Mehr Ma­fia-er­mitt­ler bei der Po­li­zei

Nach Schlä­ge­rei 2017 gab es ein Um­den­ken bei den Ver­ant­wor­tungs­trä­gern. Den­noch Kri­tik von der CDU

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Erste Seite - Von Fabian Klaus

Thü­rin­gens In­nen­mi­nis­ter Ge­org Mai­er (SPD) ist über­zeugt, dass die Po­li­zei den Struk­tu­ren „Or­ga­ni­sier­ter Kri­mi­na­li­tät“(OK) in Thü­rin­gen Herr wer­den kann. „Or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät ist viel­fach Kon­troll­kri­mi­na­li­tät“, sag­te der Spd-po­li­ti­ker auf An­fra­ge. Sei ei­ne si­gni­fi­kan­te Stei­ge­rung im Ok-be­reich fest­stell­bar, set­ze das wei­te­re Per­so­nal­stär­kung vor­aus. Die CDU übt den­noch Kri­tik. Die La­ge sei un­klar, sagt In­nen­po­li­ti­ker Ray­mond Walk.

Nach ei­nem Mdr-be­richt, der neue Hin­ter­grün­de zu ei­ner Ma­fi­aschie­ße­rei aus dem rus­sisch-eu­ra­si­schen Mi­lieu in Er­furt auf­ge­deckt hat, wird er­neut über die Kraft der

Thü­rin­ger Po­li­zei bei der Auf­klä­rung sol­cher Struk­tu­ren de­bat­tiert.

Um die ist es of­fen­bar seit zwei Jah­ren bes­ser be­stellt. Der­zeit ar­bei­ten 20 Er­mitt­ler in dem Be­reich beim Thü­rin­ger Lan­des­kri­mi­nal­amt. Dem sei­en, so Mai­er, Stel­len­be­rei­ni­gun­gen so­wie Aus­schrei­bun­gen für frei ge­wor­de­ne Di­enst­pos­ten vor­aus­ge­gan­gen. Die­se

Maß­nah­me ist Teil ei­nes gan­zen Pa­ke­tes, da­zu ge­hö­ren auch Spe­zi­al­schu­lun­gen für Po­li­zei­be­am­te oder ei­ne in­ten­si­ve­re Ver­zah­nung der Di­enst­stel­len mit­ein­an­der, was 2017 an­ge­gan­gen wur­de, nach­dem es im Er­fur­ter Kn­ei­pen­vier­tel zu ei­ner Schlä­ge­rei auf of­fe­ner Stra­ße kam – und die Spur zur Ma­fia führ­te.

Was steckt hin­ter der Ma­fi­aschie­ße­rei von Er­furt aus dem Jahr 2014? Ein Mdr-be­richt legt jetzt na­he, dass die blu­ti­ge Feh­de in ei­ner Spiel­hal­le im Nor­den der Thü­rin­ger Lan­des­haupt­stadt nur die Fort­set­zung ei­nes län­ger an­dau­ern­den Streits ge­we­sen sein könn­te. Da­zu be­zieht sich das Re­cher­che­team des Sen­ders auf meh­re­re Zehn­tau­send Sei­ten in­ter­ner Er­mitt­lungs­un­ter­la­gen, die ihm vor­lie­gen.

In den Fo­kus rückt da­bei wie­der­holt die Fra­ge, wie stark die Thü­rin­ger Po­li­zei ge­gen die Struk­tu­ren der Or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät (OK) in der Mit­te Deutsch­lands über­haupt vor­ge­hen kann. Das La­ge­bild des Bun­des­kri­mi­nal­am­tes (BKA) zu Ok-er­mitt­lun­gen 2018 stellt den Thü­rin­ger Er­mitt­lern ein schwa­ches Zeug­nis aus. Le­dig­lich vier Tat­kom­ple­xe aus die­sem Be­reich sei­en er­mit­telt wor­den. Thü­rin­gen liegt nur des­halb nicht auf dem letz­ten Platz, weil bei den vier Kom­ple­xen in Bre­men auch ei­ner vom BKA über­nom­men wird. Thü­rin­gen reiht sich mit den nied­ri­gen Zah­len al­ler­dings in die Rei­he der Bun­des­län­der ein, in de­nen we­ni­ger Ok-tat­be­stän­de er­mit­telt wur­den. Le­dig­lich in Bay­ern, Ham­burg, dem Saar­land und Meck­len­burg-vor­pom­mern gibt es ge­ring­fü­gi­ge Stei­ge­run­gen bei der Zahl der Er­mitt­lungs­ver­fah­ren.

In­nen­mi­nis­ter: Ok-er­mitt­lungs­stär­ke im bun­des­wei­ten Durch­schnitt

Thü­rin­gens In­nen­mi­nis­ter Ge­org Mai­er (SPD) weißt die In­ter­pre­ta­ti­on der Zah­len auf An­fra­ge zu­rück: „2018 wur­den vier Er­mitt­lungs­kom­ple­xe im Be­reich der Or­ga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät be­ar­bei­tet, wel­che oft­mals bis zu meh­re­re Hun­dert Er­mitt­lungs­ver­fah­ren be­inhal­ten.“Thü­rin­gen lie­ge mit den 20 Di­enst­pos­ten ak­tu­ell im bun­des­wei­ten Durch­schnitt von fünf Sach­be­ar­bei­tern

pro Er­mitt­lungs­kom­plex. Mai­er ver­weist dar­auf, dass un­mit­tel­bar nach ei­ner Schlä­ge­rei in der Er­fur­ter Michae­lis­stra­ße im Ok­to­ber 2017 – auch hier gibt es Spu­ren zur OK – Maß­nah­men, un­ter an­de­rem zur Per­so­nal­schu­lung bei der Po­li­zei, in­iti­iert wur­den, die bis heu­te ste­tig er­wei­tert wer­den.

Ray­mond Walk, In­nen­po­li­ti­ker der Thü­rin­ger CDU, hält zu der Er­mitt­lungs­zahl al­ler­dings ent­ge­gen: „Das Merk­mal, dass meh­re­re Ver­fah­ren zu­sam­men­ge­fasst wur­den, gilt für an­de­re Bun­des­län­der eben­falls. Den­noch wer­den mehr Straf­ta­ten er­mit­telt.“

Wie schwie­rig es die Er­mitt­ler al­ler­dings bei der Auf­klä­rung ha­ben, das der zeigt der Ab­schluss ei­nes Ver­fah­rens am Er­fur­ter Amts­ge­richt in die­ser Wo­che. Dort hat­ten ur­sprüng­lich fünf Ar­me­ni­er auf der An­kla­ge­bank ge­ses­sen, die den Bo­xer Karo Mu­rat am Ran­de ei­ner Ver­an­stal­tung in der Er­fur­ter Mes­se­hal­le 2017 ver­prü­gelt ha­ben sol­len. Bei ei­nem Teil der Be­tei­lig­ten gilt ei­ne Ver­bin­dung zur Ma­fia-schie­ße­rei in Er­furt 2014 als be­legt. Ob die Feh­de von da­mals bei der Schlä­ge­rei 2017 ih­re Fort­set­zung fand? Das konn­te das Ver­fah­ren nicht voll­stän­dig auf­klä­ren. Fakt ist aber: Von einst­mals fünf An­ge­klag­ten ist ei­ner zu ei­ner acht­mo­na­ti­gen Be­wäh­rungs­stra­fe ver­ur­teilt wor­den. Das Ver­fah­ren ge­gen ei­nen an­de­ren An­ge­klag­ten wur­de ab­ge­trennt und es gab Frei­sprü­che, weil die Schlä­ger nicht zwei­fels­frei er­kannt wer­den konn­ten – im Zwei­fel für den An­ge­klag­ten.

Dass die Grün­de für die Schie­ße­rei in Er­furt tie­fer lie­gen, wird schon lange ver­mu­tet. Der Mdr-be­richt hat jetzt auf­ge­deckt, dass es 2013 in ei­nem grie­chi­schen Re­stau­rant in Wei­mar be­reits ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung ge­ge­ben hat­te, bei der es fast zur Es­ka­la­ti­on ge­kom­men wä­re. Ein Zeu­ge ha­be der Po­li­zei be­rich­tet, heißt es in dem Bei­trag un­ter Be­zug­nah­me auf die in­ter­nen

Die Po­li­zei in Je­na prä­sen­tiert Die­bes­gut.

Pro­zess nach ei­nem Über­fall auf Re­stau­rant­gäs­te in Er­furt.

Ak­ten, dass „im Wa­gen ei­nes Ver­däch­ti­gen ein Sturm­ge­wehr und au­to­ma­ti­sche Waf­fen ge­le­gen ha­ben“. An dem Tref­fen sei­en je drei Ar­me­ni­er aus Leip­zig und drei aus Er­furt be­tei­ligt ge­we­sen. Auf der an­de­ren Sei­te hät­ten drei Tsche­tsche­nen ge­ses­sen, die im Ver­dacht stün­den, zur Tsche­tsche­nen-ma­fi­ag­rup­pe in Thü­rin­gen und Sach­sen zu ge­hö­ren. Of­fen­bar ging es um Kon­kur­renz­struk­tu­ren auf dem Au­to­schie­ber­markt. Der il­le­ga­le Au­to­han­del könn­te auch für den Dro­gen­trans­port ge­nutzt wor­den sein.

Da­ne­ben steht auch die Tat­sa­che im Fo­kus, dass es nicht nur zwi­schen Ar­me­ni­ern und Tsche­tsche­nen zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen kommt, son­dern of­fen­bar auch zwi­schen den ar­me­ni­schen Grup­pen in Er­furt seit Jah­ren ein Streit schwelt. Aus­druck die­ses Kon­flikts könn­te die Schlä­ge­rei in der Michae­lis­stra­ße in Er­furt 2017 ge­we­sen sein. Da­für sa­ßen spä­ter über­wie­gend Deut­sche

auf der An­kla­ge­bank, die aber in en­ger Ver­bin­dung zu ei­nem der Ma­fia-clans ste­hen sol­len.

Mehr Ma­fia­bos­se da­bei als bis­her be­kannt

Die Aus­wer­tung der Un­ter­la­gen legt laut Be­richt na­he, dass der Streit in Thü­rin­gen von ho­hen Ma­fia-au­to­ri­tä­ten ge­schlich­tet wur­de. Dem­nach wa­ren so­wohl in Wei­mar 2013 als auch in Er­furt 2014 „mehr Ma­fia­bos­se da­bei, als bis­her be­kannt“, schrei­ben die Au­to­ren, die seit vie­len Jah­ren in der Ok-sze­ne in Mit­tel­deutsch­land re­cher­chie­ren und di­ver­se Struk­tu­ren rund um die Or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät auf­ge­deckt ha­ben.

So wür­den dem Be­richt zu­fol­ge meh­re­re Spu­ren zu so­ge­nann­ten „Die­ben im Ge­setz“füh­ren, den höchs­ten Au­to­ri­tä­ten in der rus­sisch-eu­ra­si­schen Ma­fia. Aber auch bei der tsche­tsche­ni­schen Ma­fia er­ge­ben sich die­se Spu­ren dem Bei­trag zu fol­ge. Das de­ckungs­glei­che Hier­ar­chie­sys­tem exis­tiert bei den Tsche­tsche­nen. Wie die Strei­tig­kei­ten zwi­schen den Grup­pen vor­erst bei­ge­legt wer­den konn­ten, auch da­zu ge­ben die Er­mitt­lungs­un­ter­la­gen, die in dem Mdr-be­richt als Qu­el­le zi­tiert wer­den, of­fen­bar Aus­kunft.

Dem­nach reich­ten die Ver­bin­dun­gen bis in die Po­li­tik. Ein Po­li­ti­ker aus Da­ges­tan, ei­ner Kau­ka­sus­re­pu­blik, die an Ge­or­gi­en und Tsche­tsche­ni­en grenzt, sei nach Er­furt und Ber­lin ge­reist. Der Mann pfle­ge of­fen­bar gu­te Kon­tak­te zu Ma­fia-bos­sen in der Re­gi­on. Ge­mein­sam mit ei­nem Ge­schäfts­mann soll es of­fen­bar er­folg­rei­che Ver­mitt­lungs­ver­su­che zwi­schen den Grup­pen ge­ge­ben ha­ben und die Dif­fe­ren­zen könn­ten nach Tref­fen in Bel­gi­en und Moskau ge­gen Geld­zah­lun­gen bei­ge­legt wor­den sein – im Bei­trag wird von ei­nem „vor­läu­fi­gen Frie­den“ge­schrie­ben, der her­ge­stellt wer­den konn­te.

FO­TO: ECK­HARD JÜNGEL

In Lei­ne­fel­de-wor­bis kam es im­mer wie­der zu Aus­ein­an­der­set­zun­gen ar­me­ni­scher Fa­mi­li­en. Hier kon­trol­liert ein Groß­auf­ge­bot der Po­li­zei im Fe­bru­ar in dem Zu­sam­men­hang Au­tos.

FO­TO: MGT

Of­fen­bar Im Zu­sam­men­hang mit Aus­ein­an­der­set­zun­gen kri­mi­nel­ler Ban­den stand ei­ne Schlä­ge­rei bei ei­nem Box­kampf in Er­furt im April 2017.

FO­TO: ALEX­AN­DER VOLKMANN

FO­TO: K. MUDRA

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.