„Letzt­end­lich ging es uns um Frei­heit“

Die Leip­zi­ger Mon­tags­de­mos ste­hen in den Ge­schichts­bü­chern. Doch auch in Bad Lan­gen­sal­za regt sich im Herbst 1989 Wi­der­stand

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Unstrut-hainich - VON FRIEDEMANN MER­TIN

Es be­gann im Zwie­ge­spräch, mit Un­ter­hal­tun­gen in klei­nen Grup­pen. Es ru­mor­te im Land, das blieb auch den Men­schen in Bad Lan­gen­sal­za 1989 nicht ver­bor­gen. In Leip­zig, Dres­den, Ros­tock und an­de­ren Städ­ten gin­gen die Men­schen ge­gen das Ddr-re­gime auf die Stra­ße. „Die­se Stim­mung hat sich wie ein un­ter­ir­di­scher Fluss fort­ge­setzt. Auf Ar­beit ha­ben wir uns aus­ge­tauscht. Vie­le wa­ren un­zu­frie­den“, er­in­nert sich Rolf Mat­thäs.

Er war Mit­be­grün­der der De­mo­kra­ti­schen Ba­sis­grup­pe Bad Lan­gen­sal­za. Ei­ne von drei Grup­pie­run­gen, ne­ben dem Neu­en Fo­rum und dem De­mo­kra­ti­schen Auf­bruch, die auch in der Kur­stadt Ver­än­de­run­gen er­rei­chen woll­ten.

„Wir be­gan­nen da­mit, vie­les zu hin­ter­fra­gen. Kirch­lich ge­bun­de­ne Mit­glie­der der Grup­pe fuh­ren zu Ver­an­stal­tun­gen nach Er­furt und brach­ten Ma­te­ri­al mit. Wir dis­ku­tier­ten über die Si­tua­ti­on im Land und über die Schluss­ak­te von Hel­sin­ki“, so Rolf Mat­thäs.

Die­se war das Er­geb­nis der Kon­fe­renz über Si­cher­heit und Zu­sam­men­ar­beit in Eu­ro­pa, wo sich die Staa­ten des Ost­blocks und des Wes­tens über ein ge­re­gel­tes Mit­ein­an­der ver­stän­dig­ten. Ne­ben der An­er­ken­nung der Staats­gren­zen ging es auch um die Wah­rung der Men­schen­rech­te. Die DDR un­ter­zeich­ne­te die Ak­te 1975, Men­schen­rech­te wer­den wei­ter­hin igno­riert.

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Ta­ge vor dem Fall der Mau­er und der Grenz­öff­nung fand in Bad Lan­gen­sal­za die ers­te De­mons­tra­ti­on statt. An­fangs ging es den Pro­tes­tie­ren­den um ei­ne Re­form des Ddr-staa­tes.

Die Zu­sam­men­künf­te wuch­sen. En­de Ok­to­ber 1989 gab es die ers­te De­mons­tra­ti­on in Bad Lan­gen­sal­za. Es folg­ten Aus­spra­chen und Ge­sprä­che mit dem da­ma­li­gen Bür­ger­meis­ter Horst Krie­ger, dem Sed-kreis­se­kre­tär Jür­gen Tim­plan und dem Vor­sit­zen­den vom Rat des Krei­ses Jür­gen Sch­wehr. Die­se Ge­sprä­che hät­ten aber zu nichts ge­führt, das sei schnell klar ge­we­sen.

2000

Men­schen ver­sam­mel­ten sich am 2. No­vem­ber 1989 in der Berg­kir­che. Auch zu den Frie­dens­ge­be­ten in der Markt­kir­che in den fol­gen­den Wo­chen ka­men Hun­der­te. Die Stadt­obe­ren hät­ten Pro­ble­me ba­ga­tel­li­siert und nur va­ge, fa­den­schei­ni­ge Aus­künf­te ge­ge­ben. Dies ha­be er von Mit­strei­tern er­fah­ren, da er selbst an den Ge­sprä­chen nicht teil­nahm.

„Auch des­halb hat sich die Be­we­gung wei­ter auf­ge­baut. Wir woll­ten die DDR re­for­mie­ren. Nie­mand hat zu die­sem Zeit­punkt an Wie­der­ver­ei­ni­gung ge­dacht. Wir hat­ten es satt, be­vor­mun­det zu wer­den und un­ser Le­ben nicht steu­ern zu kön­nen. Wir woll­ten Gleich­be­rech­ti­gung, woll­ten rei­sen, mehr Ehr­lich­keit, mehr Of­fen­heit“, sagt Rolf Mat­thäs. Auch in Bad Lan­gen­sal­za sei es um die gro­ßen Fra­gen ge­gan­gen. Man ha­be So­li­da­ri­tät mit den gro­ßen Städ­ten zei­gen wol­len.

Dass im­mer mehr Men­schen of­fen ih­re Un­zu­frie­den­heit äu­ßer­ten, ha­be ihm Mut ge­macht. „Was die an­de­ren emp­fun­den ha­ben, kann ich nicht be­ur­tei­len. Ich hat­te in ers­ter Li­nie Angst. Zu­hau­se stand ein ge­pack­ter Kof­fer für den Fall, dass sie mich ab­ho­len. Aber ich merk­te, ich war nicht al­lei­ne. Auch an­de­re lit­ten un­ter der Gän­ge­lung.“

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Per­so­nen – et­wa so vie­le wa­ren in der De­mo­kra­ti­schen Ba­sis­grup­pe ak­tiv, schätzt Rolf Mat­thäs. Ir­gend­wann ha­be man die Auf­nah­me ge­stoppt, weil Mit­hö­rer der Staats­si­cher­heit ge­fürch­tet wur­den.

Eu­pho­rie dar­über, dass et­was vor­an­geht, ha­be sich erst spä­ter ein­ge­stellt. Denn im Sep­tem­ber und Ok­to­ber sei die Si­tua­ti­on un­ge­wiss ge­we­sen. Auf dem Be­triebs­ge­län­de der Fut­ter­mit­te­lund Trans­port (Fut­tra) hät­ten Be­ton­pfos­ten und St­a­chel­draht ge­le­gen, um im Ernst­fall ein La­ger ein­zu­rich­ten.

Ein Hö­he­punkt der Wen­de­zeit in Bad Lan­gen­sal­za war ei­ne In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung in der Berg­kir­che. Am 2. No­vem­ber 1989, ei­ne Wo­che vor dem Mau­er­fall, ver­sam­mel­ten sich 2000 Men­schen in dem Got­tes­haus. Die De­mo­kra­ti­sche Ba­sis­grup­pe, das Neue Fo­rum und der De­mo­kra­ti­sche Auf­bruch hat­ten ge­mein­sam ein­ge­la­den.

Am 5. De­zem­ber 1989, ei­nem Di­ens­tag, fand das ers­te Frie­dens­ge­bet in der Markt­kir­che statt. Dort wur­den Ge­sprä­che ge­führt und For­de­run­gen öf­fent­lich ge­macht. Die Grup­pen sei­en be­strebt ge­we­sen, die ak­tu­el­len The­men der Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen auf­zu­grei­fen. Rolf Mat­thäs fasst zu­sam­men; „Wir woll­ten kei­nen Ma­te­ria­lis­mus und Ka­pi­ta­lis­mus. Letzt­end­lich ging es uns um Frei­heit.“

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St­un­den dau­er­te das ers­te Rat­haus­ge­spräch zwi­schen Bür­gern und den Stadt­obe­ren am 31. Ok­to­ber 1989 im völ­lig über­füll­ten Sit­zungs­saal. Das geht aus ei­nem Zei­tungs­ar­ti­kel her­vor.

FO­TOS (): HA­RALD JADKE / AR­CHIV HART­MUT RO­SIN­GER

Zu den In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen und Frie­dens­ge­be­ten in den Kir­chen Bad Lan­gen­sal­z­as zog es Hun­der­te Men­schen. Die­se Bil­der zei­gen ei­ne der größ­ten Ver­samm­lun­gen am . No­vem­ber , ei­ne Wo­che vor dem Mau­er­fall, in der Berg­kir­che. Vie­le Ak­ti­ve der Pro­test­grup­pen wa­ren kirch­lich ge­bun­den.

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