Kil­ler­r­o­bo­ter: Tö­ten oh­ne Ge­wis­sen

Welt­weit wer­den au­to­no­me Waf­fen ent­wi­ckelt, die oh­ne mensch­li­che Kon­trol­le funk­tio­nie­ren. Der Wi­der­stand ge­gen sie wächst, aber ei­ne Re­gu­lie­rung ist nicht in Sicht

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Debatte - Von Mi­guel San­ches

90.000 rus­si­sche Sol­da­ten über­que­ren die Gren­zen nach Est­land, Lett­land und Li­tau­en. Sie sol­len ei­nen his­to­ri­schen Be­triebs­un­fall rück­gän­gig ma­chen: das un­ab­hän­gi­ge Bal­ti­kum. Die Na­to ist alar­miert. Der Kom­man­deur der deutsch-nie­der­län­di­schen Ein­hei­ten ver­legt Trup­pen Rich­tung Os­ten. Schwär­me von Droh­nen sol­len das rus­si­sche Ra­dar mit Schein­zie­len von den Trans­port­hub­schrau­bern mit den Sol­da­ten ab­len­ken, der­weil Kampf­droh­nen und Ro­bot­er­waf­fen geg­ne­ri­sche Pan­zer auf­hal­ten. Das ist Fik­ti­on, aber kein Fan­ta­sie­pro­dukt. Es ist das Sze­na­rio ei­nes The­sen­pa­piers der Bun­des­wehr zur Ge­fechts­füh­rung der Zu­kunft, von dem Au­to­ren selbst schrei­ben, dass die au­to­no­men Waf­fen­sys­te­me „nach der­zei­ti­gem In­for­ma­ti­ons­stand im Jahr 2026 plus“rea­lis­tisch sei­en.

Für die Sol­da­ten ist es ei­ne Op­ti­on. Sie fan­gen an, „die mi­li­tä­ri­schen Po­ten­zia­le von künst­li­cher In­tel­li­genz zu er­schlie­ßen, sagt Bri­ga­de­ge­ne­ral Ge­rald Fun­ke. Für Tho­mas Kü­chen­meis­ter ist das ein Schre­ckens­sze­na­rio. Er ist der Spre­cher der Kam­pa­gne „Stop Kil­ler Ro­bots“. Wir er­rei­chen ihn in Genf. Ver­gan­ge­ne Wo­che ging dort die Jah­res­ver­samm­lung der Un-waf­fen­kon­ven­ti­on über die Büh­ne, zum sechs­ten Mal. Auch dies­mal ha­ben sich Ver­tre­ter aus mehr als 100 Staa­ten nicht auf ei­ne Äch­tung von au­to­no­men Waf­fen ver­stän­di­gen kön­nen, son­dern nur auf Leit­prin­zi­pi­en, die recht­lich nicht bin­dend sind.

Ein­mal ab­ge­feu­ert, ar­bei­tet die Ra­ke­te voll­au­to­nom

Der­weil schaf­fen die Waf­fen­her­stel­ler Fak­ten. So wird der Ein­satz von Droh­nen­schwär­men ge­tes­tet. Sie sol­len das eu­ro­päi­sche Kampf­flug­zeug „Fu­ture Com­bat Air Sys­tem“von Air­bus und Das­sault er­gän­zen. Rhein­me­tall ent­wi­ckelt ein un­be­kann­tes Land­fahr­zeug, das be­waff­net und au­to­nom be­trie­ben wer­den kann. Auch ein Bei­spiel sind laut der hol­län­di­schen Or­ga­ni­sa­ti­on „PAX“die neue­ren „Brims­to­ne“-lenk­flug­kör­per des Her­stel­lers MBDA. Sie kön­nen nach der Ana­ly­se des Stock­hol­mer Frie­dens­for­schungs­in­sti­tuts Si­pri Zie­le selbst­stän­dig fin­den, ver­fol­gen und tref­fen, die ih­nen von Men­schen zu­ge­wie­sen wur­den.

Ein­mal ab­ge­feu­ert, ar­bei­tet die Ra­ke­te voll­au­to­nom. Da ist kein Ope­ra­teur mehr, kein „man on the lo­op“, der über Le­ben und Tod ent­schei­det. Das macht die Ma­schi­ne. Da­für gibt es kei­ne Re­geln. Ma­schi­nen kön­nen auch nicht zur Re­chen­schaft ge­zo­gen wer­den, wenn et­was schief­läuft; sie kön­nen nicht ur­tei­len, ob ei­ne Ak­ti­on ver­hält­nis­mä­ßig ist.

Die „Brims­to­ne“-ra­ke­ten sind zu­min­dest ein au­to­ma­ti­sier­tes Sys­tem. Sie agie­ren au­to­ma­tisch, was bei ex­trem kur­zen Re­ak­ti­ons­zei­ten hilf­reich ist, und rich­ten sich als Ab­wehr­sys­tem ge­gen an­de­re Waf­fen. Wenn Men­schen nicht ge­tö­tet wer­den und nur ein Sach­scha­den ent­steht, stel­len Mi­li­tärs kei­ne ethi­schen Fra­gen. Aber die Über­gän­ge zu au­to­no­men Waf­fen, an de­nen der Mensch das Tö­ten de­le­giert, sind flie­ßend. Ge­nau­er ge­sagt, gibt es sie schon: „SGR-A1“von Samsung ist ein Ro­bo­ter mit ei­nem Ma­schi­nen­ge­wehr, der Men­schen auf ei­ne Dis­tanz von bis zu drei Ki­lo­me­tern be­kämp­fen kann. Die Leu­te von „PAX“ha­ben denn auch ih­rer Stu­die über au­to­no­me Waf­fen den

Ti­tel „Slip­pe­ry Slo­pe“ge­ge­ben, auf Deutsch: Rutsch­bahn. Erst sind die Waf­fen au­to­ma­ti­siert, ir­gend­wann agie­ren sie auch au­to­nom. Ist es nur ei­ne Fra­ge der Zeit?

Fast 30 Staa­ten set­zen sich für ein Ver­bot von au­to­no­men Waf­fen­sys­te­men ein, in Eu­ro­pa et­wa Ös­ter­reich und Bel­gi­en. Es sind zu­meist Län­der, die tech­no­lo­gisch zu­rück­ge­fal­len sind, wo­hin­ge­gen die Tech­no­lo­gie­trei­ber – Ame­ri­ka­ner, Rus­sen und Chi­ne­sen – kein In­ter­es­se an ei­nem Ver­bot von Ent­wick­lung und Auf­stel­lung ha­ben. Vi­el­leicht ge­lingt ei­nes Ta­ges ei­ne Ver­stän­di­gung über ein Ver­bot ei­nes Ein­sat­zes. Aber die Chan­cen der Tech­nik aus­lo­ten – das wol­len fast al­le.

Mit au­to­no­men Waf­fen wird auf Fach­mes­sen ge­wor­ben

Auch die Bun­des­wehr hat kein In­ter­es­se an ei­nem pau­scha­len Ver­bot, gar an ei­nem deut­schen Al­lein­gang, weil man dann tech­no­lo­gisch ab­ge­hängt wür­de. An au­to­no­men Waf­fen wird welt­weit ge­forscht und mit ih­nen auf Fach­mes­sen ge­wor­ben. Die brei­te Öf­fent­lich­keit nahm da­von lan­ge kaum No­tiz, aber es for­miert sich ei­ne kri­ti­sche Be­we­gung:

Die 12. Syn­ode der Evan­ge­li­schen Kir­che sag­te der Kam­pa­gne „Stop Kil­ler Ro­bots“die Un­ter­stüt­zung zu. Der Bun­des­ver­band der Deut­schen In­dus­trie gab sei­nen Mit­glie­dern ei­ne Hand­lungs­emp­feh­lung: „Die letz­te Ent­schei­dung über den Ein­satz ei­ner Waf­fe ge­gen Men­schen darf nicht ei­ner Ma­schi­ne über­las­sen wer­den.“Auch Uni­on und SPD ha­ben im Ko­ali­ti­ons­ver­trag ei­ne Äch­tung die­ser Waf­fen ver­ein­bart.

Das Aus­wär­ti­ge Amt setzt die­se Ab­ma­chung al­len­falls nach dem Geis­te, nicht nach den Buch­sta­ben um. Die Di­plo­ma­ten von Au­ßen­mi­nis­ter Heiko Maas (SPD) hal­ten nichts von ei­ner Ma­xi­mal­po­si­ti­on, die sie mit Ös­ter­reich und Bel­gi­en durch­set­zen könn­ten, die oh­ne Ame­ri­ka­ner, Rus­sen oder Chi­ne­sen aber nichts be­we­gen wür­de. „Wir müs­sen uns den Rea­li­tä­ten stel­len“, heißt es im Aus­wär­ti­gen Amt. Maas ver­sucht, mög­lichst vie­le Staa­ten ein­zu­bin­den und erst mal für Leit­li­ni­en zu ge­win­nen – als Zwi­schen­schritt, dem ir­gend­wann ei­ne ver­bind­li­che Äch­tung fol­gen wür­de. Das Pro­blem ist die Zeit. Denn die Her­stel­ler schaf­fen längst Fak­ten.

FO­TO: AFP/GET­TY

Die­ses Mo­dell von Samsung ist ein Ro­bo­ter mit Ma­schi­nen­ge­wehr, der Men­schen auf ei­ne Dis­tanz von bis zu drei Ki­lo­me­tern be­ob­ach­ten und be­kämp­fen kann. Er soll auch er­ken­nen kön­nen, ob sich je­mand er­gibt.

FO­TO: GA­RY DAW­SON/SHUTTERSTO­CK

Die „Brims­to­ne“-ra­ke­ten sind ein au­to­ma­ti­sier­tes Ab­wehr-sys­tem.

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