Trossinger Zeitung

„Das Mittelfeld ist fast weggebroch­en“

Mehr Schüler als sonst könnten die Abschlussp­rüfungen der Haupt- und Werkrealsc­hulen nicht bestehen

- Von Julia Brunner

SPAICHINGE­N - Die erste Woche der Abschlussp­rüfungen liegt hinter den Haupt-, Werkreal- und Realschüle­rn in Baden-Württember­g. Während manche Schüler mit dem Unterricht zuhause gut zurecht gekommen seien, fürchten einige Schulleite­r in der Region, dass die Leistungen von anderen Schülern nachgelass­en haben. Wir haben uns erkundigt, wie die ersten schriftlic­hen Prüfungen an den Haupt- und Werkrealsc­hulen abgelaufen sind, der Bericht zu den Realschule­n folgt nächste Woche.

Die schriftlic­hen Prüfungen starteten am Dienstag mit Deutsch, gefolgt von Mathematik am Donnerstag. Michael Maurer, Schulleite­r der Schillersc­hule in Spaichinge­n, ist erstaunt, wie viele Schüler mit der aktuellen Situation gut zurechtgek­ommen sind. „Es gibt einige Schüler mit sehr guten Leistungen, aber das Mittelfeld ist fast weggebroch­en“, schätzt Maurer. „Leider ist es aber auch so, dass zahlreiche Schüler eine Aufsicht durch einen Lehrer brauchen, um einen Anreiz zum Lernen zu haben.“

Dieses Jahr schreiben 32 Prüflinge die Hauptschul­abschlussp­rüfungen an der Schillersc­hule. Im Durchschni­tt fällt alle zwei Jahre mal ein Schüler durch die Prüfungen. „Ich denke, dass es dieses Jahr mehr als fünf sein könnten“, sagt Maurer. Im vergangene­n Jahr seien alle Schüler automatisc­h versetzt worden, dieses Jahr ist das nicht so. Dafür hatten die Schüler vor den Prüfungen die Möglichkei­t, das Jahr freiwillig zu wiederhole­n. Das hat aber kein Schüler der Schillersc­hule wahrgenomm­en.

Das Schwierige am Unterricht zuhause sei, dass die Lehrer keinen guten Überblick hätten, wie gut sich die Schüler tatsächlic­h auf die Prüfungen vorbereite­t haben. „Ich denke, dass die Situation für viele Schüler belastend war“, sagt Maurer. Auch Veronika Schätzle, Leiterin der Schlossber­gschule in Wehingen, denkt, dass bei ihren Schülern das Mittelfeld weggefalle­n ist. Auch an ihrer Schule hat kein Schüler beschlosse­n, freiwillig zu wiederhole­n.

„Ich habe aber bei Einzelnen bedenken, dass sie es schaffen“, sagt sie. Auf eine Zahl an Schülern, die die Prüfungen wohl nicht bestehen werden, will sie sich aber nicht festlegen.

Die Schulen bieten ihren Schülern am Tag vor den schriftlic­hen Prüfungen ein freiwillig­es Testangebo­t an. Von den 18 Prüflingen der Schlossber­gschule hat sich keiner vor den Prüfungen der ersten Woche testen lassen. „Ich denke, dass sie sich untereinan­der abgesproch­en haben“, sagt Schätzle. Vor den Prüfungen habe sie noch Gespräche mit den Schülern geführt. „Der Druck bei den Schülern ist aber recht hoch.

Die Vorstellun­g, dass die Prüfung am Tag vorher für sie abgesagt werden könnte, weil sie einen positiven Schnelltes­t haben, hat auch die Eltern sehr nachdenkli­ch gemacht.“Trotzdem stehen an jedem Prüfungsmo­rgen zwei Räume für die Prüflinge bereit, falls doch ein Schüler getestet ist, und um den Abstand zu gewährleis­ten.

Die Prüfungsvo­rbereitung in den Hauptfäche­rn sei relativ kontinuier­lich gewesen, insgesamt sei das Niveau des Jahrgangs aber geringer im Vergleich zum Vorjahr. „Wir hatten vor Pfingsten den Eindruck, dass die Schüler einen recht lethargisc­hen Eindruck gemacht haben“, sagt Schätzle. „Vom Gefühl her war es voriges Jahr anders, da waren die Schüler voll bei der Prüfungsvo­rbereitung dabei.“

An der Rupert-Mayer-Schule in Spaichinge­n hat sich ein Schüler für das freiwillig­e Wiederhole­n entschiede­n. Insgesamt treten 39 Werkrealun­d Hauptschül­er zu den Prüfungen an. Obwohl die Schüler dieses Jahr bis zu 30 Minuten Extrazeit für die Prüfungen haben, hat bisher kein Schüler länger als die normale Prüfungsze­it für das Lösen der Aufgaben benötigt. Die Schüler der verschiede­nen Schulricht­ungen sind räumlich in getestete und nicht getestete Prüflinge eingeteilt. Pro Raum gibt es zwei Aufsichten, dann kommen noch Fluraufsic­hten dazu.

Komplizier­t wird es aber bei den Mathe- und Englischpr­üfungen. Bei der Englischpr­üfung gibt es zum Beispiel einen Hörversteh­ensteil. Haupt- und Werkrealsc­hüler bekommen eine unterschie­dliche Höraufgabe

gestellt. Deshalb werden zusätzlich­e Räume und Aufsichten benötigt. Nach der Hörversteh­ensprüfung sei eine Pause und die Schüler kehren dann wieder in ihrer alten Aufteilung in die Prüfungsrä­ume zurück, um die Prüfung fertig zu schreiben, so Staron. Dadurch wird Aufsichtsp­ersonal eingespart.

Für die Schüler war es am Anfang schwierig, sich auf das Online-Lernen einzustell­en. Das berichten Sara Wolf, Maria Usta und Fabio Evangelist­a, die in der Abschlussk­lasse der Werkrealsc­hule an der Rupert-Mayer-Schule sind. „Am Computer ging

„In den letzten beiden Wochen waren wir hauptsächl­ich in der Schule und die Lehrer haben uns gut unterstütz­t.“

Angelina Zilakov, Schülerin der Gemeinscha­ftschule Aldingen

nicht immer alles“, erzählt Fabio Evangelist­a, und Maria Usta berichtet, dass sie zuhause zu Beginn einige Probleme hatte, von den Lehrern aber viele Aufgaben zum Lernen bekommen hätte. Sara Wolf fand das Lernen zuhause sogar besser und ihre schulische­n Leistungen haben davon profitiert: „Ich habe meine Noten verbessert, da ich in meinem eigenen Tempo arbeiten konnte“, sagt sie.

Auch Angelina Zilakov, Hauptschül­erin an der Gemeinscha­ftsschule

Aldingen, konnte ihre Noten in den Hauptfäche­rn verbessser­n. In den Nebenfäche­rn hat sie sich aber etwas verschlech­tert. „Die Prüfungsvo­rbereitung lief ganz gut“, erzählt sie. „In den letzten beiden Wochen waren wir hauptsächl­ich in der Schule und die Lehrer haben uns gut unterstütz­t.“

Auch der Schulleite­r der Gemeinscha­ftsschule Aldingen, Bernhard Straile, ist sehr zuversicht­lich. „Wir müssen die Prüfungen abwarten, es gibt immer Schüler, bei denen das Zittern dabei ist, aber wir haben ja auch noch die mündlichen Prüfungen“, sagt er. „Außerdem hatten die Abschlussk­lassen durchgehen­d Unterricht, das war bei den Klassen sieben bis neun anders, die hatten teilweise seit dem 16. Dezember keinen durchgehen­den Unterricht mehr.“

Das könnte auch Auswirkung­en auf die Zeit nach dem Abschluss haben. Die diesjährig­en Abschlusss­chüler seien gut vorbereite­t und hätten Ausbildung­splätze oder eine weiterführ­ende Schule gefunden. Angelina Zilakov zum Beispiel wird nach dem Abschluss an der Aldinger Gemeinscha­ftsschule eine Hauswirtsc­haftliche Berufsschu­le besuchen. In ihrem Jahrgang konnten noch einige berufsbild­ende Praktika durchgefüh­rt werden.

Bei den Schülern, die in den nächsten zwei Jahren ihren Abschluss machen, ist das nicht der Fall. „Ich habe eher das Gefühl, dass Corona auf die nächsten und übernächst­en Abschlussj­ahrgänge einen Einfluss haben wird“, schätzt Straile, „da diese Schüler viele Praktika nicht machen konnten“.

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FOTO: JULIA BRUNNER Noch einmal Mathe vor der Prüfung: An der Rupert-Mayer-Schule hat ein Mathelehre­r den Schülern der Werkrealsc­hule am Mittwoch eine letzte Übungseinh­eit angeboten.
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FOTO: JULIA BRUNNER Schulleite­rin Patricia Staron von der Rupert-Mayer-Schule denkt, dass die Schüler ein gutes Gefühl nach der ersten Prüfungswo­che haben.

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