So ti­cken die Neu­en an der Spd-spit­ze

Nor­bert Wal­ter-bor­jans und Sas­kia Es­ken wer­den als Dop­pel­spit­ze die kri­sen­ge­schüt­tel­te Par­tei füh­ren

Thüringische Landeszeitung (Unstrut-Hainich-Kreis) - - Politik - Von Tim Brau­ne

Das sieg­rei­che Duo war im Wil­ly-brandt-haus heiß be­gehrt. Nach­dem im Atri­um der Spd-zen­tra­le der über­ra­schend deut­li­che Coup der Au­ßen­sei­ter über das Esta­blish­ment ver­kün­det wor­den war, mach­ten Sas­kia Es­ken und Nor­bert Wal­ter-bor­jans ei­ne Run­de durch das rie­si­ge, glä­ser­ne Haus.

Dass sie noch kei­nen er­kenn­ba­ren Plan ha­ben, was sie mit der SPD und der gro­ßen Ko­ali­ti­on vor­ha­ben? Schwamm drü­ber, sag­ten sich vie­le Ge­nos­sen an der Ba­sis. Haupt­sa­che, kein Wei­ter-so mit Scholz, lau­te­te die Bot­schaft, die sich durch­setz­te. Was sind das für Per­sön­lich­kei­ten, wie ti­cken „No­wabo“, wie Bor­jans ge­nannt wird, und Es­ken, die mit dem Schlacht­ruf ei­ner „Eskabo­la­ti­on“vie­le An­hän­ger aus dem lin­ken Flü­gel er­folg­reich mo­bi­li­sier­ten?

Nor­bert Wal­ter-bor­jans war schon Po­lit-rent­ner, jetzt wird er Boss der äl­tes­ten deut­schen Par­tei. 2017 hat­ten die Wäh­ler ihn und Mi­nis­ter­prä­si­den­tin Han­ne­lo­re Kraft bei der Nrw-land­tags­wahl ab­ge­straft und nach Hau­se ge­schickt. Sie­ben Jah­re war No­wabo zu­vor Fi­nanz­mi­nis­ter in Düsseldorf. Gleich drei­mal schei­ter­te sei­ne Haus­halts­pla­nung vor Ge­richt. Der von der Op­po­si­ti­on als „Re­kord­schul­den­mi­nis­ter“Ge­schmäh­te hat­te die Neu­ver­schul­dung weit über der In­ves­ti­ti­ons­sum­me des Lan­des an­ge­setzt. Das wä­re aber nur in ei­ner Not­si­tua­ti­on er­laubt ge­we­sen.

Ein­mal konn­te er vor der Pres­se nicht er­klä­ren, wo­her 1,3 Mil­li­ar­den Eu­ro Min­der­aus­ga­ben ka­men, die er im Haus­halt „ge­fun­den“hat­te. Auch die Ab­wick­lung der Lan­des­bank Wes­tlb ge­hör­te nicht zu sei­nen Stern­stun­den. Aber am En­de stand No­wabo den­noch gut da. Er brach­te das Kunst­stück fer­tig, sich vom Schul­den­kö­nig in den „Robin Hood der Steu­er­zah­ler“zu ver­wan­deln. Als Mi­nis­ter ließ Wal­ter-bor­jans elf Steu­er-cds an­kau­fen, die dem Fis­kus über sie­ben Mil­li­ar­den Eu­ro ein­brach­ten und Zig­tau­sen­de Steu­er­be­trü­ger zu Selbst­an­zei­gen ver­an­lass­ten. Auch der mäch­ti­ge Bay­ern-boss und Steu­er­hin­ter­zie­her Uli Ho­en­eß knick­te vor die­sem Druck ein.

Der 67-Jäh­ri­ge ist zwar we­der ju­gend­lich noch ent­schie­den links, aber hin­ter die­ser Ge­rech­tig­keits­hal­tung kann sich die gan­ze Par­tei ver­sam­meln. Er wol­le „ver­söh­nen statt spal­ten“, rief No­wabo am Sams­tag der Par­tei zu. Das war das Le­bens­mot­to sei­nes gro­ßen Vor­bilds Jo­han­nes Rau. Für „Bru­der Jo­han­nes“, den lang­jäh­ri­gen Nrw­mi­nis­ter­prä­si­den­ten und spä­te­ren Bun­des­prä­si­den­ten, ar­bei­te­te Bor­jans als Pres­se­spre­cher. Aber jetzt auf den Schleu­der­sitz in Ber­lin?

No­wabo hat noch nie ei­ne Wahl ge­won­nen, saß nie im Land­tag. Die Er­war­tungs­hal­tung der Ba­sis ist rie­sig. Er muss auf­pas­sen, dass es ihm nicht wie Mar­tin Schulz er­geht. Der eins­ti­ge Kanz­ler­kan­di­dat und 100Pro­zent-vor­sit­zen­de war in der

Haupt­stadt schlecht ver­netzt, un­ter­schätz­te die Her­aus­for­de­rung und konn­te sich nicht lange hal­ten. So zwei­feln vie­le in der ak­tu­el­len Spd-spit­ze, dass No­wabo weiß, was auf ihn zu­kommt. Har­sche Kri­tik muss­te er für sei­ne Aus­sa­ge ein­ste­cken, die SPD brau­che in der ak­tu­el­len Um­fra­ge­la­ge gar kei­nen Kanz­ler­kan­di­da­ten auf­stel­len. Kurz dar­auf ru­der­te er zu­rück.

Nun müs­sen Es­ken und er die SPD vor ei­ner Spal­tung be­wah­ren und auf das Scholz-la­ger zu­ge­hen. Zugleich müs­sen sie dem No-groko-la­ger auf dem Par­tei­tag am kom­men­den Wo­che­n­en­de et­was bie­ten. Ein Up­date des Ko­ali­ti­ons­ver­tra­ges? Das sol­len wei­te­re Mil­li­ar­den­in­ves­ti­tio­nen in Kli­ma, Stra­ßen, Schu­len und ein Min­dest­lohn von zwölf Eu­ro sein. Bleibt die SPD noch ei­ne Wei­le in der Groko, muss No­wabo sich mit dem un­ter­le­ge­nen Fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz ar­ran­gie­ren.

Wie denkt Sas­kia Es­ken über die Groko-zu­kunft? Am Sams­tag reck­te sie im Wil­ly-brandt-haus die ge­ball­te lin­ke Faust in die Hö­he, den Kampf­gruß der Kom­mu­nis­ten. Mehr lin­ke Sym­bo­lik geht nicht. Be­vor sie rich­tig fei­ern konn­te, war­te­te ein Ard-interview. Wie fühlt sich das an, bald in der Ah­nen­ga­le­rie ne­ben Wil­ly Brandt & Co. zu ste­hen? „Das sind schon sehr, sehr gro­ße Fuß­stap­fen, in die mich da be­ge­be. Ich bin zu­ver­sicht­lich, dass ich das mit ei­nem gu­ten Team auch gut be­wäl­ti­gen kann.“Will die Par­tei­lin­ke so schnell wie mög­lich raus aus der Groko?

Da wur­de Es­ken doch et­was klein­lau­ter als auf den Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen. Sie und Wal­ter-bor­jans plan­ten „kei­nen Al­lein­gang“, son­dern ei­nen ge­mein­sa­men Kurs mit der Bun­des­tags­frak­ti­on und den Spd-mi­nis­tern. Auf die­sen Kon­sens darf man ge­spannt sein. Denn die Mi­nis­ter und Ab­ge­ord­ne­ten wol­len kei­ne rasche Neu­wahl mit dro­hen­dem Ar­beits­platz­ver­lust. Wenn die Uni­on hart bleibt und kei­ne Zu­ge­ständ­nis­se macht, was dann? „Wir wer­den beim Par­tei­tag dis­ku­tie­ren, wie wir da­mit um­zu­ge­hen ha­ben.“Für die De­mo­kra­tie sei die gro­ße Ko­ali­ti­on je­den­falls „auch Mist“. So rich­tig schlau wird man nicht aus der Frau aus dem Länd­le.

Die ver­hei­ra­te­te Mut­ter drei­er er­wach­se­ner Kin­der sitzt seit 2013 im Bun­des­tag. Ge­bo­ren in Stutt­gart, auf­ge­wach­sen im Kreis Bö­blin­gen, wur­de sie vom En­ga­ge­ment ih­rer El­tern ge­prägt. Sie ar­bei­te­te zu­nächst in der Gas­tro­no­mie, als Fah­re­rin und Schreib­kraft. Spä­ter schloss sie ei­ne Aus­bil­dung zur In­for­ma­ti­ke­rin ab. Von 2013 bis 2015 war sie Vi­ze­che­fin der Süd­west­spd.

Die 58 Jah­re al­te Di­gi­tal­ex­per­tin re­det ge­ra­de­aus, ist au­then­tisch. „Schwert­gosch“, wür­de man auf Schwä­bisch über sie sa­gen. Kurz vor dem En­de der Stich­wahl war sie beim Zdf-tal­ker Markus Lanz zu Gast. Es­ken ließ sich in die Aus­sa­ge hin­ein­ma­nö­vrie­ren, Scholz sei kein stand­haf­ter So­zi­al­de­mo­krat. Das war ein Foul­spiel. Es­ken er­kann­te das selbst: „Ich ha­be mich in der Hit­ze der Schluss­pha­se zu ei­ner Aus­sa­ge hin­rei­ßen las­sen, die so nicht ste­hen blei­ben darf, und ich wer­de mich auch per­sön­lich da­für ent­schul­di­gen“, twit­ter­te sie. Es­ken wird ler­nen müs­sen, dass als Spd­che­fin je­de Äu­ße­rung sit­zen muss.

„Das sind schon sehr, sehr gro­ße Fuß­stap­fen, in die ich mich da be­ge­be.“Sas­kia Es­ken, künf­ti­ge SPD-CHEF

FOTO: RTR

Dau­men hoch und kom­mu­nis­ti­scher Kampf­gruß: Sas­kia Es­ken und Nor­bert Wal­ter-bor­jans sol­len die SPD in ei­ne bes­se­re Zu­kunft füh­ren.

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