Tra­gi­ko­mi­scher Kul­tur­kampf am Lan­des­thea­ter Ei­se­nach

Ute Schmidt und Mat­thi­as Win­de spie­len „Das Ori­gi­nal“von Ste­phan Sachs groß­ar­tig

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - KULTUR & FREIZEIT - Von Micha­el Hel­bing

Lio­nel ver­traut sei­nem ers­ten Ein­druck, sei­nem „Au­gen­blick“. Er nennt es: „Wis­sen oh­ne zu den­ken.“Mau­de nennt es: „Schei­ßen oh­ne zu gu­cken.“Da­mit schei­nen die Fron­ten ge­klärt. Für den Au­gen­blick we­nigs­tens. Hier die dis­tin­gu­ier­te Er­ha­ben­heit (und Über­heb­lich­keit), die un­ver­bind­li­che Höf­lich­keit auch ei­nes welt­män­ni­schen New Yor­kers, dort die de­vo­te Be­flis­sen­heit und die vul­gä­re Di­rekt­heit ei­ner un­be­darf­ten Land­po­me­r­an­ze ir­gend­wo im Nir­gend­wo ka­li­for­ni­scher Wei­ten.

Da­zwi­schen lie­gen Wel­ten. Wo sie sich be­geg­nen, fin­det ein Kampf der Kul­tu­ren statt, ei­ner mit un­ge­wis­sem Aus­gang. Denn die Ver­hält­nis­se sind nicht so, wie sie schei­nen. Und kei­ner geht als Sie­ger vom Platz. Ei­ne ge­schei­ter­te Exis­tenz spie­gelt sich in der an­de­ren. Bei­de könn­ten ein wert­vol­les Ori­gi­nal oder ei­ne bil­li­ge Ko­pie sein.

Dar­um geht es im tra­gi­ko­mi­schen Zwei-per­so­nen-stück „Das Ori­gi­nal“, ei­nem Well-ma­de-play von Ste­phen Sachs aus Los An­ge­les. Dass es dar­in auch um ein ver­meint­li­ches oder auch tat­säch­li­ches Ge­mäl­de des abs­trak­ten Ex­pres­sio­nis­ten Jack­son Pol­lock geht, ist im wört­li­chen wie über­tra­ge­nen Sinn da­für: nur ein Bild.

Vom Ma­te­ri­el­len zum Ide­el­len

Es ist ei­ne Pro­jek­ti­on. Das wie­der­um neh­men Re­gis­seur Mar­kus Fen­nert und Aus­stat­te­rin Sa­rah An­to­nia Rung am Lan­des­thea­ter Ru­dol­stadt wört­lich. Sie las­sen das Ge­mäl­de, den Ge­gen­stand der De­bat­te, auf die Fens­ter in Mau­des schä­bi­gem Wohn­wa­gen pro­ji­zie­ren, der an­sons­ten als Ske­lett auf der Büh­ne steht, kä­figg­leich. Es geht, will uns das sa­gen, nicht um Ma­te­ri­al und Ma­te­ri­el­les, son­dern um Idea­le und Ide­el­les.

Zwar könn­te das Bild, das Mau­de für drei Dol­lar im Ramschla­den er­stand, 50 bis 100 Mil­lio­nen Dol­lar wert sein, falls es sich um ei­nen Pol­lock han­del­te, wie man ihr zu­flüs­ter­te. Aber so bil­lig ist die­ses Stück nicht zu ha­ben. Sei­ne Prot­ago­nis­ten ver­kau­fen sich dar­in teu­er.

So ist es jetzt auf der Vor­büh­ne des Lan­des­thea­ters Ei­se­nach zu se­hen, auf die die Ru­dol­städ­ter nicht zum ers­ten Mal ein Stück ih­rer klei­nen Spiel­stät­te „Schmink­kas­ten“hie­ven. Sie bau­en die viel grö­ße­re Büh­ne des­halb links und rechts mit schwar­zen Wän­den zu, de­rer es viel­leicht gar nicht be­durf­te.

Es be­darf vor al­lem er­fah­re­ner Schau­spie­ler, die sich la­ko­ni­sche Dia­lo­ge wie Bäl­le zu­spie­len und de­ren Zwi­schen­räu­me fül­len kön­nen. Die fand Fen­nert, der sich im Text ei­ni­ge Frei­hei­ten er­laubt, in Ute Schmidt und Mat­thi­as Win­de. Sie be­geg­nen sich in der Be­rufs­aus­übung auf glei­cher Au­gen­hö­he, bei un­ter­schied­li­cher Fall­hö­he der Fi­gu­ren.

Ute Schmidt als Ex-bar­da­me und Al­ko­ho­li­ke­rin, vom Selbst­zwei­fel zer­fres­sen und nach Be­stä­ti­gung gie­rend, rückt mit dop­pel­ten und drei­fa­chen Spiel­chen ins Zen­trum. Mat­thi­as Win­de gibt sich als Kunst­sach­ver­stän­di­ger über je­den Zwei­fel er­ha­ben und über­spielt ihn, wo er doch nagt. Er be­gibt sich, in der Ten­denz, in ei­ne die­nen­de Rol­le: als Si­de­kick ei­ner Haupt­fi­gur. Das lässt ihn et­was an­fäl­li­ger für Rou­ti­ne wer­den, die Ute Schmidt viel häu­fi­ger ver­lässt.

Spiel vol­ler Schat­tie­run­gen

Sie spielt na­tür­lich nicht wie ei­ne An­fän­ge­rin, aber wie ei­ne, die im­mer wie­der neu an­fängt. Sie hin­ter­lässt beim Part­ner eben­so wie bei uns ei­nen ers­ten, zwei­ten, drit­ten Ein­druck. Kei­ner hat Be­stand. Sie ist das nai­ve Dumm­chen, das durch­trie­be­ne Lu­der, ein al­tes Mäd­chen, ein Kerl von ei­nem Weib. Sie flö­tet hier und brummt dort. Un­ter al­lem Zar­ten lau­ert das Gro­be - und um­ge­kehrt.

Sie spielt ihm was vor, er spielt sich was vor. Das ist ein Un­ter­schied. Win­des Lio­nel, groß­spu­rig und klein­ka­riert, ver­än­dert Hal­tun­gen, Schmidts Mau­de auch die Far­be. Ihr Spiel ist so vol­ler Schat­tie­run­gen und Ein­spreng­sel wie ein Pol­lock-ori­gi­nal.

Mit ih­rem Re­gis­seur Mar­kus Fen­nert ge­lingt bei­den ei­ne poin­ten­si­che­re, ver­gnüg­li­che und zu­gleich un­ter die Ober­flä­che ge­lan­gen­de Ins­ze­nie­rung, der man kei­nen Au­gen­blick trau­en darf.

Wie­der am 7., 10. und 24. No­vem­ber.

FO­TO: LI­SA STERN

Ute Schmidt als ehe­ma­li­ge Bar­da­me Mau­de Gut­man in ih­rem schä­bi­gen Wohn­wa­gen, wo sie Mat­thi­as Win­de als welt­män­ni­scher Kunst­ex­per­te Lio­nel Per­cy aus New York auf­sucht.

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