Ope­ra­ti­on Hoff­nung

Nie wa­ren die Chan­cen zur Bei­le­gung des Ukrai­ne-kon­flikts so groß. Au­ßen­mi­nis­ter Hei­ko Maas son­diert in Kiew

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Politik - Von Micha­el Back­fisch

Hei­ko Maas (SPD) steht im Pres­se­raum des ukrai­ni­schen Au­ßen­mi­nis­te­ri­ums in Kiew. An der De­cke hän­gen Kris­tall­leuch­ter, an den Mar­mor­säu­len sind bunt be­stick­te Wand­tep­pi­che be­fes­tigt. Maas re­det von „wich­ti­gen Schrit­ten“und „gu­ten Ge­le­gen­hei­ten“bei der Lö­sung des Ukrai­ne-kon­flikts. Sein Amts­kol­le­ge Wa­dym Prys­ta­j­ko spricht von „rea­len Fort­schrit­ten“. Sein Land sei zu „ver­nünf­ti­gen Kom­pro­mis­sen“be­reit.

Am Di­ens­tag ist Maas als Deutsch­lands di­plo­ma­ti­scher Scout im Os­ten un­ter­wegs. Es ist ei­ne Ope­ra­ti­on Hoff­nung. Für die Lö­sung der Ukrai­ne-kri­se, die das Ver­hält­nis zwi­schen dem Wes­ten und Russ­land schwer er­schüt­tert hat, soll ei­ne Art Road­map er­stellt wer­den. Maas son­diert, lo­tet aus. Am Abend trifft er auch Prä­si­dent Wo­lo­dy­myr Se­lens­kyj. Die Büh­ne, auf der die­se po­li­ti­sche Mam­mut­auf­ga­be ver­han­delt wer­den soll, ist der Gip­fel der Staats- und Re­gie­rungs­chefs aus Frank­reich, Deutsch­land, Russ­land und der Ukrai­ne am 9. De­zem­ber in Pa­ris. Ei­ne Vie­rer­run­de, die auch Nor­man­die­for­mat ge­nannt wird.

Pu­tin hofft auf Selbst­ver­wal­tung der Re­bel­len­ge­bie­te in der Ost­ukrai­ne

Es meh­ren sich die An­zei­chen, dass zu­min­dest die Fron­ten in dem seit rund fünf Jah­ren an­dau­ern­den Krieg in der Ost­ukrai­ne deut­lich auf­ge­weicht wer­den. Das ak­tu­el­le Zau­ber­wort heißt „Ent­flech­tung“. En­de Ju­ni ha­ben die ukrai­ni­sche Ar­mee und die Se­pa­ra­tis­ten im Dorf Stanyzja Lu­hans­ka Sol­da­ten und mi­li­tä­ri­sches Ge­rät rund 1000 Me­ter von der Front zu­rück­ver­legt. In den ver­gan­ge­nen Ta­gen zo­gen sie sich auch in den Ort­schaf­ten So­lo­te und Pe­triw­ske um den glei­chen Ab­stand zu­rück. Laut UN sind in den Kämp­fen zwi­schen ukrai­ni­schen Sol­da­ten und pro­rus­si­schen Re­bel­len

mehr als 13.000 Men­schen ge­tö­tet wor­den.

Das neue Tau­wet­ter liegt an ei­ner güns­ti­gen Kon­stel­la­ti­on zwi­schen Kiew, Moskau, Pa­ris und Ber­lin. Dass sich der rus­si­sche Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin be­weg­te, hängt auch mit dem seit Mai am­tie­ren­den ukrai­ni­schen Staats­chef Se­lens­kyj zu­sam­men. Mit dem Po­lit-no­vi­zen, der frü­her ein be­lieb­ter Fern­seh­ko­mi­ker war, ha­be sich ei­ne „neue Dy­na­mik“er­ge­ben, schwär­men Re­gie­rungs­krei­se in Deutsch­land und Frank­reich.

Auch in Pa­ris ist ein neu­es Kraft­zen­trum ent­stan­den. Frank­reichs Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron emp­fing Pu­tin im Au­gust in sei­ner Mit­tel­meer-re­si­denz Fort Bré­gançon. Er lob­te Russ­land als „gro­ßen

Nach­barn“und „not­wen­di­gen Part­ner“, der „ein Teil Eu­ro­pas“sei. In der Bun­des­re­gie­rung hat die­ser Vor­stoß für Ver­druss ge­sorgt – Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) hegt ein tie­fes Miss­trau­en ge­gen den Kreml­chef. Bei Pu­tin da­ge­gen, der im Zu­ge der Krim-anne­xi­on jah­re­lang ge­schol­ten wur­de, ha­ben die Strei­chel­ein­hei­ten des Fran­zo­sen of­fen­sicht­lich Ein­druck hin­ter­las­sen.

Pu­tin scheint zu­min­dest zu ei­ner teil­wei­sen Abrüs­tung in der Ost­ukrai­ne be­reit. Als Ge­gen­leis­tung er­hofft er sich in den Re­bel­len­ge­bie­ten ein weit­ge­hen­des Recht auf Selbst­ver­wal­tung – und da­mit in der Ost­ukrai­ne ei­nen Fuß in der Tür. Mit­tel­fris­tig hat er ei­nen Ab­bau der Sank­tio­nen im Au­ge.

Die Kanz­le­rin be­trieb in den ver­gan­ge­nen Wo­chen Te­le­fon­di­plo­ma­tie. Doch an­ders als im Ju­ni 2014, als sie das Nor­man­die-for­mat aus der Tau­fe ge­ho­ben hat, steht Mer­kel im Abend­rot ih­rer po­li­ti­schen Kar­rie­re nicht mehr im Mit­tel­punkt.

Se­lens­kyj be­steht auf Rück­zug und Ent­waff­nung der Se­pa­ra­tis­ten

Trotz der po­si­ti­ven Si­gna­le: Das Nor­man­die-tref­fen am 9. De­zem­ber die­ses Jah­res ist kei­nes­falls ei­ne Ga­ran­tie für ei­nen Durch­bruch. Denn in Pa­ris geht es um das um­strit­te­ne Herz­stück des Mins­ker Ab­kom­mens vom Fe­bru­ar 2015: Waf­fen­still­stand, Ab­zug schwe­rer Waf­fen von der Front­li­nie, Kom­mu­nal­wah­len und Au­to­no­mie für die

Re­gio­nen Do­nezk und Lu­hansk.

In die­sen Ta­gen kommt die „St­ein­mei­er-for­mel“des frü­he­ren deut­schen Au­ßen­mi­nis­ters zu Eh­ren. Die­ser hat vor­ge­schla­gen, dass es mit den Wah­len gleich­zei­tig ei­nen Son­der­sta­tus für Do­nezk und Lu­hansk ge­ben soll. Doch der Teu­fel steckt im De­tail. Prä­si­dent Se­lens­kyj hat be­reits Pf­lö­cke ein­gerammt. Er wer­de Wah­len erst zu­stim­men, wenn rus­si­sche Sol­da­ten und von ih­nen un­ter­stütz­te Se­pa­ra­tis­ten­ein­hei­ten ab­ge­zo­gen oder ent­waff­net wor­den sei­en. Moskau warnt des­halb mit Blick auf den Pa­ri­ser Ukrai­ne-gip­fel vor Il­lu­sio­nen. „Las­sen Sie uns die Er­war­tun­gen nicht zu hoch ste­cken, um am En­de nicht ent­täuscht zu sein“, sag­te Kreml­spre­cher Dmi­tri Pes­kow.

FOTO: GETTY IMAGES

Prä­si­dent Wo­lo­dy­myr Se­lens­kyj bei ei­ner Trup­pen­übung.

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