Die Poe­sie d er Far­ben

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Unstrut-hainich - Friedemann Mer­tin lernt im Bau­markt neue Sprach­bil­der

Un­se­re Welt ist reich an au­ßer­ge­wöhn­li­chen Be­ru­fen. In Aa­chen gibt es ei­nen Ge­s­angs­leh­rer für Hea­vy-me­tal, der sei­nen Schü­lern das rich­ti­ge Schrei­en bei­bringt – ein Shout-coach. In den USA ver­dient ein Mann sein Geld da­mit, Men­schen te­le­fo­nisch schlech­te Kun­de zu über­brin­gen. Sei­en es das En­de ei­ner Be­zie­hung, die Ent­las­sung oder wei­te­re Nach­rich­ten, für die an­de­re nicht die Prü­gel auf sich zie­hen wol­len.

Und dann gibt es Be­ru­fe, die ich mir sehr schwie­rig vor­stel­le. Zum Bei­spiel Na­mens­ge­ber für Wand­far­ben. Als ich kürz­lich im Bau­markt war, fes­sel­te mich ein Re­gal mit Farb­kärt­chen. Der Her­stel­ler hat­te je­der Far­be ei­nen Na­men mit blu­mi­ger Be­schrei­bung des Tons ver­passt. Das „Licht der Glet­scher“ist bei­spiels­wei­se ein pu­res Was­ser­blau. Nicht zu ver­wech­seln mit der „St­ein­blau­en Schön­heit“in ei­nem ele­gan­ten Blau­grau. Wer sei­ne Stu­be in ei­nem ro­man­ti­schen Tau­pe streicht, wähnt sich „Über den Dä­chern von Pa­ris“.

Stut­zig wur­de ich bei der „Poe­sie der Stil­le“(wür­de­vol­les Hell­grau) und der „Ele­gan­ten Ge­las­sen­heit“(ru­hi­ges Hell­beige) – die für mich sehr ähn­lich wirk­ten. Ins sprach­li­che Ab­seits ma­nö­vrier­te sich der Dich­ter oder die Dich­te­rin mit der „El­fen­bein-re­bel­lin“, die ein zu­rück­hal­ten­des Pa­s­tell­gelb meint.

Re­bel­lin­nen sind nach mei­ner Er­fah­rung sel­ten zu­rück­hal­tend.

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