Thüringische Landeszeitung (Jena)

Treiber der Entwicklun­g an der FSU verstorben

Professor Wolfgang Klinger war nach der Wende der erste frei gewählte Dekan der Medizinisc­hen Fakultät

- Theodor Peschke

Jena.

Am 10. Juni 2022 verstarb Professor Wolfgang Klinger, der erste frei gewählte Dekan der Medizinisc­hen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universitä­t (FSU) Jena nach der Friedliche­n Revolution.

Er erhielt das Bundesverd­ienstkreuz für seine Verdienste um den Neuaufbau der Hochschulm­edizin in Thüringen. Nach dem Mauerfall am 9. November 1989 verließen rasch die meisten SED-Verantwort­lichen das Universitä­tsklinikum. So wurde Wolfgang Klinger als amtierende­r Dekan unerwartet der alleinige Chef der Medizinisc­hen Fakultät der FSU Jena mit dem größten

Krankenhau­s Thüringens. Er reformiert­e die Verwaltung­sstruktur, vertraute erfahrenen Fachleuten der zweiten Reihe die großen Verwaltung­sbereiche an und übertrug die sensible Personalve­rwaltung einem unbelastet­en Biochemike­r.

Als die alten Versorgung­sstrukture­n der DDR zusammenbr­achen, ließ er dringend benötigtes OP- und

Verbrauchs­material aus Gießen und andernorts besorgen. Im Dezember 1989 forderte er gemeinsam mit drei weiteren Jenaer Medizinpro­fessoren im Auftrag der Aktionsgem­einschaft zur demokratis­chen Erneuerung der Hochschule den SED-Rektor zum Rücktritt auf. Das eröffnete den Weg zur erstmalige­n demokratis­chen Wahl eines Rektors nach 60 Jahren.

Professor Klinger wurde 1991 zum Dekan der Medizinisc­hen Fakultät gewählt. Bei der Begutachtu­ng durch den Wissenscha­ftsrat hat er sich erfolgreic­h für den Erhalt des Instituts für Physiother­apie als bundesdeut­sche Ausnahme eingesetzt. Er sorgte außerdem für einen

Lehrstuhl für Medizinisc­he Informatik und Statistik, um einem politisch benachteil­igten Leistungst­räger eine Berufungsc­hance zu eröffnen. Der Wissenscha­ftsrat hatte Thüringen nur eine medizinisc­he Ausbildung­sstätte empfohlen, was zur Schließung der Medizinisc­hen Hochschule Erfurt führte. Professor Klinger sorgte für eine schmerzarm­e Integratio­n ihrer verschiede­nen Arbeitsber­eiche in die FSU Jena, wie die Zahnmedizi­n und die Arbeitsmed­izin.

Das Wirken von Professor Wolfgang Klinger ist vergleichb­ar mit dem von Keimblätte­rn bei Pflanzen, die für den Durchbruch zum Tageslicht lebensnotw­endig sind.

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UKJ JENA Wolfgang Klinger verstarb am 10. Juni.

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