Back­stu­be statt Hör­saal

Stu­di­en­ab­bre­cher Ro­bert Glo­ria will Bä­cker wer­den und spä­ter sei­ne ei­ge­ne Fir­ma grün­den

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Wirtschaft - Von Bernd Jentsch

Er hat nicht nur den Hör­saal ge­gen die Back­stu­be ge­tauscht, er hat auch sei­nen Le­bens­rhyth­mus um­ge­krem­pelt. Heu­te steht Ro­bert Glo­ria ab 22 Uhr in der Back­stu­be und be­ginnt sei­ne Nacht­schicht zu ei­ner Zeit, in der er sich noch vor ei­ni­gen Mo­na­ten schla­fen ge­legt hat.

Fünf Jah­re lang drück­te der heu­te 24-Jäh­ri­ge die Bän­ke in Hör­sä­len und Se­mi­n­ar­ge­bäu­den. Ma­the­ma­tik, Gar­ten­bau und Phy­sik hat­te er sich als Stu­di­en­rich­tung aus­ge­wählt. Er fühl­te sich im Stu­di­um nicht wohl, schob sei­ne Ent­schei­dung – die­ses zu be­en­den – aber lan­ge Zeit vor sich her. „Es hat ge­dau­ert, bis ich be­grif­fen ha­be, das nicht das Fach, son­dern das Stu­di­um als sol­ches das Pro­blem war“, er­in­nert sich Ro­bert Glo­ria.

Ers­te Über­le­gun­gen, sich be­ruf­lich zu ver­än­dern, ka­men dem jun­gen Mann, als er vom Pro­jekt „Über­gangs­men­tor“der Hand­werks­kam­mer Er­furt hör­te, das vom Eu­ro­päi­schen So­zi­al­fonds ge­för­dert wird. Es bie­tet Stu­di­en­aus­stei­gern und jun­gen Men­schen, die dar­über nach­den­ken, ihr Stu­di­um an den Na­gel zu hän­gen, ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung im Hand­werk als Al­ter­na­ti­ve.

Feed­back vom Chef und den Kol­le­gen mo­ti­viert

Ge­mein­sam mit den jun­gen Leu­ten ana­ly­sie­ren die Mit­ar­bei­ter der Hand­werks­kam­mer Er­furt die je­wei­li­ge per­sön­li­che Si­tua­ti­on und die Fä­hig­kei­ten. Oft­mals stellt sich dann her­aus, dass es ei­nen gro­ßen Lei­dens­druck gibt, wenn man fest­stel­len muss, dass das Stu­di­um doch nicht die rich­ti­ge Wahl war.

„Seit dem Start des Pro­jek­tes Über­gangs­mo­ni­tor im Jahr 2018 ha­ben sich mehr als 30 jun­ge Men­schen, die mit dem Ge­dan­ken spie­len, ihr Stu­di­um ab­zu­bre­chen, von uns be­ra­ten las­sen“, be­rich­tet der Haupt­ge­schäfts­füh­rer der Hand­werks­kam­mer Er­furt, Tho­mas Mal­che­rek.

Die Re­so­nanz be­stä­ti­ge deut­lich, dass die­ses An­ge­bot ei­nen Nerv tref­fe.

„War­um nicht Bä­cker wer­den?“, dach­te sich Ro­bert Glo­ria nach ei­nem Ge­spräch und ent­schied sich – wie vie­le ehe­ma­li­ge Stu­den­ten – zu­nächst in ei­nem Prak­ti­kum den Be­rufs­all­tag ken­nen­zu­ler­nen. In der Bä­cke­rei Stef­fen Mey­er in In­gers­le­ben im Land­kreis Go­tha trat Ro­bert sein Be­triebs­prak­ti­kum an.

„Vom ers­ten Tag an konn­te ich se­hen, was ich ge­schaf­fen ha­be“, er­in­nert sich Ro­bert Glo­ria an den Start. Er ha­be mit Qua­li­tät über­zeu­gen kön­nen. „Das di­rek­te Feed­back von mei­nem Chef und mei­nen Kol­le­gen mo­ti­vier­te mich tag­täg­lich“, be­rich­tet der jun­ge Mann. Das ha­be es im Stu­di­um nicht ge­ge­ben.

Kur­ze Zeit spä­ter trat Ro­bert Glo­ria im sel­ben Be­trieb sei­ne Aus­bil­dung zum Bä­cker­ge­sel­len an. „Ich hät­te nie ge­glaubt, dass ich mich in der Back­stu­be bes­ser füh­le als an der Uni“, sagt der an­ge­hen­de Bä­cker. Es ge­be un­ter den Stu­den­ten, die Zwei­fel an ih­rer Ent­schei­dung he­gen, weit ver­brei­tet die Mei­nung, dass ei­ne Be­rufs­aus­bil­dung sie un­ter­for­dern könn­te.

Er ha­be da­ge­gen die Er­fah­rung ge­macht, dass sich die per­sön­li­chen

Kar­rie­re-chan­cen deut­lich ver­grö­ßern, je mehr man sich in der Aus­bil­dung en­ga­gie­re. „Ich kann die­sen Weg je­dem emp­feh­len, der ein Stu­di­um ab­bre­chen möch­te“, sagt Ro­bert Glo­ria heu­te. Er denkt dar­über nach, der er­folg­rei­chen Aus­bil­dung ei­nen Meis­ter­ab­schluss oder ei­ne Qua­li­fi­ka­ti­on zum Be­triebs­wirt fol­gen zu las­sen. Per­spek­ti­visch kön­ne er sich vor­stel­len, ei­ne ei­ge­ne Bä­cke­rei zu über­neh­men.

Die Er­fah­rung zei­ge, dass ehe­ma­li­ge Stu­den­ten, die den Prü­fungs­stress ge­wöhnt sind, auch mit der Be­rufs­schu­le gut klar kom­men, be­rich­tet Tho­mas Mal­che­rek.

FO­TO: HAND­WERKS­KAM­MER ER­FURT

Ro­bert Glo­ria ist aus sei­nem Stu­di­um aus­ge­stie­gen und er­lernt den Be­ruf des Bä­ckers.

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