Schutz­los im ei­ge­nen Zu­hau­se

Das Bun­des­kri­mi­nal­amt ver­zeich­net im­mer mehr Fäl­le von häus­li­cher Ge­walt. Bun­des­weit feh­len Plät­ze in Frau­en­häu­sern

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Debatte - Von Ju­lia Emm­rich

Es pas­siert im sieb­ten Stock der Hoch­haus­sied­lung. Aber auch in der Ab­ge­schie­den­heit der Vor­stadt­vil­la oder hin­ter der dün­nen Wand des Rei­hen­hau­ses. Im Durch­schnitt wird in je­der St­un­de ir­gend­wo in Deutsch­land ei­ne Frau schwer kör­per­lich ver­letzt. Nicht durch Frem­de – son­dern durch den ei­ge­nen Ehe­mann, Part­ner oder Exf­reund. Im ver­gan­ge­nen Jahr ver­zeich­ne­te das Bun­des­kri­mi­nal­amt (BKA) ins­ge­samt mehr als 140.000 Op­fer von Part­ner­schafts­ge­walt – mehr als 80 Pro­zent da­von wa­ren Frau­en. Für 122 Frau­en kam je­de Hil­fe zu spät – sie star­ben. „Alar­mie­rend“sei­en die­se Zah­len, sag­te Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Fran­zis­ka Gif­fey (SPD) am Mon­tag in Berlin – und ap­pel­lier­te an die Län­der: Um Ge­walt­op­fer bes­ser zu schüt­zen, müss­te die Zahl der Plät­ze in Frau­en­häu­sern ver­drei­facht wer­den.

Wie oft kommt es zu Ge­walt in der Part­ner­schaft?

Die Fall­zah­len sind zu­letzt ge­stie­gen. 2017 wur­den laut BKA 138.893 Frau­en und Män­ner Op­fer häus­li­cher Ge­walt – 2018 wa­ren es ins­ge­samt 140.755 Per­so­nen. Ge­zählt wer­den nur die an­ge­zeig­ten Fäl­le – das Dun­kel­feld aber ist gera­de bei häus­li­cher Ge­walt sehr groß. Ex­per­ten schät­zen, dass je­de drit­te Frau ein­mal im Le­ben Op­fer von Ge­walt wird – das sind rund zwölf Mil­lio­nen Frau­en.

Bei den sta­tis­tisch er­fass­ten Ta­ten geht es um ver­such­te und voll­ende­te Ge­walt, um Mord und Tot­schlag, Kör­per­ver­let­zung, Ver­ge­wal­ti­gung, se­xu­el­le Über­grif­fe, Be­dro­hung, Stal­king, Frei­heits­be­rau­bung, Zu­häl­te­rei und Zwangs­pro­sti­tu­ti­on. Nicht in al­len Fäl­len wa­ren 2018 die Op­fer weib­lich, rund 19 Pro­zent der Be­trof­fe­nen wa­ren Män­ner. Da­bei gibt es deut­li­che Un­ter­schie­de bei ein­zel­nen De­lik­ten: Bei se­xu­el­ler Ge­walt wa­ren die Op­fer zu 98,4 Pro­zent weib­lich, bei Mord und Tot­schlag in Paar­be­zie­hun­gen wa­ren 77 Pro­zent der Op­fer Frau­en.

Wer sind die Op­fer? Wer sind die Tä­ter?

Auch hier las­sen sich nur die of­fi­zi­ell be­kann­ten Fäl­le aus der Bkas­ta­tis­tik aus­wer­ten: Die meis­ten Op­fer wa­ren dem­nach zwi­schen 30 und 39 Jah­ren alt, Op­fer und Tä­ter wa­ren in der über­wie­gen­den Zahl Deut­sche: 67 Pro­zent der Tat­ver­däch­ti­gen hat­ten ei­nen deut­schen Pass. 5,7 Pro­zent wa­ren tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge, ge­folgt von Po­len (2,6 Pro­zent), Sy­rern (2,3 Pro­zent) und Ru­mä­nen (1,6 Pro­zent). Ein ähn­li­ches Bild zeigt sich bei den Op­fern: 70,6 Pro­zent wa­ren Deut­sche, vier Pro­zent Tür­ken und 3,2 Pro­zent Po­len.

Gif­fey will nichts be­schö­ni­gen: „Wir wis­sen, dass wir durch Zu­wan­de­rung mit ei­nem Frau­en­bild kon­fron­tiert wer­den, das nichts mit gleich­wer­ti­ger Be­hand­lung und ge­walt­frei­en Be­zie­hun­gen zu tun hat. Und wir wis­sen auch, dass es Kul­tu­ren

gibt, wo es zur Ta­ges­ord­nung ge­hört, dass Frau­en ge­schla­gen wer­den.“Aber: „Die Mehr­heit der Tä­ter ist deutsch­stäm­mig.“

Falsch sei es, Part­ner­ge­walt nur in so­zi­al schwa­chen Mi­lieus zu er­war­ten, sa­gen Fach­leu­te wie Ste­phan Butt­ge­reit vom So­zi­al­dienst ka­tho­li­scher Män­ner: Hö­he­re Bil­dung oder bes­se­res Ein­kom­men schütz­ten kei­nes­falls vor Ge­walt. Sie blei­be in vie­len Fäl­len bloß nach au­ßen un­sicht­bar: Ras­tet der Zahn­arzt in sei­ner Vil­la aus, schlägt der Un­ter­neh­mer sei­ne Frau zu Bo­den – dann ge­schieht das oft oh­ne Fol­gen für den Tä­ter. Schon des­halb, weil die Zahn­arzt­gat­tin oder die Un­ter­neh­mer­frau oft al­les da­ran setz­ten, um die schein­bar hei­le Fas­sa­de der bür­ger­li­chen Ehe zu ret­ten.

Wo fin­den Frau­en Schutz?

Bun­des­weit gibt es et­wa 350 Frau­en­häu­ser mit rund 7000 Plät­zen. Viel zu we­nig, fin­det nicht nur Gif­fey. Die drei­fa­che Zahl sei nö­tig, mehr noch: Ge­walt­op­fer bräuch­ten ei­nen Rechts­an­spruch auf ei­nen ge­schütz­ten Zufluchts­ort. Doch das kos­tet – und die­se Kos­ten will im Mo­ment nie­mand tra­gen.

Seit Mo­na­ten ver­han­delt die Mi­nis­te­rin mit den Län­dern. „Die Län­der sind in der Pflicht, hier mehr zu tun“, mahnt Gif­fey. Mit ins­ge­samt 120 Mil­lio­nen Eu­ro aus dem Bun­des­haus­halt will sie nun in den nächs­ten vier Jah­ren schon mal klei­ne­re Lü­cken stop­fen: ein paar be­ste­hen­de Frau­en­häu­ser aus­bau­en, hier und da für bar­rie­re­freie Zu­gän­ge sor­gen oder Ex­tra­plät­ze für Müt­ter schaf­fen, die sich mit Söh­nen im Te­enager­al­ter ins Frau­en­haus flüch­ten. „Ein 15-Jäh­ri­ger ist ja nicht der klas­si­sche Be­woh­ner ei­nes Frau­en­hau­ses“, sagt Gif­fey la­pi­dar.

Was kön­nen Freun­de, Ver­wand­te oder Nach­barn tun?

Ne­ben dem Hil­fe­te­le­fon „Ge­walt ge­gen Frau­en“, bei dem Be­trof­fe­ne und an­de­re Hil­fe­su­chen­de Rat be­kom­men (Hot­li­ne 08000 116 016), ist seit Mon­tag auch die Web­sei­te sta­er­ker-als-ge­walt.de frei­ge­schal­tet. Hier fin­den nicht nur Ge­walt­op­fer Hin­wei­se – son­dern auch Freun­de, Ver­wand­te oder Nach­barn. Zum Bei­spiel: Wor­an er­ken­ne ich häus­li­che Ge­walt? Wel­che Warn­si­gna­le gibt es? Und wann wächst das Ri­si­ko? Die Ant­wort: Vor al­lem in fa­mi­liä­ren Kri­sen oder Um­brü­chen. Das kann die Ge­burt ei­nes Kin­des sein, die Tren­nung vom Part­ner – aber auch Ar­beits­lo­sig­keit, Schul­den oder ei­ne Such­ter­kran­kung.

„Die Mehr­heit der Tä­ter ist deutsch­stäm­mig.“Fran­zis­ka Gif­fey Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin

FOTO: BERND VON JU­TRC­ZEN­KA / DPA

Bun­des­fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Fran­zis­ka Gif­fey (SPD) zeig­te sich alar­miert durch die ge­stie­ge­ne Zahl von Fäl­len häus­li­cher Ge­walt.

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