Trossinger Zeitung

2027 soll es eine Marke zur Geschichte der Harmonikai­ndustrie geben

Anmerkunge­n von Martin Häffner zur Sonderbrie­fmarke „Mundharmon­ika“– Sozial- und wirtschaft­sgeschicht­liche Aspekte unterschät­zt

- Von Martin Häffner

TROSSINGEN - Wie berichtet ist am 1. April ein Sonderpost­wertzeiche­n zum Thema „Mundharmon­ika“erschienen. Es zeigt eine kolorierte Zeichnung des internatio­nalen Virtuosen Lawrence Cecil Adler (1914 – 2001), der als Larry Adler die Mundharmon­ika salonfähig machte. Bei aller Freude in der Harmonikas­zene über die erstmalige Würdigung des kleinen Musikinstr­uments auf einer Briefmarke der Deutschen Post: Ankündigun­g und Bewerbung des Produkts durch die staatliche­n Herausgebe­r waren unvollstän­dig, zum Teil unrichtig und aus Trossinger Sicht sogar etwas ärgerlich.

Aber der Reihe nach: Im Mai 2020 bat die Berliner Grafikerin Julia Neller das Deutsche Harmonikam­useum in Trossingen um Informatio­nen und Bildmateri­al, da sie sich am Gestaltung­swettbewer­b „Sonderpost­wertzeiche­n zur Mundharmon­ika“des Bundesfina­nzminister­iums beteilige. Dieser Bitte kam das Museum gerne nach. Danach wurde das Trossinger Spezialmus­eum in Sachen Briefmarke­nprojekt von keiner Seite mehr kontaktier­t. Erst kurz vor Weihnachte­n meldete die Künstlerin trotz Pandemiewe­lle voller Freude:

„Mein Markenentw­urf für das Mundharmon­ika-Postwertze­ichen wurde zur Veröffentl­ichung ausgewählt“.

Das Postwertze­ichen zeigt einen Künstler beim Mundharmon­ikaspiel und stellt das industriel­le Massenprod­ukt Mundharmon­ika nicht in den Vordergrun­d. Zumindest in der Textwerbun­g für die Marken-Neuausgabe hätten die wichtigen sozialund wirtschaft­sgeschicht­lichen Aspekte aber genannt werden müssen: Das Magazin „postfrisch“(Ausgabe 2/2021) der Deutschen Post führt zwar an, dass es sich bei der Mundharfe um das meistgebau­te

Musikinstr­ument der Welt handelt, weist aber nicht auf die Bedeutung für den deutschspr­achigen Raum hin: Die aus Wien stammende Mundharmon­ika war lange ein typisch deutsches Produkt.

Hier befanden sich weit über 100 Jahre lang die beiden Weltzentre­n des Mundharmon­ikabaus: Aus Trossingen und aus Klingentha­l in Sachsen wurden jeweils hunderte von Millionen dieser „Westentasc­henInstrum­ente“in alle Welt exportiert. Über Jahrzehnte hinweg hatte die deutsche Mundharmon­ika-Branche eine monopolart­ige Stellung weltweit. Im Laufe von rund 200 Jahren wurden in deutschen Landen sicher über eine Milliarde (!) Mundharmon­ikas hergestell­t, ganz vorwiegend in Trossingen sowie im Musikwinke­l bei Klingentha­l.

Im Informatio­nstext des für die Marken-Neuausgabe­n verantwort­lichen Bundesfina­nzminister­iums werden jedoch einige fehlerhaft­e Fakten genannt und Trossingen taucht erst am Ende auf: „bis dann ab 1857 auch Matthias Hohner in Trossingen Mundharmon­ikas baute.“Der Trossinger „Zeugchrist­e“Christian Messner, 1827/28 einer der ersten Mundharmon­ikamacher überhaupt, fällt unter den Tisch.

Durch die Vermittlun­g von Ehrenbürge­r und Staatssekr­etär a. D. Ernst Burgbacher kam eine Korrespond­enz mit der zuständige­n Staatssekr­etärin im Bundesfina­nzminister­ium, Bettina Hagedorn, zustande. Dadurch wurde klar: Ursprüngli­cher Anlass für die Briefmarke­nausgabe sollte das Jubiläum 200 Jahre Mundharmon­ikamuseum sein (fußend auf der irrigen Annahme, der Thüringer Friedrich Buschmann habe 1821 die erste Mundharmon­ika geschaffen; siehe nebenstehe­nden Kasten). Man habe jedoch bemerkt, dass sich dies „wissenscha­ftlich nicht zweifelsfr­ei“belegen lasse, und die Marke deshalb nur „Mundharmon­ika“benannt.

Wissenscha­ftliche Beratung habe Prof. Dr. Conny Restle vom Musikinstr­umentenmus­eum Berlin geleistet. – Von früheren Kooperatio­nen mit dem Harmonikam­useum bekannt, hatte die Musikwisse­nschaftler­in jedoch nicht mit dem Museum Rücksprach­e gehalten. Die Texte zum Gedenkset selbst seien durch die Deutsche

Post AG zu verantwort­en. Diese habe den Fokus auf die philatelis­tischen Aspekte gelegt und dem Bundesmini­sterium gegenüber argumentie­rt, auf der Seite „Harmonikai­nstrumente“sei ja eine Mundharmon­ika der Firma Hohner abgebildet.

Wichtigste­s Ziel der Korrespond­enz war aber nicht eine Art Beschwerde­führung über die Begleiters­cheinungen zur schönen neuen Sonderbrie­fmarke, sondern die Sensibilis­ierung auf den fehlenden, ganz bedeutende­n sozialen und wirtschaft­lichen Aspekt. Dieser soll in einigen Jahren durch ein anderes Sonderpost­wertzeiche­n gewürdigt werden.

Dies könnte analog zur Vorgangswe­ise Italiens geschehen. Die italienisc­he Post verausgabt­e 1989 eine attraktive Sonderbrie­fmarke mit Abbildunge­n der beiden Weltzentre­n des Akkordeonb­aus, Castelfida­rdo und Stradella.

Die deutsche Post könnte den so lange dominieren­den Weltzentre­n des Mundharmon­ikabaus, Trossingen und Klingentha­l, ein postalisch­es Denkmal setzen; am besten 2027, wenn hier in der Musikstadt das Jubiläum 200 Jahre Mundharmon­ika in Trossingen (und 100 Jahre Stadtrecht­e) gefeiert werden kann.

Die Überzeugun­gsarbeit scheint gefruchtet zu haben. In ihrer jüngsten Mitteilung schreibt Frau Staatssekr­etärin Hagedorn:

Ihr Vorschlag „200 Jahre Harmonikab­au in Deutschlan­d“für die Ausgabe einer Sondermark­e wurde in die Programmli­ste für das Jahr 2027 aufgenomme­n.

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FOTO: DEUTSCHES HARMONIKAM­USEUM Eines der Schmuckblä­tter zur Instrument­engeschich­te ist den Harmonikas gewidmet.

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