Grenz­sol­dat war ei­ner der Ers­ten im Neu­en Fo­rum in Mühl­hau­sen

Un­ter­neh­mer Gün­ter Oß­wald er­lebt na­he Tref­furt ei­ne be­we­gen­de Zeit

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Unstrut-Hainich -

Schärfs­ten Schliff und Drill er­fah­ren

Zur Gr­und­aus­bil­dung zum Mi­li­tär­kraft­fah­rer er­lebt auch er auf dem Hars­berg schärfs­ten Schliff und Drill. Am En­de die­ser Schin­der-mo­na­te wünscht sich je­der Sol­dat sehn­lichst, in Tref­furt ein­ge­setzt zu wer­den. „Tref­furt hat­te fünf, sechs Kn­ei­pen und vie­le Mä­dels“, er­zählt Gün­ter Oß­wald, der da­mals zu die­sen Glücks­pil­zen ge­hört. Eins der „vie­len Mä­dels“er­obert sein Herz. „Hei­lig­abend 1971 ha­ben wir uns ver­lobt, sonst hät­te ich kei­nen Pas­sier­schein für Tref­furt be­kom­men“, fährt Gün­ter Oß­wald fort, der aus Mühl­hau­sen stammt. Ei­gent­lich brennt der jun­ge, be­geis­ter­te Rad­sport­ler dar­auf, an der Sport­schu­le ei­ne Sport­kar­rie­re zu star­ten, aber we­gen sei­ner Ju­gend­wei­he-ab­sa­ge auf­grund sei­ner christ­li­chen Er­zie­hung im El­tern­haus kam die staatliche Re­tour-kut­sche in Form der Sport­schul-ver­wei­ge­rung.

Gün­ter Oß­wald schmie­det neue Plä­ne, wird Schmied. Nur we­ni­ge Schrit­te von der Frei­heit ent­fernt, schie­ßen dem Wach­sol­da­ten na­tür­lich Ge­dan­ken ans Ab­hau­en in den Kopf. Ernst­haft denkt das jun­ge Paar an ih­rem Ver­lo­bungs­abend dar­über nach, rü­ber zu ma­chen. Da­mit den El­tern kei­ne Re­pres­sa­li­en der Staats­ge­walt er­ei­len, las­sen sie die Idee schnell fal­len. Gün­ter Oß­wald ge­lingt es im­mer wie­der hart­nä­cki­ge An­fra­gen zu Mit­glied­schaf­ten in FDJ und SED ab­zu­weh­ren.

Als Mit­glied der Ddr-block­par­tei NDPD, der er bis 1989 an­ge­hör­te, leg­te man ihm na­he, für den Be­zirks­tag Er­furt zu kan­di­die­ren. „Ich soll­te da­für mei­ne West­ver­wandt­schaft ab­schwö­ren“, sagt er. Er tippt da­mals auf den Ti­tel der Zei­tung „Das Volk“über dem täg­lich der Auf­ruf aus dem Ma­ni­fest der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei „Pro­le­ta­ri­er al­ler Län­der, ver­ei­nigt euch!“druck­frisch prangt und be­tont: „Mei­ne Ver­wand­ten sind auch nur ein­fa­che Ar­bei­ter.“Da­mit rutscht das The­ma ein für al­le Mal vom Tisch.

Im Wen­de-herbst ge­hört Gün­ter Oß­wald zu ei­nem der ers­ten, die sich beim Neu­en Fo­rum in Mühl­hau­sen en­ga­gie­ren. „Nach dem 18. Ok­to­ber 1989, dem Rück­tritt von Erich Hone­cker, woll­ten wir die DDR noch re­for­mie­ren“, er­zählt er, der seit 1979 selbst­stän­di­ger Hand­wer­ker ist. Er spricht von ei­ner äu­ßerst be­we­gen­den und in­ten­si­ven

Zeit des Um­bruchs zwi­schen dem Hone­cker-rück­tritt und der Grenz­öff­nung. Er or­ga­ni­siert zahl­rei­che In­for­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen zu ge­plan­ten Re­for­men.

Am 18. No­vem­ber öff­net sich der Grenz­zaun bei Tref­furt; tags dar­auf be­tei­ligt sich Gün­ter Oß­wald bei der Groß­de­mons­tra­ti­on mit 25.000 Men­schen auf dem Ei­se­nach­er Markt­platz. „Nach der Grenz­öff­nung ebb­ten die Re­for­men der DDR stark ab – vie­le spra­chen fort­an nur noch von der Ein­heit“, er­in­nert er sich. Zur Brief­wahl für das Tref­fur­ter Bür­ger­ko­mi­tee, die Wahl­hel­fer am 9. De­zem­ber im Rat­haus aus­zäh­len, fährt Gün­ter Oß­wald knapp hin­ter Wolf­gang Hohn­stein und Heinz Grimm mit 85,5 Pro­zent das dritt­bes­te Er­geb­nis ein.

Das Gre­mi­um setzt sich da­mals un­ter an­de­rem mit Fra­gen zu ei­nem smo­gun­gefähr­de­te­ren Kin­der­gar­ten­stand­ort, zur Ein­rich­tung ei­nes me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gungs­zen­trums, zu öf­fent­li­chen In­stand­set­zungs­maß­nah­men, zu Um­welt­pro­ble­men und zur Ver­tei­lung von Bau­stof­fen aus­ein­an­der. Mit dem im­mer stär­ker wach­sen­den Wil­len bei­der­seits der Gren­ze zur Deut­schen Ein­heit dis­ku­tiert man beim Neu­en Fo­rum in­ten­siv über die Ein­rich­tung ei­ner Son­der­wirt­schafts­zo­ne auf dem Ter­ri­to­ri­um der un­ter­ge­hen­den DDR.

Hin­wei­se für die Zeit nach der Zer­schla­gung der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on

Den Spd-bun­des­po­li­ti­ker Egon Bahr (ver­stor­ben 2015), der 1922 in Tref­furt zur Welt kam, das da­mals zum Land­kreis Mühl­hau­sen ge­hört, er­lebt Gün­ter Oß­wald mehr­mals in be­we­gen­den Re­de­auf­trit­ten. Sie be­we­gen ihn, So­zi­al­de­mo­krat zu wer­den; er tritt je­doch vor fünf Jah­ren auf­grund ent­täu­schen­der Par­tei­po­li­tik wie­der aus.

Mit Ver­tre­tern des De­mo­kra­ti­schen Auf­bruchs traut sich Gün­ter Oß­wald am 15. oder 16. Ja­nu­ar 1990 in die Sta­si­zen­tra­le an der Kur­stra­ße in Ei­se­nach. Die Ein­dring­lin­ge kna­cken Pan­zer­schrän­ke. Gün­ter Oß­wald fällt ei­nes der dar­in ge­la­ger­ten „Schät­ze“– ein mit „Streng ge­heim!“de­kla­rier­tes Fern­schrei­ben – in die Hand und liest: „Nach der Zer­schla­gung der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on sind fol­gen­de Per­so­nen zu in­haf­tie­ren oder zu li­qui­die­ren: ….“Gün­ter Oß­wald fällt ein St­ein vom Her­zen, dass er sei­nen Na­men auf die­ser To­des­lis­te nicht ent­deckt.

Er selbst nimmt das Wort „Wen­de“da­mals und auch in sei­nem heu­ti­gen Er­zäh­len über die Wen­de­zeit nicht in den Mund. „Ich ha­be mich ja nicht ge­wen­det“, be­grün­det er, der nach den Weih­nachts­fei­er­ta­gen 1989 zu Mühl­hau­sens Kreis­hand­werks­meis­ter ge­wählt wird.

FOTO: NOR­MAN MEIß­NER

Gün­ter Oß­wald mit ei­nem Zei­tungs­ar­ti­kel zum Run­den Tisch Tref­furt in der Wen­de­zeit. Heu­te ist er als In­ha­ber ei­ner re­gio­na­len Fir­ma für Fahr­zeug­tei­le und tech­ni­schen Han­del be­kannt.

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