An­na Blu­mes ero­ti­sche Kon­takt­an­zei­ge

Ro­man­tik­er­haus Je­na wid­met dem Thü­rin­ger Kon­zept­künst­ler Bir­ger Jesch ei­ne Aus­stel­lung

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Kultur & Freizeit - Von Ul­ri­ke Mer­kel

In der Wen­de­zeit star­tet Kon­zept­künst­ler Bir­ger Jesch ein Kon­takt­an­zei­gen-pro­jekt. Im Na­men von Kurt Schwit­ters’ Kunst­fi­gur An­na Blu­me schal­tet er ei­ne An­non­ce un­ter an­de­rem in den Thü­rin­ger Neus­ten Nach­rich­ten, laut der die „rei­fe Da­me mit Sex-ap­peal“ei­nen jun­gen schö­nen Mann aus der DDR für ero­ti­sche Aben­teu­er sucht. „Ganz­fo­to Be­din­gung“. Mehr als 300 Ant­wor­ten er­rei­chen den Künst­ler da­mals.

Die Fo­tos, Brie­fe und Brief­um­schlä­ge be­rei­tet Jesch spä­ter auf. Er baut et­wa aus qua­dra­ti­schen Text­stel­len ein neun­tei­li­ges Qua­drat oder prä­sen­tiert die No­ti­zen der Fo­tor­ück­sei­ten: „Hof­fe, daß das Ganz­fo­to Sie vor­erst be­frie­digt!??“, steht da et­wa ge­schrie­ben. Oder: „Ent­schul­di­gen Sie, aber ein bes­se­res Photo war auf die Schnel­le nicht zu be­kom­men.“Ir­ri­tie­rend sind drei Fo­tos, bei de­nen die Be­wer­ber Per­so­nen, die ne­ben ih­nen stan­den, ein­fach ab­ge­schnit­ten ha­ben. Un­wei­ger­lich ver­mu­tet man da ei­ne mög­li­che Ehe­frau oder fes­te Part­ne­rin im Hin­ter­grund.

Das Ro­man­tik­er­haus Je­na wid­met dem in Blan­ken­hain im Wei­ma­rer Land le­ben­den Künst­ler sei­ne neue Aus­stel­lung „Kor­re­spon­den­zen: Au­to­gra­phen – Sil­hou­et­ten – Col­la­gen. Ar­bei­ten von Bir­ger Jesch“. Aus­lö­ser für die Ein­la­dung wa­ren Jeschs Sil­hou­et­ten-bil­der. Auch in der Zeit der Ro­man­tik war der Sche­ren­schnitt ei­ne be­lieb­te Por­trät­form. Jeschs Sil­hou­et­ten ba­sie­ren al­ler­dings auf Fo­tos. Sein Lang­zeit­pro­jekt „Schat­ten­al­bum“et­wa ver­bin­det Por­träts mit Le­bens­weis­hei­ten und State­ments über Le­ben und Kunst der Dar­ge­stell­ten. Die­se Se­rie soll in Je­na zu­min­dest als Vo­r­ort­ak­ti­on sei­nen Ab­schluss fin­den, kün­digt Bir­ger Jesch an. Am 25. Ja­nu­ar lädt er ein letz­tes Mal zur Fo­to­ses­si­on. „In­ter­es­sier­te müs­sen be­reit sein, ne­ben dem Pro­fil­bild auch ei­nen hand­schrift­li­chen Kommentar be­zie­hungs­wei­se Au­to­gra­fen zu hin­ter­las­sen, er­läu­tert der ge­bür­ti­ge Sach­se. Die Aus­stel­lung ge­währt dar­über hin­aus Ein­bli­cke in ei­nen wei­te­ren wich­ti­gen Werk­kom­plex Bir­ger Jeschs. In der DDR und Nach­wen­de­zeit ge­hör­te er zu den wich­tigs­ten Prot­ago­nis­ten der ost­deut­schen Mail-art-sze­ne. Die Ak­teu­re stan­den über Post­sen­dun­gen – Brie­fe und Post­kar­ten – mit an­de­ren Künst­lern im In- und Aus­land im Aus­tausch. Man schick­te sich künst­le­ri­sche State­ments in Wort und Bild. Oft­mals lo­te­ten die Ver­tre­ter auch die Mög­lich­kei­ten der pos­ta­li­schen Ver­sen­dung aus, bis hin zu ei­gens kre­ierten Brief­mar­ken und Post­stem­peln. Die Mail-art war vor dem Mau­er­fall ein Mit­tel des künst­le­ri­schen Wi­der­stan­des und wur­de sei­tens des Staat be­arg­wöhnt und über­wacht. Bir­ger Jesch ha­be zu je­nen ge­hört, die schon früh an die Mau­er ge­klopft hät­ten, be­tont Ulf Hä­der, Di­rek­tor der Städ­ti­schen Mu­se­en Je­na.

FOTO: UL­RI­KE MER­KEL

Bir­ger Jesch vor Ar­bei­ten aus der Se­rie „Schat­ten­al­bum“, die bis 1. März 2020 im Jena­er Ro­man­tik­er­haus zu se­hen sind.

FOTO: BIR­GER JESCH

„Mail Art GDR 1981“

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