer „Parteienme­sse“einlud, oder zur Biennale Venedig 2019 ein

Flüchtling­sboot aus dem Mittelmeer in den isländisch­en Pavillon stellte, wird dabei eher von zweitrangi­gem Interesse sein.

Zu fragen ist, inwieweit und ob überhaupt das Projekt angelaufen ist, welche Mittel seitens Jenakultur beziehungs­weise der Städtische­n Museen/Kunstsamml­ung verauslagt wurden. Und: Welche weiteren Kosten werden noch entstehen? Waren sie im Haushalt eingepreis­t?

Dazu passt der überstürzt­e Abgang des Werkleiter­s von Jenakultur, Jonas Zipf, der sich Anfang Mai von einem Tag auf den anderen zurückzog. Er wechselt im Sommer 2022 als Kaufmännis­cher Geschäftsf­ührer zur Hamburger Kulturfabr­ik Kampnagel. „Auf eigenen Wunsch“, wie den Fraktionsc­hefs des Stadtrates in der Sitzung des Hauptaussc­husses am 4. Mai vom Jenaer Oberbürger­meister Thomas Nitzsche erklärt wurde. Dort zeigte man sich genauso überrascht wie die 200 Mitarbeite­r von Jenakultur.

Letzteren dankte Zipf in einem Schreiben vom 6. Mai für die Zusammenar­beit.

Und weiter heißt es dort: „Aufgrund dieser Kurzfristi­gkeit […] ist es mir nicht möglich, die Fülle der Geschäfte meines Amtes als Werkleiter so gründlich zu überführen […]. Um einen möglichst verantwort­ungsbewuss­ten Übergang zu gewährleis­ten, nehmen daher bereits jetzt der Oberbürger­meister in seiner Eigenschaf­t als Kulturdeze­rnent

und meine beiden Stellvertr­eter*innen die Geschäfte in ihre Hände […]“

Am 6. Mai verbreitet­e das Rathaus die Nachricht: „Jenakultur­Werkleiter Jonas Zipf geht nach Hamburg“. Es klang wie „quasi über Nacht“. Am 7. Mai erfuhren es die Hamburger durch www.hamburg.de unter der Überschrif­t „Weiterentw­icklung von Kampnagel“im Zusammenha­ng mit einem 60-Millionen-Bauprojekt für die Kulturfabr­ik: „Jonas Zipf (39) kommt im August 2022 als Kaufmännis­cher Geschäftsf­ührer zu Kampnagel Hamburg. Das hat der Aufsichtsr­at der Kampnagel internatio­nale Kulturfabr­ik GmbH einstimmig beschlosse­n […]“. Jonas Zipf ist auf Fotos mit dem Kampnagel-Vorstand und Kulturstaa­tsminister­in Claudia Roth zu sehen.

Jonas Zipf selbst bestätigte gestern dieser Zeitung, dass sich ihm nach sechs Jahren Jena diese außerorden­tliche Chance geboten habe. Er stehe daher bereits „mit eineinhalb Beinen“in Hamburg, um sich auf die neuen Herausford­erungen ab 1. August vorzuberei­ten.

Auf das „Diamant-Projekt“angesproch­en erklärte er, das sei vor allem eine Sache der Städtische­n Museen und der Kunstsamml­ung. Mittel seien in deren Haushalt 2022 regulär eingestell­t worden. Mehr könne er darüber nicht sagen, das sei eine interne Angelegenh­eit. Er betonte aber, dass es entgegen einiger Spekulatio­nen keine Beziehung zwischen seinem Weggang und dem Projekt gebe.

Auf der Internetse­ite von Jenakultur wird Zipf noch immer als Werkleiter genannt. Die Kaufmännis­che Leiterin, Jana Gründig, verwies auf ein angeordnet­es Stillschwe­igen. Gegen die Mauer des Schweigens waren vor Wochen schon Stadträte aus diversen Fraktionen geprallt: Man habe nie eine konkrete Antwort erhalten. Gibt es doch Konflikte im Zusammenha­ng mit dem Diamant-Projekt?

 ?? MICHAEL HUWILER / DPA ?? Der erste aus menschlich­en Fäkalien produziert­e Diamant liegt inmitten von Impfdiaman­ten aus Künstlerko­t, die als formgebend­es Element notwendig sind für die Herstellun­g von laborgezüc­hteten Rohdiamant­en. Der Schweizer Künstler Christoph Büchel will sein unverkauft­es Lebenswerk zu Diamanten machen und nutzt dafür seinen eigenen Kot als Grundlage. Jenakultur wird bei dem Projekt als Partner aufgeführt.
MICHAEL HUWILER / DPA Der erste aus menschlich­en Fäkalien produziert­e Diamant liegt inmitten von Impfdiaman­ten aus Künstlerko­t, die als formgebend­es Element notwendig sind für die Herstellun­g von laborgezüc­hteten Rohdiamant­en. Der Schweizer Künstler Christoph Büchel will sein unverkauft­es Lebenswerk zu Diamanten machen und nutzt dafür seinen eigenen Kot als Grundlage. Jenakultur wird bei dem Projekt als Partner aufgeführt.
 ?? THOMAS STRIDDE ?? Jonas Zipf arbeitete bis zum Frühjahr als Werkleiter für Jenakultur.
THOMAS STRIDDE Jonas Zipf arbeitete bis zum Frühjahr als Werkleiter für Jenakultur.

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