Pro­tes­te in Hong­kong im­mer bru­ta­ler

Nach Tod ei­nes De­mons­tran­ten es­ka­lie­ren die Kämp­fe, es flie­gen Mo­lo­tow­cock­tails. Chi­nas Prä­si­dent warnt: Cha­os muss be­en­det wer­den

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Politik - Von Fa­bi­an Kret­sch­mer

Mit ver­ängs­tig­ten Ge­sich­tern zer­ren die Stu­den­ten aus Fest­land­chi­na ih­re Kof­fer durch die mit Zie­gel­stei­nen ver­bar­ri­ka­dier­te Uni­ver­si­täts­stra­ße. Ihr Cam­pus, die Ci­ty Uni­ver­si­ty of Hong Kong, gleicht seit An­fang der Wo­che ei­ner mit­tel­al­ter­li­chen Fe­s­tung. Hun­der­te De­mons­tran­ten ha­ben sie bis tief in die Nacht mit Mo­lo­tow­cock­tails ge­gen die an­rü­cken­de Po­li­zei ver­tei­digt. Der Groß­teil der rund 12.000 Stu­den­ten in Hong­kong, die aus Chi­na stam­men, ist in­mit­ten des Cha­os längst in die Hei­mat ge­flo­hen. Am Mitt­woch hat die Ci­ty Uni­ver­si­ty of Hong Kong das Win­ter­se­mes­ter vor­zei­tig be­en­det.

Ein Mann wur­de mit Ben­zin über­gos­sen und an­ge­zün­det

Fünf Mo­na­te nach Be­ginn der Pro­test­be­we­gung in Hong­kong ent­lädt sich der auf­ge­stau­te Frust auf bei­den Sei­ten in zu­neh­men­der Ge­walt­be­reit­schaft. Das zeigt ein Vor­fall vom Mon­tag, der per Vi­deo fest­ge­hal­ten wur­de: Dar­auf ist ein Mann zu se­hen, der nach ei­nem Streit mit den ver­mumm­ten De­mons­tran­ten mit brenn­ba­rer Flüs­sig­keit über­gos­sen und an­ge­zün­det wird. Die Rechts­staat­lich­keit be­fin­de sich „am Ran­de des to­ta­len Zu­sam­men­bruchs“, warnt ein Hong­kon­ger Po­li­zei­spre­cher. Die „Glo­bal Ti­mes“, de fac­to Pro­pa­gan­da­blatt der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Chi­nas, be­rich­tet, dass die Re­gie­rung in Hong­kong für die­ses Wo­che­n­en­de wohl ei­ne Aus­gangs­sper­re ver­hän­gen wer­de.

Dass die Ci­ty Uni­ver­si­ty of Hong Kong zum Schlacht­feld zwi­schen Ak­ti­vis­ten und Po­li­zei wur­de, hat auch mit der La­ge zu tun: Von ei­ner Brü­cke am Cam­pus lässt sich ei­ne Au­to­bahn blo­ckie­ren, die di­rekt zum Fest­land führt. Ein 27-jäh­ri­ger Ak­ti­vist, der sich mit dem Na­men Ant­ho­ny vor­stellt, hat die Aus­schrei­tun­gen an der Uni­ver­si­tät aus nächster Nä­he be­ob­ach­tet. „Die Leu­te ha­ben mit Schul­bus­sen die Stra­ßen ver­sperrt, mit Pfeil und Bo­gen aus dem Sport­zen­trum ge­schos­sen, Mo­lo­tow­cock­tails ge­baut – al­les, was man auf dem Cam­pus fin­den kann, wur­de auch be­nutzt“, sagt der So­zi­al­ar­bei­ter. Er räumt ein, dass sich Tei­le der De­mons­tran­ten ra­di­ka­li­siert hät­ten: „Es ist die Bru­ta­li­tät der Po­li­zei und der un­ge­klär­te Tod von Chow Tsz-lok.“

Der 22-jäh­ri­ge Stu­dent war am Frei­tag ver­gan­ge­ner Wo­che sei­nen Ver­let­zun­gen er­le­gen, nach­dem er Ta­ge zu­vor von ei­nem Park­haus stürz­te. Die De­mons­tran­ten ver­mu­ten, dass Chow mög­li­cher­wei­se auf der Flucht vor Po­li­zei­kräf­ten ums Le­ben kam. Am Mon­tag er­reich­te die Po­li­zei­ge­walt ei­nen er­neu­ten Hö­he­punkt, als ein Be­am­ter aus nächster Nä­he ei­nen Ak­ti­vis­ten in den Ober­kör­per ge­schos­sen hat­te.

Seit­her ha­ben sich die ge­walt­sa­men Pro­tes­te aus­ge­wei­tet. Ge­zielt ver­su­chen die De­mons­tran­ten, die wirt­schaft­li­che Achil­les­fer­se der Stadt zu tref­fen. Sie blo­ckie­ren sys­te­ma­tisch den Zug­ver­kehr, er­rich­ten Bar­ri­ka­den an den wich­tigs­ten Ver­kehrs­schlag­adern und ran­da­lie­ren bei pro-chi­ne­si­schen Un­ter­neh­men.

Ihr Kal­kül: Durch die wirt­schaft­li­che Schwä­chung soll der po­li­ti­sche Druck auf die Lo­kal­re­gie­rung er­höht wer­den. Die Fi­nanz­me­tro­po­le wur­de be­reits von ei­ner schwer­wie­gen­den Re­zes­si­on er­fasst. Im drit­ten Quar­tal ist die Wirt­schaft um 2,9 Pro­zent im Ver­gleich zum Vor­jah­res­zeit­raum ge­schrumpft. Die Zah­len für das vier­te Quar­tal wer­den wohl noch dras­ti­scher aus­fal­len.

Die schwarz ver­mumm­ten Stu­den­ten hal­ten an ih­ren fünf Zie­len fest, von de­nen bis­lang nur ei­nes er­reicht wur­de: die Ab­schaf­fung ei­nes ge­plan­ten Aus­lie­fe­rungs­ge­set­zes nach Chi­na. Zu­dem for­dern sie freie Wah­len, den Rück­tritt ih­rer Ver­wal­tungs­che­fin Car­rie Lam, ei­ne Un­ter­su­chung der Po­li­zei­ge­walt so­wie die Frei­las­sung in­haf­tier­ter Ak­ti­vis­ten. All dies ist im Zu­ge der zu­neh­men­den Ge­walt­ak­tio­nen in wei­te Fer­ne ge­rückt.

Be­reits En­de Ok­to­ber hat das Zen­tral­ko­mi­tee in Pe­king be­kannt ge­ge­ben, „das Rechts­sys­tem und die Voll­stre­ckungs­me­cha­nis­men zum Schutz der na­tio­na­len Si­cher­heit“in Hong­kong aus­bau­en zu wol­len. Laut Ex­per­ten galt es bis­her als un­wahr­schein­lich, dass die Zen­tral­re­gie­rung ih­re Trup­pen in der Son­der­ver­wal­tungs­zo­ne jetzt auf­mar­schie­ren lässt. Hong­kong ist als Fi­nanz­stand­ort und Tor zur ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt für Fest­land­chi­na von es­sen­zi­el­ler Be­deu­tung. „Pe­king will re­pu­ta­ti­ons­schä­di­gen­de Bil­der wie ei­ne ge­walt­tä­ti­ge Nie­der­schla­gung ei­ner Pro­test­be­we­gung mög­lichst ver­mei­den. Aber im Zwei­fels­fall wird die chi­ne­si­sche Füh­rung auch da­zu be­reit sein“, meint Kris­tin Shi-kup­fer vom Ber­li­ner Me­ricsin­sti­tut. Und am Abend mel­de­te sich Chi­nas Prä­si­dent Xi Jin­ping in der „Chi­na Dai­ly“und warn­te: Hong­kongs wich­tigs­te Auf­ga­be sei nun, das Cha­os zu be­en­den und die Ord­nung wie­der­her­zu­stel­len.

FO­TO: REUTERS

Stra­ßen­kampf: Ein Po­li­zist geht mit Gum­mi­knüp­pel und Schutz­schild ge­gen ei­nen De­mons­tran­ten vor.

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