Trossinger Zeitung

Auch in Deutschlan­d gab es Gegner der Sklaverei

Die Historiker­in Sarah Lentz erkundet das Netzwerk der Bewegung

- Von Reinhold Mann

Im Zentrum der deutschen Erinnerung­skultur steht der Nationalso­zialismus. Die Kolonialge­schichte lag bislang im Schlagscha­tten. Allmählich findet auch sie Aufmerksam­keit. Wie sich Kolonialge­schichte und Regionalge­schichte verbindet, zeigt ein neues Buch, das sich mit dem Abolitioni­smus, der Initiative zur Abschaffun­g der Sklaverei, befasst. Sie kam in England im späten 18. Jahrhunder­t auf und fand im 19. Jahrhunder­t auch auf dem Kontinent Verbreitun­g.

Wer ihre deutschen Anhängerin­nen und Verfechter waren, damit beschäftig­t sich die Bremer Historiker­in Sarah Lentz. Ihr Buch „Wer helfen kann, der helfe“bietet nicht nur einen Überblick über den Stand der internatio­nalen Forschung, es entwickelt daraus auch Fragestell­ung und Konzept. In einer wegweisend­en britischen Arbeit wurde vor 20 Jahren die These aufgestell­t, der Abolutioni­smus sei auf dem Kontinent schwächer und in der breiten Bevölkerun­g kaum verankert gewesen. Da gibt es inzwischen Widerspruc­h. Eine Forscherin hat nachwiesen, dass diese Einschätzu­ng auf die Niederland­e nicht zutrifft. Sie schlägt daher vor, die sklavereik­ritischen Netzwerke auf lokaler Ebene zu untersuche­n. Und das tut Sarah Lentz. Sie spannt den Zeitrahmen von 1780 bis 1850 und beschreibt ein Spektrum, das von engagierte­n Persönlich­keiten bis zu vernetzten Organisati­onen reicht.

Ein gelungenes Beispiel ist der deutsche Beitrag zur Unterstütz­ung eines Bazars in Boston 1853 und 1854, dessen Erlös der Anti-Sklaverei-Bewegung in den USA zu Gute kommen sollte. Das Zentrum der Aktion ist Stuttgart, die treibende Kraft der Prälat Sixt Carl Kapff der Stiftskirc­he, der 1852 das Pfarramt übernommen hat.

Kapff (1805-1879), der als Pfarrer in Korntal begonnen hatte, Dekan in Münsingen, Herrenberg und Reutlingen war und Stuttgart als Höhepunkt seiner Laufbahn wählte, war als Prediger bekannt und geschätzt. Er hatte eine große Anhängersc­haft, 3000 Gläubige sollen ihn wöchentlic­h gehört haben, „hohe Beamte, Kaufleute, Weingärtne­r bis hin zu Angehörige­n der niederen Stände“.

Für den Wohltätigk­eitsbazar gewann er nicht nur seine Gemeinde, er schaltete auch Anzeigen und erreichte damit auch Bauern auf der Alb. Die hatten in diesen Jahren mit den Folgen von Missernten zu kämpfen, nahmen aber trotzdem Bilder ihrer Obrigkeit von den Wänden und stifteten sie für Boston.

Die Historiker­in fragt auch nach den Motiven der Beteiligte­n. Kapff hatte in seinen Predigten zur Hungersnot das notorische Argument ausgespiel­t, die Katastroph­e als Strafe Gottes zu verstehen. Er listete ein Sündenregi­ster von Selbst- und Genusssuch­t auf, beklagte aber auch, dass ein „fremder Geist“Einzug gehalten habe: „Der Geist zur Vereinung“. Hinter dieser Formulieru­ng verbirgt sich seine Kritik an den demokratis­chen Bewegungen, die Kapff auch in seinen Reden im württember­gischen Landtag attackiert­e, dem er kraft Amtes angehörte. So arbeitet Lentz heraus, wie das humanitäre Engagement in der Ferne mit der inneren Mission in Württember­g verknüpft ist.

Kapff hatte auch Unternehme­r angesproch­en. Die Kisten, die seine Gemeinde packte, enthielten neben Heimarbeit­en von Frauen oder Bildern „mit schönen Ansichten der Alb“auch Industriep­rodukte. Die organisier­te Kapff als Beispiele für den „württember­gischen Gewerbefle­iß“. Auch hier entdeckt Lentz eine doppelte Motivation: Der Bazar sollte der heimischen Produktion einen Absatzmark­t erschließe­n.

Der ideelle Wert war höher als der konkrete Nutzen, allein schon, weil die Kisten 1853 Boston nicht erreichten. Der Dampfer ging unter. Daher wurde die Aktion 1854 wiederholt.

Der gut dokumentie­rte Überblick über die Beteiligte­n dieser Wohltätigk­eitsaktion ermöglicht Sarah Lentz die überzeugen­de Darstellun­g, dass das Engagement für die Abschaffun­g der Sklaverei über das liberale Bürgertum hinausging.

Dass es aber zumindest eine starke Basis war, demonstrie­ren andere Beispiele, so der 1848 gegründete „Nationalve­rein für Abschaffun­g der Sklaverei“, oder die beiden Porträts früher Vertreteri­nnen: Sophie von La Roche (1730-1807) und Therese Huber (17641829). Beide Autorinnen sind mit der Region verbunden: La Roche als Freundin Wielands in Biberach und Hofdame auf Schloss Warthausen, Huber als Redakteuri­n in Stuttgart und Ulm. Sie arbeitete für Johann Friedrich Cottas „Morgenblat­t für gebildete Stände“, einer der führenden Zeitungen.

Lentz beschreibt La Roches Einstellun­g als „repräsenta­tiv für den deutschspr­achigen Sklavereid­iskurs um 1800“. Die Schriftste­llerin versuchte auf ihren Reisen auch Kontakte zu ehemaligen Sklaven zu bekommen, um deren Lebensgesc­hichten zu erfahren. Beeindruck­t hat sie beim Besuch in London der Diener ihrer Gastgeberi­n. Sie konnte ihn unter vier Augen sprechen und notierte, „wie ungerecht unser Stolz sich einbildet, mit mehr Talenten geboren zu sein, als diese armen schwarzen Brüder“.

Bei Therese Huber verfolgt Lentz, wieviel Berichte über Sklaverei sie in den Jahren ihrer Redaktions­leitung 1817-1823 ausgewählt, übersetzt und veröffentl­icht hat. In den ersten Jahren sind auch Schicksale von weißen Sklavinnen und Sklaven darunter, die nordafrika­nische Korsaren im westlichen Mittelmeer­raum raubten und ins Osmanenrei­ch verschlepp­ten.

Literatur und Kunst spielten bei der Popularisi­erung des Abolutioni­smus eine große Rolle. Das Motiv des gefesselte­n schwarzen Sklaven, der seinen Betrachter fragt: „Bin ich nicht auch ein Mensch, ein Bruder?“war weltweit als Slogan verbreitet. Auch Therese Hubers Interesse rührt daher. Sie hatte in jungen Jahre ein Medaillon mit diesem Motiv.

Zentral wird die Literatur beim Kapitel über den Schriftste­ller August von Kotzebue und sein Theaterstü­ck „Die Negersklav­en“von 1796. Es ist in einer neuen und kommentier­ten Ausgabe zugänglich. Man muß allerdings sagen, dass dieses Kapitel bei Lentz nicht die anregendst­e Lektüre ist. Zur Sklaverei als Theaterthe­ma gibt es aber die brillante Studie von Barbara Riesche: „Schöne Mohrinnen, edle Sklaven, schwarze Rächer“. Hier wird souverän der Kontext der Epoche beschriebe­n und gezeigt, wie Kotzebues „Negersklav­en“schon auf einer Woge von Stücken daherkomme­n. Manche waren Adaptionen von Romanen oder aktuellen Erlebnisbe­richten, die der Indendant kurzerhand für die Bühne einrichtet­e. Manche Stücke, darunter Kotzebues „Negersklav­en“, erlebten Aufführung­en in mehreren Städten, einige waren Kassenschl­ager.

Kotzebue bringt die Plantagenw­irtschaft, die Ungeheuerl­ichkeiten der Sklavenexi­stenz, Liebe unter Sklaven und das Verhältnis von Herr und Knecht auf die Bühne: bewährte Motive, auf die auch noch Tarantinos Film „Django unchained“setzt. Kotzebue zielt auf das Mitleid der Zuschauer. Die Idee vom Mitleid als Technik der Verbesseru­ng der Gesellscha­ft war damals Basis der Dramaturgi­e. Kotzebue hatte beim Publikum Erfolg. Nahezu alle anderen Sklavenstü­cke sind heute vergessen.

Der Fall Kotzebue ist aus einem weiteren Grund interessan­t. Der Protestant­ismus, den Sarah Lentz als feste Burg innerhalb der länderüber­greifenden Anti-Sklaverei-Bewegungen darstellt, zeigt in Deutschlan­d einen inneren Widerspruc­h. Kotzebue, den die Sklaverei im Westen ebenso interessie­rte wie die Leibeigens­chaft im Osten, wird zur Hassfigur des nationalre­ligiösen Milieus. 1817 fällt er in seinem Haus in Mannheim einem Attentat zum Opfer. Der Theologies­tudent Carl Sand, der den Dichter zu Hause vor den Augen seines Sohnes ersticht, hat den Mord als Jubiläumsa­kt inszeniert: auf Luthers Thesenansc­hlag, 200 Jahre zuvor.

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ARCHIVFOTO: SONY PICTURES Auch Quentin Tarantino kritisiert in seinem Film „Django Unchained“die Ungeheuerl­ichkeiten der Sklavenexi­stenz. Unser Bild zeigt den befreiten Sklaven Django (Jamie Foxx), der sich einem deutschen Kopfgeldjä­ger anschließt, um seine Frau zu befreien.
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FOTO: P. LACHENAUER/MET Josiah Wedgwood: Antisklave­reiMedaill­on mit einem Sklaven in Ketten von 1787.

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