„Sie spü­ren un­se­re Un­ge­duld“

Wie ei­ne Al­ten­pfle­ge­rin ih­ren All­tag er­lebt und war­um sie sagt: Men­schen­wür­di­ge Pfle­ge ist ak­tu­ell nicht mög­lich

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Thüringen - Von Elena Rauch

Frei­tag­vor­mit­tag, ein Ca­fé in Bad Fran­ken­hau­sen (Kyff­häu­ser­kreis). Wir sind ver­ab­re­det, weil Bet­ti­na W. ei­nen Brief an die Re­dak­ti­on ge­schrie­ben hat, in dem Sät­ze vor­kom­men wie die­ser: Men­schen­wür­di­ge Pfle­ge ist ak­tu­ell nicht mehr mög­lich.

Sie ar­bei­tet als Pfle­ge­fach­kraft in ei­nem Heim im Thü­rin­ger Nor­den. Ihr wirk­li­cher Na­me lau­tet an­ders, sie hat um An­ony­mi­tät ge­be­ten. Auch weil es nicht um ein ein­zel­nes Heim geht, son­dern um Grund­sätz­li­ches. Um den An­spruch des Pfle­ge­be­ru­fes und sei­nem Schei­tern an den Rea­li­tä­ten. So je­den­falls er­lebt sie es.

32 Be­woh­ner auf der Sta­ti­on. Zwei Pfle­ge­kräf­te und sie als Fach­kraft. Da­zu ein oder zwei Er­go­the­ra­peu­ten und zwei Kü­chen­kräf­te. Im al­ler­bes­ten Fall. So­fern nie­mand krank ist. Und so­fern auf ei­ner an­de­ren Sta­ti­on nicht ge­ra­de ei­ne Pfle­ge­fach­kraft fehlt, für die sie mit ein­sprin­gen muss.

Der Man­gel an Per­so­nal ist das ei­ne. Doch selbst wenn al­le da sind, ist die Be­set­zung zu knapp, sagt sie. Der Be­treu­ungs­schlüs­sel müss­te acht, bes­ser sechs Be­woh­ner pro Pfle­ger be­tra­gen. Es darf kei­ne Fra­ge von Kos­ten und Bi­lan­zen sein.

Für die Über­nah­me des Mor­gen­diens­tes ist ein Ge­spräch von 15 Mi­nu­ten vor­ge­se­hen. Gab es Vor­fäl­le in der Nacht, ist je­mand krank oder ge­stürzt, wo muss ein Arzt ge­ru­fen, ein Re­zept ge­holt wer­den? Manch­mal schafft sie das. Und es gibt Ta­ge, da ge­rät sie schon am frü­hen Mor­gen in Zeit­ver­zug.

Pfle­ger über­neh­men Auf­ga­ben, die sie ei­gent­lich nicht dür­fen

Da ist ein Be­woh­ner, der nach ei­nem Schlag­an­fall ei­ne Ma­gen­son­de hat und ei­nen Ka­the­ter. Er darf nichts es­sen, nichts trin­ken, der Ra­chen­raum trock­net aus. Er braucht ei­ne The­ra­pie we­gen der Schluck­stö­run­gen, sonst dro­hen Fol­ge­er­kran­kun­gen. Da­für muss mit dem Haus­arzt te­le­fo­niert, ein Re­zept be­sorgt wer­den.

Das ist nur ein Bei­spiel. Und das braucht Zeit, die sie ei­gent­lich nicht hat, weil um 7.30 Uhr die Be­woh­ner ge­wa­schen, an­ge­zo­gen, ge­kämmt bei Früh­stück sit­zen müs­sen, und sie sind zu dritt. Als Fach­kraft ist sie die Ein­zi­ge, die zur me­di­zi­ni­schen Be­hand­lungs­pfle­ge be­rech­tigt ist: Ver­bän­de, Me­di­ka­men­te, ein Schmerz­pflas­ter, die Ab­nah­me ei­ner Ma­gen­son­de . . . Aber in der Pra­xis müs­sen das auch im­mer wie­der Pfle­ge­kräf­te über­neh­men. In der Pfle­ge­do­ku­men­ta­ti­on setzt sie dann ihr Kür­zel hin­ter die Leis­tung. Das darf ei­gent­lich nicht sein, aber an­ders geht es nicht.

Und das setzt sich fort. Ih­re Er­fah­run­gen be­schreibt sie so: „Im Grun­de funk­tio­nie­ren die Ab­läu­fe in der sta­tio­nä­ren Pfle­ge nur noch, weil

Pfle­ger Auf­ga­ben über­neh­men, die sie ei­gent­lich gar nicht dür­fen.“Oh­ne Buf­dis – al­so Per­so­nen, die ei­nen Bun­des­frei­wil­li­gen­dienst leis­ten –, Prak­ti­kan­ten und Fsj-ler (FSJ steht für frei­wil­li­ges so­zia­les Jahr) zum Bei­spiel wä­re der All­tag häu­fig nicht zu stem­men. Ein fal­scher Griff beim Um­set­zen in den Roll­stuhl, ein un­er­kann­tes Druck­ge­schwür:

Du kannst, sagt sie, so vie­les falsch ma­chen.

Sie kann sich noch an den ers­ten Tag ih­res Prak­ti­kums auf ei­ner De­menz­sta­ti­on er­in­nern, das war noch vor der Aus­bil­dung. „Vor mir lag ei­ne nack­te al­te Frau, die ich wa­schen soll­te. Und ich kann­te nicht ein­mal ih­ren Na­men.“Ein fal­scher Griff beim Um­set­zen in den Roll­stuhl, ein un­er­kann­tes Druck­ge­schwür: Du kannst, sagt sie, so vie­les falsch ma­chen.

„Ex­sik­ko­se“, er­klärt sie, ist ein Be­griff, der sie durch ih­re ge­sam­te Aus­bil­dungs­zeit be­glei­tet hat. Er be­schreibt die Aus­trock­nung ei­nes Or­ga­nis­mus, wenn der Mensch nicht ge­nug trinkt. Trin­ken ist wich­tig. Das ist wie ein Man­tra in der Al­ten­pfle­ge. Aber du kannst, be­merkt sie, ei­nen Men­schen nicht zwin­gen. Du musst zu­re­den, mo­ti­vie­ren. Noch ein klei­ner Schluck, noch ei­ner . . . Du musst, wenn du beim Es­sen hilfst, da­für Ru­he aus­strah­len. „Du be­mühst dich dar­um. Aber die Men­schen spü­ren dei­ne Ei­le, dei­ne Un­ge­duld.“

Und das ist, be­merkt sie bit­ter, das Ei­gent­li­che. Sau­ber, satt und ver­sorgt: Es geht doch nicht nur dar­um. Es geht doch auch um das Zu­hö­ren und Zu­wen­dung, um das Ge­spräch und, wenn es sein muss, auch um Trost. Ein Mensch am En­de sei­nes Le­bens hat ein Recht dar­auf. Aber da­für bleibt kaum Zeit.

Se­nio­ren, die am we­nigs­ten Hil­fe brau­chen, fal­len durchs Ras­ter

Ei­gent­lich soll­te das Ge­spräch in den All­tag in­te­griert sein, beim mor­gend­li­chen Wa­schen und An­zie­hen zum Bei­spiel. Im Leit­bild ist von „ak­ti­vie­ren­der und mo­ti­vie­ren­der Pfle­ge“die Re­de. Ein rich­ti­ges Prin­zip. Es be­deu­tet auch, die Se­nio­ren tun zu las­sen, was sie sel­ber noch kön­nen, sonst ge­hen Fä­hig­kei­ten schnell ver­lo­ren. Aber wenn du es sel­ber machst, geht es schnel­ler, be­merkt sie. Se­nio­ren, die noch am we­nigs­ten Hil­fe brau­chen, fal­len da schnell durchs Ras­ter. Das sind, sagt sie, die Ver­ges­se­nen.

Und Ge­sprächs­be­darf gibt es im­mer. Manch­mal, sagt sie, siehst du ei­nen Be­woh­ner auf dem Gang, und du sagst dir: Hof­fent­lich spricht er dich nicht an. Nicht jetzt. Du ver­bie­test dir, so zu den­ken. Du willst nicht kühl wir­ken, nicht ab­wei­send. Du bist nicht da­für in die Al­ten­pfle­ge ge­gan­gen. Aber du kennt sein ak­tu­el­les Pro­blem, du weißt das Ge­spräch wür­de min­des­tens 15 Mi­nu­ten dau­ern, und die Pfle­ge­do­ku­men­ta­ti­on ist noch aus­zu­fül­len. Au­ßer­dem ist gleich Mit­tag, und du musst Blut­zu­cker mes­sen und In­su­lin sprit­zen . . .

Nein, die Se­nio­ren be­schwe­ren sich nicht. Aber manch­mal denkt sie, dass die Men­schen ih­ren All­tag als stän­di­ge Zu­rück­wei­sung er­le­ben müs­sen.

Als sie sich für die Um­schu­lung zur Pfle­ge­fach­kraft ent­schied, war sie 35 Jah­re alt. Kei­ne Not­lö­sung, be­tont sie, ei­ne Ent­schei­dung aus Über­zeu­gung. Weil die­ser Di­enst am Men­schen so wich­tig ist. Und ja, es gibt die Ta­ge, an de­nen sie sich fragt, ob die Ent­schei­dung gut war.

Kürz­lich er­zähl­te ihr ein Be­woh­ner, wie er sich in der DDR als selbst­stän­di­ger Hand­wer­ker durch­ge­schla­gen hat. Wie will man sonst, fragt sie, das Ge­spür für den ein­zel­nen Men­schen ent­wi­ckeln, das man braucht, um für ihn da zu sein? Ja, auch sol­che Ta­ge gibt es. Zum Glück. Wenn die Sta­ti­on voll be­setzt ist, die Pfle­ger zu den er­fah­re­nen ge­hö­ren, wenn nichts vor­ge­fal­len ist. Dann be­kommt sie ei­ne Ah­nung, wie er­fül­lend die­ser Be­ruf sein kann.

SYMBOLFOTO: OLI­VER BERG / DPA

Der Di­enst an pfle­ge­be­dürf­ti­gen Men­schen ist sehr wich­tig – doch der An­spruch die­ses Be­ru­fes schei­tert im­mer wie­der an den Rea­li­tä­ten, sagt ei­ne Pfle­ge­rin, die an­onym blei­ben will.

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