Macht­va­ku­um mit Vor­tei­len

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Debatte -

Ei­gent­lich ist al­les klar in Thü­rin­gen. Oder? Rot-rot-grün: oh­ne Mehr­heit. Schwarz-rot-grün-gelb: oh­ne Mehr­heit. Rot-rot-grün-gelb: geht nicht, weil die Li­be­ra­len nicht wol­len. Rot-rot-grün-schwarz: geht nicht, weil die CDU nicht will.

Schwarz-blau und Rot-blau: sind des Teu­fels. Ein Pakt zwi­schen CDU und AFD und mehr noch Lin­ke und AFD wä­re nur für Freun­de von Trash-tv-for­ma­te in­ter­es­sant. Aber wür­de „Lo­ve Is­land“und „Pro­mi Big Bro­ther“lo­cker in den Schat­ten stel­len.

Blie­be die fast gro­ße Ko­ali­ti­on. Aber Rot-schwarz: kommt nicht in Fra­ge, weil die Christ­de­mo­kra­ten sich wei­gern, mit Sed-nach­fol­gern zu pak­tie­ren.

Ins­ge­heim dürf­te die Lin­ke glück­lich dar­über sein: Das er­spart je­de Men­ge in­ner­par­tei­li­che Dis­kus­sio­nen. Ob­wohl das Land so mit ei­ner sat­ten Mehr­heit re­giert wer­den könn­te. Und aus Uni­ons­sicht ein gu­tes Ar­gu­ment wä­re so­gar, dass es oh­ne sie wahr­schein­lich schlim­mer kom­men wür­de. Aber ra­tio­nal läuft in der Thü­rin­ger Po­li­tik mo­men­tan oh­ne­hin we­nig, sonst wä­re doch längst ein an­de­res The­ma ganz oben auf der Agen­da.

Ei­ner der we­ni­gen von po­li­ti­schem Ge­wicht, der sich da­zu bis­lang trau­te, Kl­ar­text zu re­den, war Michael Brych­cy. Der CDU-MANN ist seit drei Jahr­zehn­ten Bür­ger­meis­ter von Wal­ters­hau­sen und lang­jäh­ri­ger Prä­si­dent des Ge­mein­de­und Städ­te­bun­des.

Brych­cy sprach in die­ser Wo­che aus, was vie­le sei­ner Par­tei­freun­de nur den­ken oder hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand tu­scheln. „Das al­ler­ers­te, was ich er­war­tet hät­te, wenn man elf Pro­zent ver­liert: Dann muss je­mand die Ver­ant­wor­tung tra­gen, und das ist nun mal Mi­ke Mohring. Ich hät­te ihm ge­ra­ten zu sa­gen: Das war’s mit mei­ner po­li­ti­schen Kar­rie­re, ich ge­he jetzt in die zwei­te oder drit­te Rei­he und war­te erst­mal ab“, sag­te Brych­cy dem Por­tal „Os­car am Frei­tag“. Er stell­te al­so den Spit­zen­kan­di­da­ten, Cdufrak­ti­ons­chef und Lan­des­vor­sit­zen­den of­fen in­fra­ge. Ähn­lich deut­lich hat­te das höchs­tens die wort­ge­wal­ti­ge Prä­si­den­tin des Land­kreis­ta­ges, Mar­ti­na Schweins­burg (CDU), ge­tan.

In­ter­es­sant da­bei: Mohring sitzt trotz al­lem ver­gleichs­wei­se fest im Sat­tel. Zwar hat er das schlech­tes­te Er­geb­nis der CDU in Thü­rin­gen über­haupt zu ver­ant­wor­ten. Aber so­wohl das Prä­si­di­um der Lan­des­par­tei als die knap­pe Mehr­heit der Land­tags­frak­ti­on ste­hen hin­ter ihm. War­um? Das weiß Mohring nur zu ge­nau: man­gels Al­ter­na­ti­ve.

Die un­ter­schwel­li­ge Ka­ba­le bei der CDU täu­schen dar­über hin­weg, dass man bei der Thü­rin­ger SPD eben­so die Füh­rungs­fra­ge stel­len könn­te. Auch des­sen Spit­zen­kan­di­dat und Wirt­schafts­mi­nis­ter Wolf­gang Tie­fen­see hat sei­ne einst stol­ze Par­tei his­to­risch mar­gi­na­li­siert. Aber eins ha­ben CDU und SPD ge­mein­sam: Mo­men­tan traut sich nie­mand zu, den halb ver­sun­ke­nen Kar­ren wie­der aus dem Dreck zu zie­hen.

Mit Blick auf die kom­pli­zier­te Re­gie­rungs­bil­dung (Ar­beits­ti­tel: Kei­ne Mehr­heit nir­gends) kann man ge­trost sa­gen: Es läuft we­nig rund. Aber das macht nichts. Weil der lin­ke Mi­nis­ter­prä­si­dent Bo­do Ra­me­low be­kannt­lich ge­schäfts­füh­rend wei­ter re­gie­ren kann und Rot-rot-grün in wei­ser Vor­aus­sicht schon den Haus­halt für 2020 durch­ge­setzt hat. Geld, das Ver­ei­ne, Un­ter­neh­men und Kom­mu­nen drin­gend brau­chen, wird des­halb im kom­men­den Jahr auch oh­ne Re­gie­rung flie­ßen.

Aus Sicht des Ver­eins „Mehr De­mo­kra­tie“in Thü­rin­gen hat die­ses Macht­va­ku­um so­gar Vor­tei­le. Oh­ne Ko­ali­ti­ons­ver­trag kann nicht durch­re­giert wer­den. Des­halb ste­hen die Chan­cen, dass Bür­ger in Ent­schei­dun­gen mit ein­be­zo­gen wer­den, so gut wie nie.

Lan­des­kor­re­spon­dent El­mar Ot­to er­rei­chen Sie un­ter e.ot­[email protected]

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