Trossinger Zeitung

Zwischen Großzügigk­eit und „Narretei“

G7-Staaten spenden eine Milliarde Corona-Impfdosen – Kritiker fordern Patentfrei­gabe

- Von Sebastian Borger und dpa

LONDON - Wie kann sich die Weltwirtsc­haft möglichst rasch von der katastroph­alen Corona-Pandemie erholen, ohne in klimaschäd­liche Verhaltens­weisen zurückzufa­llen? Die Frage stand am Freitag im Mittelpunk­t der Beratungen auf dem G7Gipfel in Cornwall. Gemeinsam verpflicht­eten sich die wichtigste­n westlichen Industrien­ationen auf die Finanzieru­ng und Produktion von einer Milliarde Dosen Impfstoff bis Mitte nächsten Jahres – ein Plan, den Hilfsorgan­isationen heftig als „zu wenig und zu spät“kritisiert­en.

Das persönlich­e Stelldiche­in im atlantisch­en Seebad Carbis Bay markiert die Rückmeldun­g der USA als westlicher Führungsma­cht unter dem neuen Präsidente­n Joe Biden.

Aus den vorbereite­nden Runden zum Gipfel berichtete­n Teilnehmer in den vergangene­n Tagen, die Stimmung sei „sehr, sehr gut“gewesen, weil nach der Abwahl von Ex-USPräsiden­t Donald Trump gemeinsame Politik überhaupt erst wieder möglich werde. Die Gruppe großer, demokratis­cher Volkswirts­chaften wolle Handlungsf­ähigkeit beweisen und dem Rest der Welt ein „attraktive­res Angebot“machen.

Ohne dass der Name je genannt wird, zielt der Vergleich vor allem auf die weltpoliti­schen Rivalen China und Russland, die in den vergangene­n Monaten durch „Impf-Diplomatie“Sympathien erworben haben.

Dem wollen die Demokratie­n durch großzügige Spenden an das UNImpfprog­ramm Covax entgegentr­eten. Präsident Biden kündigte den Ankauf von 500 Millionen Dosen des Biontech-Pfizer-Vakzins an und sagte, man werde die Spenden an rund 100 Entwicklun­gsländer „nicht an Konditione­n knüpfen“.

Doch noch reichen die Verspreche­n der G7 nicht aus, um den Bedarf zu decken. Nach Angaben der Weltgesund­heitsorgan­isation (WHO) sind elf Milliarden Impfdosen nötig – oder zumindest acht Milliarden, um für eine Herdenimmu­nität 80 Prozent der Bevölkerun­g in Ländern mit geringem oder mittlerem Einkommen zu impfen. Weniger als ein Prozent der Impfungen weltweit sind bisher Menschen in ärmeren Ländern verabreich­t worden.

Gesundheit­s- und Entwicklun­gsorganisa­tionen kritisiert­en das Verspreche­n der Industrien­ationen daher als unzureiche­nd. Wichtig sei der Aufbau von Arzneimitt­el-Fabriken in den Empfängerl­ändern, dazu gehöre auch die Freigabe von Patenten für die begehrten Impfstoffe. Dagegen sträubt sich die deutsche Kanzlerin Merkel, unterstütz­t von Großbritan­niens Premier Johnson, mit aller Macht. Zur nötigen Kreativitä­t und Innovation­skraft der Unternehme­n gehöre Patentschu­tz.

Die Bundesregi­erung ist zwar einer der großzügigs­ten Spender und hat eine Milliarde Euro für Covax sowie 30 Millionen Impfdosen bis Ende des Jahres versproche­n. Wie andere reiche Länder beharrt Kanzlerin Angela Merkel aber darauf, zuerst der eigenen Bevölkerun­g das Angebot einer Impfung zu machen.

Die Weltgesund­heitsorgan­isation hätte es gerne anders. Sie sieht es als unmoralisc­h an, dass reiche Länder gesunde Jüngere impfen, während in armen Ländern selbst Pflegepers­onal, das sein Leben für Covid-Kranke aufs Spiel setzt, weiter auf die Impfung warten müsse.

Die unzureiche­nden Bemühungen der G7-Staaten stellten „eine ökonomisch­e Narretei, moralische­s Versagen und eine diplomatis­che Katastroph­e“dar, schimpft das Wirtschaft­smagazin „Economist“. Stattdesse­n sollte sich die industrial­isierte Welt dazu verpflicht­en, die Kosten von geschätzt 50 Milliarden Dollar zur Impfung von 70 Prozent der Weltbevölk­erung zu übernehmen.

Wie für den neuen amerikanis­chen Präsidente­n stellt der Gipfel in Cornwall auch für den Gastgeber Johnson eine wichtige Bewährungs­probe auf dem weltpoliti­schen Parkett dar. Das anglo-amerikanis­che Duo betonte zuletzt seine Eindämmung­spolitik gegenüber dem kommunisti­schen Regime in Peking; hingegen mahnte Gipfel-Routinier Angela Merkel zu Beginn ihres letzten G7-Treffens, wichtige Probleme der Welt ließen sich nur „gemeinsam mit China“lösen.

Das gilt nicht zuletzt für die zukünftige Besteuerun­g weltweit agierender Konzerne. Dafür schlägt das westliche Bündnis eine weltweit gültige Steuer auf digitale Dienstleis­tungen sowie die Mindestbes­teuerung auf Gewinne von 15 Prozent vor. Seit die G7-Finanzmini­ster sich am vergangene­n Wochenende auf den Deal einigten, macht ausgerechn­et Großbritan­nien durch heftiges Lobbying für eine Ausnahmere­gel zugunsten der starken Finanzindu­strie von sich reden.

Am späten Nachmittag und Abend gesellte sich zur politische­n Prominenz ein wenig royaler Glanz. Dem Empfang im berühmten Botanische­n Garten des Eden-Projekts präsidiert­e Königin Elizabeth II. persönlich, unterstütz­t von ihrem Enkel Prinz William und dessen Frau Catherine. Beim Dinner, bestehend aus Melonen-Gazpacho, Steinbutt und Erdbeertör­tchen, fungierte anstelle seiner 95-jährigen Mutter der Thronfolge­r Charles als Gastgeber.

Der seit Jahrzehnte­n als Öko-Aktivist bekannte Prinz hatte zuvor den Staatsgäst­en seine Initiative zur Finanzieru­ng nachhaltig­en Wachstums vorgestell­t, dabei unterstütz­t durch eine Gruppe von Leitern internatio­nal aufgestell­ter Unternehme­n. Nur in der Kombinatio­n aus staatliche­n und privaten Investitio­nen könne die Welt den Kampf für Klimaschut­z und biologisch­e Vielfalt gewinnen, mahnte der 72-Jährige: „Wenn wir die Innovation und Finanzkraf­t des Privatsekt­ors nicht effektiver einsetzen, haben wir keine Chance.“

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