De­mo­kra­tie ist nie­mals Herr­schaft auf un­be­stimm­te Zeit

Gast­bei­trag Die Le­gi­ti­ma­ti­on des ge­schäfts­füh­ren­den Ka­bi­netts Ra­me­low ist schwach – und wird je­den Tag schwä­cher

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Thüringen - Von Man­fred Bal­dus Den voll­stän­di­gen Bei­trag fin­den Sie im In­ter­net un­ter: www.tlz.de/bal­dus

Der Frei­staat Thü­rin­gen hat seit ges­tern ei­nen neu­en Land­tag, den sieb­ten seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung. Für die Re­gie­rung von Mi­nis­ter­prä­si­dent Ra­me­low ist die­ser Vor­gang von ein­schnei­den­der, ja exis­ten­zi­el­ler Be­deu­tung. Sie ist seit ges­tern nur mehr ei­ne „Re­gie­rung oh­ne Amt“.

Die Thü­rin­ger Ver­fas­sung spricht in­so­weit klar: „Das Amt der Mit­glie­der der Lan­des­re­gie­rung“, so heißt es in ih­rem Ar­ti­kel 75, „en­det mit dem Zu­sam­men­tritt ei­nes neu­en Land­ta­ges“. Gleich­wohl droht dem Frei­staat kei­ne re­gie­rungs­lo­se Zeit. Still­stand, Un­ru­he, Span­nun­gen oder gar Cha­os sind nicht zu er­war­ten, zu­min­dest zu­nächst nicht. Denn die Ver­fas­sung hat vor­ge­sorgt. In dem ge­nann­ten Ar­ti­kel ver­pflich­tet sie den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten und, auf sein Er­su­chen, auch die von ihm er­nann­ten Mi­nis­ter, „die Ge­schäf­te bis zum Amts­an­tritt ih­rer Nach­fol­ger“fort­zu­füh­ren.

So weit, so gut. Doch was darf die­se Re­gie­rung? Et­wa ge­nau­so wei­ter­re­gie­ren wie bis­her?

Mi­nis­ter­prä­si­dent Ra­me­low scheint die­ser An­sicht zu sein. Doch die­ser Sicht ist ent­ge­gen­zu­tre­ten. So darf er kei­ne neu­en Mi­nis­ter er­nen­nen. Und auch könn­te er dem neu­en Land­tag nicht die Ver­trau­ens­fra­ge stel­len, da die­ser ihm ja bis­her auch kein Ver­trau­en aus­ge­spro­chen hat. Und all­ge­mein kann aus der Re­ge­lung über die Ge­schäfts­füh­rungs­pflicht ge­schlos­sen wer­den, dass ei­ne sol­che Re­gie­rung oh­ne Amt al­lein auf die Be­fug­nis­se be­grenzt ist, die eben zur Ge­schäfts­füh­rung not­wen­dig sind.

Die­se Er­kennt­nis mag Un­be­ha­gen be­rei­ten. Das Be­dürf­nis nach sta­bi­len Ver­hält­nis­sen ver­langt nach ei­ner hand­lungs­fä­hi­gen und star­ken Re­gie­rung. Doch Sta­bi­li­tät und Re­gier­bar­keit ist das ei­ne, de­mo­kra­ti­sche Le­gi­ti­ma­ti­on das an­de­re. Die­se Le­gi­ti­ma­ti­on be­zog die von Mi­nis­ter­prä­si­dent Ra­me­low 2014 ge­bil­de­te Re­gie­rung vor al­lem aus der Wah­l­ent­schei­dung des Thü­rin­ger Vol­kes an­läss­lich der Land­tags­wahl vor fünf Jah­ren. (...)

Doch die­se Wah­l­ent­schei­dung und der dar­in zum Aus­druck ge­brach­te Wil­le der Thü­rin­ger ist durch die Wahl im Ok­to­ber und den Zu­sam­men­tritt des neu­en Land­ta­ges über­holt. Je­ne Wahl von 2014 ist nun­mehr Ge­schich­te. Da­her kann von ihr na­tür­lich auch kei­ne nach­wir­ken­de Le­gi­ti­ma­ti­on aus­ge­hen, die über die in die­sem Jahr ge­fäll­te Wah­l­ent­schei­dung hin­aus­wirkt.

Al­ler­dings: Ganz oh­ne de­mo­kra­ti­sche Le­gi­ti­ma­ti­on ist die seit ges­tern ge­schäfts­füh­ren­de „Re­gie­rung oh­ne Amt“auch nicht. Sie kann sich le­gi­ti­miert se­hen durch die Ent­schei­dung des thü­rin­gi­schen Vol­kes im Jah­re 1993, als es im We­ge ei­ner Volks­ab­stim­mung die heu­te gel­ten­de Ver­fas­sung mit der ge­nann­ten Ge­schäfts­füh­rungs­re­gel be­schloss. Doch die­se Le­gi­ti­ma­ti­on kann nur ei­ne schwa­che sein, auf je­den Fall ist sie un­gleich schwä­cher als die Le­gi­ti­ma­ti­on, die die Re­gie­rung Ra­me­low vor fünf Jah­ren er­hielt.

Kopf­zer­bre­chen be­rei­tet, dass in der Thü­rin­ger Ver­fas­sung kei­ne Re­ge­lung zu fin­den ist, nach der in­ner­halb ei­ner be­stimm­ten Frist ei­ne neue Re­gie­rung ge­wählt wer­den muss und, falls dies nicht ge­schieht, Neu­wah­len aus­zu­schrei­ben sind. Was lässt sich aus die­sem Feh­len ab­lei­ten? Könn­te ei­ne ge­schäfts­füh­ren­de Re­gie­rung auch dau­er­haft re­gie­ren? (...) Na­tür­lich geht dies nicht. Denn De­mo­kra­tie ist nie­mals Herr­schaft auf un­be­stimm­te Zeit. Ei­ne ge­schäfts­füh­ren­de Re­gie­rung kann le­dig­lich ei­ne Re­gie­rung des Über­gangs sein. Die Thü­rin­ger Ver­fas­sung hebt dies in dem ein­gangs ge­nann­ten Ar­ti­kel her­vor, der zwi­schen der Be­en­di­gung des Am­tes, der Ver­pflich­tung zur Ge­schäfts­füh­rung und dem „Amts­an­tritt der Nach­fol­ger“un­ter­schei­det. (...)

Man­fred Bal­dus ist Pro­fes­sor für Öf­fent­li­ches Recht und Neue­re Rechts­ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Er­furt. Er ist Rich­ter am Thü­rin­ger Ver­fas­sungs­ge­richts­hof und Mit­her­aus­ge­ber des ak­tu­el­len Ver­fas­sungs­kom­men­tars.

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