Ein Leh­rer für al­le Fäl­le

Die Aus­bil­dung von Päd­ago­gen soll in Thü­rin­gen künf­tig nicht mehr nach Schul­ar­ten er­fol­gen

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Thüringen - Von Ele­na Rauch

Es war elf Ta­ge vor der Land­tags­wahl, als die Re­gie­rung ein Maß­nah­men­pa­ket ge­gen Lehrer­man­gel vor­leg­te. Ein Punkt: Die Neu­aus­rich­tung der Leh­rer­aus­bil­dung. Die soll nicht mehr für Schul­ar­ten wie Re­gel­schu­len und Gym­na­si­en er­fol­gen, son­dern nach Schul­stu­fen.

Im Ge­spräch ist ei­ne sol­che Re­form schon län­ger. Nicht nur, weil sie der Lo­gik des län­ge­ren ge­mein­sa­men Ler­nens fol­gen wür­de, was auch vie­le El­tern wün­schen. Auch weil die Ab­sol­ven­ten dis­po­ni­bler ein­setz­bar wä­ren, dort wo der Lehrer­man­gel am här­tes­ten spür­bar ist. Und das sind nicht Gym­na­si­en, son­dern ne­ben Grund­schu­len die Re­gel­schu­len des Lan­des.

Alex­an­der Grö­sch­ner lei­tet an der Uni­ver­si­tät Je­na den Lehr­stuhl für Schul­päd­ago­gik und Un­ter­richts­for­schung und macht ei­ne Rech­nung auf: Von den 750 Stu­den­ten, die sich zum Win­ter­se­mes­ter für ei­nen Lehr­amts­stu­di­um ein­ge­schrie­ben ha­ben, will nur je­der zehn­te Re­gel­schul­leh­rer wer­den.

Ge­mes­sen an den Be­dar­fen ei­ne Schief­la­ge, die ver­stärkt wird, weil lan­ge nicht al­le Ab­sol­ven­ten am En­de in Thü­rin­ger Schu­len an­kom­men.

Mehr als die Hälf­te der Stu­den­ten kommt aus an­de­ren Bun­des­län­dern und will er­fah­rungs­ge­mäß auch in ih­re Hei­mat zu­rück.

„Abitu­ri­en­ten ha­ben in der Re­gel kei­ne ei­ge­nen Er­fah­run­gen mit Ler­nen an der Re­gel­schu­le“, be­merkt der Pro­fes­sor. „Sie ken­nen nur ih­ren Ruf und der ist nicht der bes­te. Wer aus In­ter­es­se an ei­nem Fach Lehr­amt stu­diert, wird Gym­na­si­al­leh­rer“, so sei­ne Wahr­neh­mung.

Für die Ab­kehr von ei­ner Aus­bil­dung, die streng nach Re­gel­schul­leh­rer und Gym­na­si­al­leh­rer trennt, spricht aus sei­ner Sicht vie­les. Vor al­lem mit Blick auf die Ge­mein­schafts­schu­len, de­ren Ent­wick­lung er be­für­wor­tet.

Weil sie durch­läs­sig für un­ter­schied­li­che Schul­bio­gra­fi­en ist und al­le Ab­schlüs­se an­bie­tet.

Das sieht auch Ka­rin Klei­nes­pel, wis­sen­schaft­li­che Ge­schäfts­füh­re­rin am Zen­trum für Lehr­er­bil­dung der Uni­ver­si­tät Je­na, nicht an­ders. Die Über­gän­ge zwi­schen den Schul­stu­fen sind in ei­ner Lern­bio­gra­fie wich­ti­ge Knack­punk­te, be­schreibt sie ei­ne Er­fah­rung. Man müs­se vom Kind her den­ken, und nicht von ei­ner Schul­struk­tur.

Nach ei­ner Re­form, er­klärt Pro­fes­sor Grö­sch­ner, wür­de es an der Jena­er Uni­ver­si­tät nur noch ei­ne Aus­bil­dung für Se­kun­dar­stu­fen­leh­rer ge­ben, die ei­nen Schwer­punkt wäh­len: Se­kun­dar­stu­fe I (5. bis 10. Klas­se) oder Se­kun­dar­stu­fe II (5. Klas­se bis Abitur).

Das wä­re von den dis­ku­tier­ten Mo­del­len das fa­vo­ri­sier­te. Das Lehr­amts­stu­di­um für die Se­kun­dar­stu­fe I wür­de um ein Se­mes­ter ver­län­gert und nach zehn Se­mes­tern mit dem ers­ten Staats­ex­amen ab­schlie­ßen.

Das zu­sätz­li­che Se­mes­ter wür­de Zeit für In­hal­te wie Ar­beit mit mul­ti­pro­fes­sio­nel­len Teams an Schu­len oder der In­klu­si­on schaf­fen. Un­term Strich, sagt Pro­fes­sor

Grö­sch­ner, wür­de es die­sen Ab­schluss auf­wer­ten und da­mit mehr Ar­gu­men­te für den Lehr­er­be­ruf bis zu Klas­se 10 schaf­fen.

Im Lehr­amts­stu­di­um mit Schwer­punkt Se­kun­dar­stu­fe II wür­de sich nicht viel än­dern, aber die Ab­sol­ven­ten wür­den dann auch per Ab­schluss in al­len Schul­ar­ten ab Klas­se 5 ein­setz­bar sein. Al­so auch in ei­ner Re­gel­schu­le. Und es wä­re dann, so wohl auch ei­ne In­ten­ti­on, we­ni­ger die Aus­nah­me von der Re­gel, als der­zeit.

Auch an der Uni­ver­si­tät Er­furt hält man ei­ne Re­form für zeit­ge­mäß. Weil sie ein wich­ti­ger Baustein für län­ge­res ge­mein­sa­mes Ler­nen mit grö­ße­rer Fle­xi­bi­li­tät wä­re, kon­sta­tiert Ben­ja­min Dre­er.

Er ist wis­sen­schaft­li­cher Ge­schäfts­füh­rer der „Er­furt School of Edu­ca­ti­on“, die an der Uni die Lehr­amts­aus­bil­dung kon­zi­piert: für

För­der­päd­ago­gik, Be­rufs­schu­len, Grund­schu­len und Re­gel­schu­len. Die künf­ti­gen Leh­rer ver­las­sen die Uni mit ei­nem Mas­ter­ab­schluss. Ge­mes­sen an Leis­tungs­punk­ten und Stu­di­en­zeit ist nach sei­ner Ein­schät­zung die Aus­bil­dung der Re­gel­schul­leh­rer in Er­furt schon jetzt mit der von Gym­na­si­al­leh­rern in Je­na ver­gleich­bar.

Die Ve­rän­de­run­gen sieht er in ei­ner Ver­tie­fung von Fach und ent­spre­chen­der Fach­di­dak­tik im Stu­di­um mit Blick auf den gym­na­sia­len An­teil. Denn aus sei­ner Sicht wä­re ein künf­ti­ger Se­kun­dar­stu­fen­leh­rer, der nicht ei­nen Schwer­punkt für die Se­kun­dar­stu­fe I oder II hat, son­dern die Klas­sen 5 bis 12 un­ter­rich­tet, der kon­se­quen­te Weg. Der At­trak­ti­vi­tät des Stu­di­ums wür­de das nur gut tun, be­merkt er.

Wie die Re­form am En­de aus­se­hen wird, muss ei­ne Lan­des­re­gie­rung erst noch ent­schei­den. Da­für müss­te dann auch das ent­spre­chen­de Lehr­er­bil­dungs­ge­setz ge­än­dert wer­den. Auf die Plä­ne hat­te Thü­rin­gens CDU mit Ab­leh­nung re­agiert. Sie wol­le, hat­te sie schnell an­ge­kün­digt, an der schul­art­be­zo­ge­nen Aus­bil­dung fest­hal­ten.

Doch erst, wenn es ei­ne lan­des­po­li­ti­sche Ent­schei­dung gibt, kön­nen die Uni­ver­si­tä­ten die An­pas­sung der Stu­di­en­in­hal­te an­ge­hen, über neue Struk­tu­ren nach­den­ken und wel­che per­so­nel­le Auf­sto­ckung das be­deu­tet. Von den schwe­ben­den po­li­ti­schen Kon­stel­la­tio­nen ein­mal ab­ge­se­hen, wer­den noch ei­ni­ge Jah­re ins Land ge­hen, bis die Er­geb­nis­se ei­ner sol­chen Re­form in den Schu­len an­kom­men könn­ten.

„Weil sie ein wich­ti­ger Baustein für län­ge­res ge­mein­sa­mes Ler­nen mit grö­ße­rer Fle­xi­bi­li­tät wä­re.“

Ben­ja­min Dre­er zur ge­plan­ten Re­form

FO­TO: J. STRATENSCH­ULTE / DPA

Ma­the­ma­tik­un­ter­richt in ei­ner 8. Klas­se. Die Aus­bil­dung der Leh­rer soll in Thü­rin­gen künf­tig nicht mehr nach Schul­ar­ten er­fol­gen.

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