Tipps und In­for­ma­tio­nen

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Reise - Von Dör­te Nohr­den

Hoch oben am Ufer der St. Ann’s Bay er­teilt uns An­ge­lo Spi­naz­zo­la ei­nen Schnell­kurs im Ka­jak­fah­ren. „Un­se­re Ei­ner sind schnel­ler, aber wa­cke­li­ger, mit den sta­bi­le­ren Dop­pel­ka­jaks ist Ken­tern fast un­mög­lich“, er­klärt der drah­ti­ge Ka­na­di­er mit ei­nem Au­gen­zwin­kern, „Al­so, wer will ein Tan­dem?“Fast al­le Hän­de flie­gen nach oben.

Wir bil­den Zwei­er­teams, es geht an die Tro­cken­übun­gen: „Taucht nicht zu tief mit den Pad­deln ein und hal­tet die Hän­de schön mit­tig am Steg, et­wa so.“Un­ser Gui­de macht es vor, dann we­deln auch wir rhyth­misch in der Luft. Zum Schluss zwän­gen wir uns in en­ge Schwimm­wes­ten und klet­tern un­ten am Steg in die kip­pe­li­gen Ka­jaks. Wir zur­ren den Spritz­was­ser­schutz in der Tail­le fest und An­ge­lo hilft uns, ihn um die Ein­stiegs­lö­cher zu span­nen; ein Kraft­akt.

„Und ganz wich­tig“, so sei­ne letz­te Lek­ti­on, „soll­tet ihr doch ken­tern, ein­fach vor­ne an der La­sche zie­hen, so könnt ihr euch vom Ka­jak los­ma­chen.“Kurz wird uns mul­mig, doch das Ge­fühl von Frei­heit und Aben­teu­er ge­winnt.

Him­mel, High­lands und Meer tref­fen wie ge­malt auf­ein­an­der

No­va Sco­tia, die zweit­kleins­te Pro­vinz Ka­na­das, zieht sich auf der Land­kar­te wie ein Kro­ko­dil ent­lang der Ost­küs­te und klafft an sei­nem nord­öst­lichs­ten En­de gleich ei­nem rie­si­gen Maul aus­ein­an­der. Durch ge­nau die­sen „Kro­ko­dils­kopf“führt un­ser Roadtrip: durch Ca­pe Bre­ton Is­land. Zu­fäl­lig er­in­nert auch der Na­me des Haupt­or­tes an Aus­tra­li­en: Syd­ney! So ver­rückt es klingt: Tat­säch­lich stran­den hier im­mer wie­der Ur­lau­ber in Flip-flops, die bei der Bu­chung nicht auf­pass­ten und ei­gent­lich nach Down Un­der woll­ten.

Doch mit Kro­ko­di­len hat die In­sel nichts am Hut, statt­des­sen ist der Hum­mer In­be­griff der Re­gi­on; Ca­pe Bre­ton, das Tor nach Neu­fund­land, ist um­ge­ben vom rau­en At­lan­tik im Os­ten und dem Sankt-lo­renz-golf im Wes­ten. Die Fi­sche­rei ist seit Jahr­hun­der­ten fest in der DNA der rund 130.000 „Ca­pers“ver­an­kert. Bei den In­su­la­nern wird auch ein ver­irr­ter Gast herz­lich in Emp­fang ge­nom­men. Statt ro­ter Wüs­te und Ulu­ru er­war­ten ihn hier hü­ge­li­ge Wald­land­schaf­ten um­rahmt von At­lan­tik­blau; statt Did­ge­ri­doo du­delt hier die Fie­del, ein schot­ti­sches Er­be der Re­gi­on.

Und mit et­was Glück kommt er, wie wir, in den Ge­nuss des rund 300 Ki­lo­me­ter lan­gen „Ca­bot Trails“. Je­ner Küs­ten­rou­te, an der auch An­ge­los Pad­del-pa­ra­dies liegt. Un­se­re Ka­jaks ha­ben wir schnell un­ter Kon­trol­le und glei­ten im Gleich­takt über den Fjord. In der Herbst­son­ne glit­zert er wie ein Dia­man­ten­meer. In Schat­tie­run­gen von Grün, Oran­ge und Glut­rot zieht das dicht be­wal­de­te Ufer an uns vor­bei, der Be­ginn des wun­der­schö­nen In­dian Sum­mer.

■ et­wa über Frank­furt und To­ron­to nach Syd­ney. Der Flug­ha­fen­code lau­tet YQY – nicht SYD.

An­rei­se:

■ In Plea­sant Bay neh­men meh­re­re An­bie­ter Tou­ris­ten mit zu Wa­len und Del­fi­nen, et­wa „Cap­tain Mark’s Wha­le and Se­al Crui­se“oder „Gua­ran­te­ed Wha­le Sight­see­ing“. Auch in Ingo­nish, Neil’s Har­bour und Che­ti­camp gibt es Mög­lich­kei­ten, den Mee­res­tie­ren nä­her­zu­kom­men.

Wha­le Watching:

■ Wei­te­re In­for­ma­tio­nen bie­tet das re­gio­na­le Tou­ris­mus­bü­ro un­ter www.cbis­land.com.

On­li­ne:

„Schaut, da!“, ruft An­ge­lo nach ei­ner Wei­le und zeigt nach oben. Drei Weiß­kopf­see­ad­ler krei­sen über uns – in ei­nem wol­ken­lo­sen Him­mel. Es ist ein un­be­zahl­ba­rer Glücks­mo­ment, der es schwer macht, von die­sem Ort Ab­schied zu neh­men. Wei­ter geht es Rich­tung Nor­den, ent­lang perl­wei­ßer Na­tur­strän­de, schrof­fer Küs­ten, ver­spreng­ter Ört­chen mit bun­ten Holz­häu­sern.

Ab Neil’s Har­bour win­det sich der „Ca­bot Trail“lang­sam hin­auf in den Ca­pe Bre­ton High­lands Na­tio­nal­park. Ul­men, Bir­ken, Tan­nen und der dun­kel­rot ver­färb­te Ahorn über­zie­hen das ma­jes­tä­ti­sche Hoch­pla­teau. Hin­ter je­der Kurve ein neu­es, fan­tas­ti­sches Bild. Wir ha­ben längst auf­ge­hört, un­se­re „Wows“zu zäh­len. Über den Fi­scher­ort Plea­sant Bay, an dem der „Ca­bot Trail“kurz wie­der das Meer er­reicht, schrau­ben wir uns aber­mals hin­auf in die High­lands. Un­ser Ziel: der „Sky­line Trail“.

Der rund neun Ki­lo­me­ter lange Rund­weg gilt als ei­ner der schöns­ten al­ler 26 Wan­der­we­ge des Na­tio­nal­parks. Ko­jo­ten und Schwarz­bä­ren auf der Su­che nach Blau­bee­ren strei­fen frei durch die­se Wäl­der – und ein wei­te­rer Vier­bei­ner, dem wir bald Au­ge in Au­ge ge­gen­über­ste­hen wer­den. Mi­ran­da Dodd er­war­tet uns schon am Ein­gang des Trails. „Nun, wir ha­ben hier ge­ra­de ei­nen et­was stür­mi­schen Elch“, warnt uns die Ran­ge­rin mit ei­nem schrä­gen Lä­cheln. „Die Tie­re sind mit­ten in der Br­unft, wir müs­sen da­her ein paar Re­geln ein­hal­ten.“Die wich­tigs­te da­von lau­tet: Ab­stand hal­ten.

Und tat­säch­lich, schon bald kreuzt ei­ne im­po­san­te Elch­kuh un­se­ren Weg, ihr Rü­cken hö­her als ein Tür­rah­men! Un­be­irrt bleibt sie we­ni­ge Me­ter ent­fernt ste­hen und knab­bert an den jun­gen Trie­ben ei­ner Tan­ne – ih­re Leib­spei­se. Sie scheint bes­ter Lau­ne, doch das kann schnell ins Ge­gen­teil kip­pen.

Uns bleibt nichts, als in ei­nem gro­ßen Bo­gen um sie her­um zu stap­fen, mit­ten durch ei­ne ver­wun­sche­ne, von Far­nen und knor­ri­gen Bäu­men be­deck­te Land­schaft. Wir fol­gen dem Trail, stol­pern über Baum­wur­zeln, fin­den Spu­ren von Bä­ren. Im­mer wie­der er­ha­schen wir Aus­sich­ten aufs Meer, bis wir den Wald hin­ter uns las­sen und sich der Blick ganz und gar öff­net. Silb­rig schim­mernd liegt der Sankt-lo­renz-golf nun vor uns. Him­mel, High­lands und Meer tref­fen an die­sem Ort wie in ei­nem Ge­mäl­de auf­ein­an­der.

Hier sa­gen sich Finn­wal, Elch und Ad­ler Gu­te Nacht

In der Fer­ne schlän­gelt sich der „Ca­bot Trail“ent­lang der Berg­hän­ge. Sprach­los ste­hen wir vor so viel Schön­heit. Es ist ein Mo­ment, den je­der auf sei­ne Wei­se nicht nur mit der Ka­me­ra, son­dern auch in sei­nem in­ne­ren Schatz­käst­chen fest­hält. Ca­pe Bre­ton Is­land, wo sich Finn­wal, Elch und Ad­ler Gu­te Nacht sa­gen, ist seit Jahr­tau­sen­den auch Hei­mat der in­dia­ni­schen Mi’kmaq-ge­mein­schaft – lange be­vor schot­ti­sche und fran­zö­si­sche Sied­ler ih­nen das Land strei­tig mach­ten.

Heu­te le­ben sie ein Le­ben wie al­le an­de­ren auch, hal­ten den­noch al­te Tra­di­tio­nen wie die Jagd, die Mu­sik und auch ih­re Spra­che le­ben­dig. Die Com­mu­ni­tys le­ben heu­te am Bras d’or La­ke im Zen­trum der In­sel. An die­sem See, der ei­gent­lich mehr ein sal­zi­ger Fjord ist, liegt auch das char­man­te Ört­chen Bad­deck. Es ist un­ser letz­tes Ziel auf dem „Ca­bot Trail“.

Wir steu­ern die „Sil­ver Dart Lodge“an. Ihr Na­me geht zu­rück auf ein Trag­flü­gelflug­zeug, das Alex­an­der Gra­ham Bell vor über hun­dert Jah­ren ent­wi­ckelt hat­te. Der Schot­te, be­kannt als Er­fin­der des Te­le­fons, hat­te sei­ne zwei­te Le­bens­hälf­te in Ca­pe Bre­ton ver­bracht. Das Bell Mu­se­um in Bad­deck ist voll von Ar­te­fak­ten des Tau­send­sas­sas.

Früh zieht es mich am nächs­ten Mor­gen für ein paar Yo­ga-übun­gen hin­aus an den Bras d’or La­ke. Wol­ken­lo­ses Him­mel­blau spie­gelt sich in ihm. Ei­ne Mö­we se­gelt im Tief­flug vor­bei. Die­se Stil­le, die­se fried­li­che Wei­te. Ich muss an ein al­tes Zi­tat von Bell den­ken: „Ich bin um den Glo­bus ge­reist. Ich ha­be die Ro­ckys ge­se­hen, die An­den, die Al­pen und die schot­ti­schen High­lands, aber mit sei­ner schlich­ten Schön­heit über­trifft Ca­pe Bre­ton sie al­le.“Er hat­te recht. Und um mei­ne Rei­se­er­fah­rung kom­plett zu ma­chen, wer­de ich heu­te Abend tat­säch­lich mei­nen al­ler­ers­ten Hum­mer kos­ten.

FO­TO: ISTOCK/RALPH BRO­ER

Wie ein Kro­ko­dil auf der Land­kar­te: No­va Sco­tia ist die zweit­kleins­te Pro­vinz Ka­na­das.

FO­TO: PA/RON ER­WIN

Ei­ne Be­geg­nung der be­son­de­ren Art – ein Elch auf Ca­pe Bre­ton Is­land.

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