Br­ex­it oder So­zia­lis­mus

Pre­mier John­son und La­bour-chef Cor­byn tref­fen sich zum Tv-du­ell. Wo­hin steu­ert Groß­bri­tan­ni­en nach der Wahl?

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Debatte - Von Pe­ter Stäu­ber

Es geht ums Gan­ze – die­se Flos­kel hört man zwar in je­dem bri­ti­schen Wahl­kampf, aber dies­mal dürf­te sie zu­tref­fen. Po­li­ti­ker kön­nen kaum un­ter­schied­li­cher sein als Amts­in­ha­ber Bo­ris John­son und sein Her­aus­for­de­rer Je­re­my Cor­byn. Wel­ten lie­gen zwi­schen ih­ren Wer­ten, ih­rem Stil und ih­rer Per­sön­lich­keit, und un­ter ih­rem Vor­sitz ver­tre­ten die To­ries und La­bour ei­ne dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setz­te Po­li­tik. Auf der ei­nen Seite ste­hen die Kon­ser­va­ti­ven un­ter dem Br­ex­it­fan John­son, auf der an­de­ren ei­ne La­bour-par­tei, de­ren Chef Cor­byn dem So­zia­lis­mus das Wort redet. An die­sem Di­ens­tag­abend kommt es zum ers­ten Tv-du­ell zwi­schen den bei­den Kan­di­da­ten – ein ers­ter Hö­he­punkt in ei­nem Wahl­kampf, der bis­lang wi­der­sprüch­lich ver­lau­fen ist.

Eu-aus­tritt ist das wich­tigs­te The­ma in die­sem Wahl­kampf

Dem Fa­vo­ri­ten John­son hat­te man Volks­nä­he nach­ge­sagt, vie­le Kon­ser­va­ti­ve brann­ten ge­ra­de­zu auf ei­ne Neu­wahl, weil sie ih­ren Chef für ei­ne po­li­ti­sche Na­tur­ge­walt hal­ten: Wie ein Tor­na­do wür­de er durchs Land wir­beln und Stim­men zu­hauf ein­sam­meln, am En­de hät­ten die To­ries ei­ne sat­te Par­la­ments­mehr­heit. Auf je­den Fall sei er das pu­re Ge­gen­teil sei­ner Vor­gän­ge­rin The­re­sa May, die mit ih­rem höl­zer­nen Auf­tritt zum Wahl­fi­as­ko 2017 bei­ge­tra­gen hat.

Doch zu Be­ginn der kon­ser­va­ti­ven Kam­pa­gne ist von John­son dem po­li­ti­schen Wun­der­kind kaum et­was zu se­hen. Wenn er un­ter die Leu­te geht, wird ihm zwar spo­ra­disch ap­plau­diert, häu­fi­ger je­doch schla­gen ihm Feind­se­lig­keit und Ab­leh­nung ent­ge­gen.

Auch in Fern­seh­in­ter­views ver­mag der Pre­mier­mi­nis­ter kei­ne Vi­si­on zu ver­mit­teln, mit der er das Land be­geis­tern könn­te. Sei­ne Ver­spre­chen be­schrän­ken sich bis­lang auf zu­sätz­li­ches Geld für Po­li­zei, Ge­sund­heits­dienst und Schu­len. Ge­naue­res wer­den die Wäh­ler wohl En­de die­ser Wo­che er­fah­ren, wenn die To­rys das Wahl­pro­gramm ver­öf­fent­li­chen. Der ge­naue In­halt dürf­te ne­ben­säch­lich sein, denn John­son setzt dar­auf, dass sein wich­tigs­tes Ver­spre­chen – die so­for­ti­ge Um­set­zung des Br­ex­its – aus­rei­chen wird, um die Wäh­ler auf sei­ne Seite zu zie­hen.

Tat­säch­lich ist der Eu-aus­tritt laut ver­schie­de­nen Er­he­bun­gen das wich­tigs­te The­ma in die­sem Wahl­kampf, und John­sons harte Hal­tung si­chert ihm ei­nen gu­ten Teil der Stim­men. Dass sei­ne Rech­nung auf­ge­hen könn­te, zei­gen meh­re­re Mei­nungs­um­fra­gen: Trotz ih­rer holp­ri­gen Kam­pa­gne lie­gen die To­ries noch im­mer weit vor der Op­po­si­ti­on. Un­ter­des­sen hat die Br­ex­it-par­tei Ni­gel Fa­ra­ges, die in den Eu­ro­pa­wah­len im Mai vie­le Eu-geg­ner für sich ge­win­nen konn­te, an Zu­stim­mung ein­ge­büßt – vie­le ehe­ma­li­ge An­hän­ger se­hen an­schei­nend ei­ne Re­gie­rung John­son als bes­se­ren

Weg, den Br­ex­it zu ver­wirk­li­chen.

Für Cor­byn hin­ge­gen ist das The­ma Eu-aus­tritt ei­ne Schwach­stel­le. Mitt­ler­wei­le hat sich La­bour auf fol­gen­den Plan ge­ei­nigt: Ei­ne Cor­byn­re­gie­rung wür­de ei­nen neu­en Br­ex­it-de­al aus­han­deln, dann soll das Volk in ei­nem zwei­ten Re­fe­ren­dum ent­schei­den kön­nen, ob es die­sen De­al be­für­wor­tet, oder doch lie­ber in der EU blei­ben will. Und das im Al­lein­gang: „Wir wer­den kei­ne De­als mit ir­gend­je­man­dem ma­chen“, sag­te der Op­po­si­ti­ons­füh­rer der BBC. „Wir wer­den kei­ne Ko­ali­ti­ons­re­gie­rung ein­ge­hen.“

Aber vie­le Eu-freun­de las­sen sich da­von nicht über­zeu­gen: Sie be­vor­zu­gen die Li­be­ral­de­mo­kra­ten, die den Br­ex­it gleich ganz ab­bla­sen wol­len; die Par­tei ver­zeich­net der­zeit gu­te Zu­stim­mungs­wer­te, in den grö­ße­ren Städ­ten könn­ten sie meh­re­re Sit­ze ge­win­nen. Auch lei­det Cor­byn seit vie­len Jah­ren dar­an, dass die Wäh­ler ihn nicht als Pre­mier­mi­nis­ter se­hen – er ist der un­be­lieb­tes­te Op­po­si­ti­ons­chef seit Jahr­zehn­ten.

Um sei­nen Rück­stand bis zum 12. De­zem­ber wett­zu­ma­chen, drückt der La­bour-chef voll aufs Gas­pe­dal, und zwar mit ei­nem ra­di­ka­len Pro­gramm, das ei­nen um­fas­sen­den Wan­del ver­spricht: Be­kannt sind die Plä­ne, Bahn und Was­ser­ver­sor­gung in staat­li­che Hand zu neh­men, oder Un­ter­neh­mens­an­tei­le für die An­ge­stell­ten gro­ßer Kon­zer­ne ein­zu­füh­ren. Ver­gan­ge­ne Wo­che ist Cor­byn ein gutes Stück über die­se Vor­schlä­ge hin­aus­ge­gan­gen. Für Auf­re­gung sorg­te die An­kün­di­gung, je­dem Haus­halt ei­nen kos­ten­lo­sen In­ter­net­zu­gang zur Ver­fü­gung zu stel­len; da­zu soll der An­bie­ter BT teil­wei­se ver­staat­licht wer­den. Am fol­gen­den Tag leg­te La­bour nach: Zahn­kon­trol­len und grund­le­gen­de Zahn­pfle­ge sol­len kos­ten­los wer­den, La­bour will da­für 450 Mil­lio­nen Pfund lo­cker­ma­chen.

Zur Fi­nan­zie­rung sind Steu­er­er­hö­hun­gen für die reichs­ten fünf Pro­zent der Be­völ­ke­rung ge­plant, ge­nau­so zu­sätz­li­che Ab­ga­ben für Groß­un­ter­neh­men und Tech-kon­zer­ne. Was Cor­byns Wahl­kampf zu­dem hel­fen wird, ist sei­ne um­gäng­li­che Art: Im Bad in der Men­ge ver­mag er na­tür­li­cher auf­zu­tre­ten als sein Kon­tra­hent. Nur fragt sich, ob die drei ver­blei­ben­den Wo­chen aus­rei­chen wer­den, um sein ne­ga­ti­ves Image ent­schei­dend auf­zu­bes­sern. Die Tv-de­bat­te wird ei­ne ers­te Ge­le­gen­heit da­zu bie­ten.

FO­TO: DPA/PA

Ri­va­len um das Re­gie­rungs­amt: Pre­mier­mi­nis­ter John­son (l.) und La­bour-chef Cor­byn auf dem Weg zur Re­de der Queen im Ober­haus.

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