Stark­re­gen – so sind Sie rich­tig ver­si­chert

Im­mer häu­fi­ger kommt es zu ex­tre­men Wet­te­rer­eig­nis­sen. Über die Hälf­te der Deut­schen ist nicht vor­be­rei­tet

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Ratgeber - Von To­bi­as Kis­ling

Die Ka­ta­stro­phe kam un­er­war­tet: Es reg­ne­te wie aus Kü­beln am 1. Ju­ni 2016 im nie­der­baye­ri­schen Sim­bach am Inn. Was folg­te, war ei­ne Ket­ten­re­ak­ti­on, die fünf Men­schen das Le­ben kos­te­te und die Stadt ver­wüs­te­te. Zwei Bä­che wur­den zu Flu­ten, ris­sen Stra­ßen mit sich, spül­ten Schlamm in die Kel­ler – und lie­ßen die Häu­ser für ih­re Be­woh­ner zur Ge­fahr wer­den.

Drei Jah­re spä­ter ist Stark­re­gen kei­ne Sel­ten­heit mehr. Als im Au­gust Ber­lin un­ter Was­ser stand, gin­gen Bil­der von Kurz­ent­schlos­se­nen in Ba­de­ho­sen, die ne­ben den Au­tos schwim­men gin­gen, durch Deutsch­land. Doch mit den sint­flut­ar­ti­gen Re­gen­fäl­len ist nicht zu spa­ßen – oft sind sie ge­fähr­lich und sor­gen für ei­nen ho­hen ma­te­ri­el­len und fi­nan­zi­el­len Ver­lust. Zwi­schen 2002 und 2017 gab es 1,3 Mil­lio­nen Schä­den an Wohn­ge­bäu­den auf­grund von Stark­re­gen – Ten­denz stei­gend, wie ei­ne Un­ter­su­chung des Deut­schen Wet­ter­diens­tes (DWD) mit dem Ge­samt­ver­band der Deut­schen Ver­si­che­rungs­wirt­schaft (GDV) in die­ser Wo­che zeig­te. Wie kön­nen sich Im­mo­bi­li­en­be­sit­zer und Mie­ter schüt­zen? Ant­wor­ten auf die wich­tigs­ten Fra­gen.

Wel­che Re­gio­nen sind von Stark­re­gen be­son­ders be­trof­fen?

Ent­ge­gen frü­he­rer An­nah­men, wo Stark­re­gen fast aus­schließ­lich in den Mit­tel­ge­bir­gen und im Al­pen­vor­land ver­or­tet wur­de, weiß der Deut­sche Wet­ter­dienst heu­te dank mo­der­ner Ra­dar­tech­nik, dass Stark­re­gen über­all auf­tritt. Ge­mes­sen an der Scha­dens­häu­fig­keit pro Qua­drat­ki­lo­me­ter ist Thü­rin­gen am an­fäl­ligs­ten für ex­tre­men Re­gen – ge­folgt von Bre­men und Ham­burg. Nord­rhein-west­fa­len lan­det im Bun­des­län­der­ver­gleich auf Platz 13.

Kommt es häu­fi­ger zu Stark­re­gen?

„Deutsch­land muss sich auf mehr Wet­ter­ex­tre­me ein­stel­len“, warnt Andre­as Be­cker, Lei­ter des Re­fe­rats Nie­der­schlags­über­wa­chung beim DWD. Die Un­ter­su­chung der Stark­re­gen­fäl­le ha­be er­ge­ben, dass das Dür­re­jahr 2018 das Jahr mit dem meis­ten Stark­re­gen ge­we­sen sei. 2001 wur­den noch 281 Fäl­le von Stark­re­gen re­gis­triert, im Vor­jahr lag die Zahl bei 1349. Der Kli­ma­wan­del ha­be ent­schei­den­den An­teil an die­ser Ent­wick­lung, sagt Wet­ter­ex­per­te Be­cker. Mit je­dem Grad Cel­si­us stei­ge die Re­gen­men­ge um bis zu 14 Pro­zent. Wäh­rend frü­her Wet­ter­ex­tre­me im Ab­stand von rund zwölf Jah­ren auf­tra­ten, wür­den die­se künf­tig al­le fünf Jah­re vor­kom­men, er­läu­tert Be­cker mit Ver­weis auf ver­schie­de­ne Kli­ma­mo­dell­rech­nun­gen

Was heißt das für Im­mo­bi­li­en­be­sit­zer?

Wer ei­ne Im­mo­bi­lie be­sitzt, soll­te vor­sor­gen. Zwi­schen 2002 und 2017 sei­en laut der Un­ter­su­chung der Ver­si­che­rer und des Wet­ter­diens­tes Schä­den in Hö­he von 6,7 Mil­li­ar­den Eu­ro ent­stan­den – ver­si­chert war da­von nur ein Wert von 1,8 Mil­li­ar­den Eu­ro. Wäh­rend zur Jahr­tau­send­wen­de nur rund je­der Vier­te ge­gen Na­tur­ge­fah­ren ver­si­chert war, stieg der An­teil auf zu­letzt 43 Pro­zent. Im Um­kehr­schluss heißt das aber auch: Mehr als je­der zwei­te Im­mo­bi­li­en­be­sit­zer ist im Scha­dens­fall nicht ab­ge­si­chert. Wer sich ge­gen Stark­re­gen schüt­zen möch­te, braucht in sei­ner Wohn­ge­bäu­de­ver­si­che­rung ei­ne Ele­men­tar­schutz­ver­si­che­rung.

Was kos­tet ei­ne sol­che Ver­si­che­rung?

Die Hö­he der Kos­ten für ei­ne Ele­men­tar­ver­si­che­rung va­ri­iert je nach Wohn­ort und Ver­si­che­rung. Durch­schnitt­lich be­zif­fert Oli­ver Hau­ner, Lei­ter der Sach­ver­si­che­rung im GDV, die Kos­ten auf rund 100 Eu­ro im Jahr für ein Ein­fa­mi­li­en­haus.

Reicht ei­ne Haus­rat­ver­si­che­rung?

Nein. Wer auf ei­ne Ele­men­tar­ver­si­che­rung ver­zich­tet, kann sich im Scha­dens­fall nicht auf sei­ne Haus­rat­ver­si­che­rung be­ru­fen – das gilt nicht nur für Im­mo­bi­li­en­be­sit­zer, son­dern auch für Mie­ter. Wenn al­so bei­spiels­wei­se der Kel­ler ei­nes Mehr­fa­mi­li­en­hau­ses un­ter Was­ser steht und der Mie­ter kei­ne Ele­men­tar­ver­si­che­rung in sei­ner Haus­rat­ver­si­che­rung ver­ein­bart hat, bleibt er auf dem Scha­den sit­zen. Mie­ter in Wohn­häu­sern, in de­nen Was­ser leicht ein­drin­gen kann, soll­ten da­her ih­re Ver­si­che­run­gen prü­fen, ob der Baustein Ele­men­tar­ver­si­che­rung ent­hal­ten ist. Oft wer­den Haus­rat- und Ele­men­tar­ver­si­che­rung in Kom­bi­na­ti­on an­ge­bo­ten.

Was für Pflich­ten ha­ben Ver­si­cher­te?

Grund­sätz­lich sind Ver­si­cher­te an­ge­hal­ten, zu ret­ten, was zu ret­ten ist. Das be­deu­tet aber nicht, dass sie sich da­für ei­ner Ge­fahr aus­set­zen sol­len. „Man­che wol­len die Wasch­ma­schi­ne im Kel­ler ret­ten und be­ge­ben sich so in töd­li­che Ge­fahr, denn oft fül­len sich die Kel­ler bei Stark­re­gen schnell und kön­nen zur töd­li­chen Fal­le wer­den“, sagt Hau­ner. Der Schutz der ei­ge­nen Un­ver­sehrt­heit ge­he da­her im­mer vor.

Soll­te man Vor­keh­run­gen tref­fen?

Da­zu ist man ge­setz­lich so­gar ver­pflich­tet, denn im Was­ser­haus­halts­ge­setz heißt es un­ter Pa­ra­graf 5, dass je­de Per­son „ge­eig­ne­te Vor­sor­ge­maß­nah­men zum Schutz vor nach­tei­li­gen Hoch­was­ser­fol­gen“zu tref­fen ha­be. Vie­le Ver­si­che­rer ver­lan­gen ge­wis­se Prä­ven­tiv­maß­nah­men – et­wa ei­ne Rück­stau­klap­pe, die ver­hin­dert, dass das Was­ser zu­rück durch die Ab­flüs­se ins Haus ge­drückt wird. Auch druck­dich­te Fens­ter kön­nen schüt­zend wir­ken. Tho­mas Nau­mann, Bau­kon­struk­ti­ons­for­scher an der Dresd­ner Hoch­schu­le für Tech­nik und Wirt­schaft, rät da­zu, schon beim Haus­bau mög­li­che Ri­si­ken zu be­rück­sich­ti­gen und ro­bust zu bau­en. Das gin­ge et­wa, wenn der hoch­wer­ti­ge Wohn­be­reich hö­her als der Erd­bo­den liegt. Ei­nen po­si­ti­ven Ef­fekt hät­ten Grün­dä­cher, be­rich­tet Wet­ter­ex­per­te Andre­as Be­cker. Bei Hit­ze im Som­mer sorgt ei­ne Grün­be­pflan­zung auf Dä­chern für ei­ne Küh­lung von bis zu zwei Grad Cel­si­us, bei Stark­re­gen nimmt das Dach das Was­ser auf.

„Deutsch­land muss sich auf mehr Wet­ter­ex­tre­me ein­stel­len.“Andre­as Be­cker, Lei­ter des Re­fe­rats Nie­der­schlags­über­wa­chung beim Deut­schen Wet­ter­dienst

FO­TO: DPA PIC­TU­RE AL­LI­AN­CE / STEFAN RAMPFE

In Deutsch­land kommt es im­mer öf­ter zu Stark­re­gen­fäl­len – wie hier im nie­der­säch­si­schen Rhü­den vor zwei Jah­ren.

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