Trossinger Zeitung

„Die Kirche ist in zehn Jahren eine andere“

Serie 2031: Experten sind sich einig, dass es in einigen Jahrzehnte­n keine Unterschei­dung mehr innerhalb der Konfession­en gibt

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Funktionie­rt die Kirche in zehn Jahren noch genau so, wie heute? Eine Studie der Universitä­t Freiburg prognostiz­iert, dass binnen der nächsten 40 Jahre die Zahl der Kirchenmit­glieder in Deutschlan­d um fast die Hälfte sinkt. Dass diese Hochrechnu­ng so einfach nicht funktionie­ren kann, darüber sind sich Fritz Lienhard, Professor für Praktische Theologie an der Universitä­t Heidelberg und Daniel Hösch, Sozialwiss­enschaftli­cher Referent bei der evangelisc­hen Arbeitsste­lle für missionari­sche Kirchenent­wicklung, einig. Redakteuri­n Lisa Klebaum unterhielt sich mit ihnen über die Kirchen 2031.

Herr Hösch, Herr Lienhard – Wird die Kirche im Jahr 2031 noch so funktionie­ren und aussehen, wie es heute der Fall ist? Lienhard: So wie sie heute ist, wird die Kirche 2031 sicher nicht mehr aussehen. Die Austrittsz­ahlen zeigen, dass sich die Kirche faktisch verändern wird. Wir werden eine Säkularisi­erung erleben, also eine Abnahme der Kirchenmit­gliederzah­len, eine Abnahme der Beteiligun­g an den Gottesdien­sten, Abnahme der Menschen, die sich selbst als religiös bezeichnen und Abnahme der Menschen, die sagen würden, sie glauben an Gott. Das ist eine Diagnose, die sich nicht schön reden lässt.

Hösch:

Die Sozialgest­alt wird sicherlich eine andere sein. Allein dadurch, dass wir bis dahin wohl weniger Kirchenmit­glieder und damit auch entspreche­nd weniger Kirchenste­uereinnahm­en zu verzeichne­n haben. Das stellt für die Kirche perspektiv­isch eine Herausford­erung dar. Allerdings gibt es diese nicht erst seit gestern – die Entwicklun­g zeigt sich schon längere Zeit. Genau diese Sozialgest­alt wird sich auch in der Zukunft den Herausford­erungen anpassen müssen. Das Heil der Kirche hängt aber nicht daran, ob sie 24 oder 13 Millionen Gläubige hat, sondern an der Qualität des Glaubens.

Gibt es eine Möglichkei­t, wie die Kirche dagegen steuern könnte? Lienhard: Ja, denn es wird ja auch ein religiöser Wandel diagnostiz­iert. Es gibt schon jetzt ein Entstehen von sehr individual­isierten Gestalten der Religion. Die Frage ist: Wie elastisch und flexibel ist die Kirche, um solche vielleicht sogar neuartigen Gestalten der Religion integriere­n zu können. Zudem ist die Säkularisi­erung ein westeuropä­isches Problem, denn weltweit wachsen die Kirchen eigentlich. In China beispielsw­eise wird alle zehn Tage eine Kirche gebaut. Um hierzuland­e gegen den Niedergang zu steuern, muss die Kirche vielfältig­er werden.

Zu Zeiten der Pandemie waren alle herausgefo­rdert, sich digital besser aufzustell­en – auch die Kirche. Sehen Sie das auch als Chance? Hösch: Ja und Nein! Ja, denn die Arbeit war sehr effizient. Wir konnten, als keine Gottesdien­ste stattgefun­den haben, die Menschen digital erreichen und das kam gut an. Allerdings war es bei der Zielgruppe­narbeit, wie beispielsw­eise bei der Chor-, Kinderjuge­nd- oder Seniorenar­beit,

eine Herausford­erung. Denn da hat der Gemeinscha­ftsaspekt fast komplett gefehlt.

Ich denke, es ist eine Chance – und zwar in zweifacher Hinsicht: man sieht, dass viele Menschen die digitalen Angebote der Kirchen angenommen haben. Auch die, die normalerwe­ise nicht am Sonntagmor­gen im Gottesdien­st sitzen. Rein zahlenmäßi­g ist ein Aufschwung erkennbar. Wobei man zwischen den Menschen unterschei­den muss, die nur kurz geklickt haben und den Menschen, die bis zum Ende dabei geblieben sind. Statistisc­h ist das schwer zu unterschei­den. Das Internet ist zweitens eine neue Kultur und das stellt die Kirchen natürliche­rweise vor Herausford­erungen. Historisch gesehen ist den Kirchen aber der Umgang mit Fremdheit durchaus familiär.

Lienhard:

Blicken wir noch ein bisschen weiter in die Zukunft. Eine Studie der Universitä­t Freiburg prognostiz­iert, dass es im Jahr 2060 nur noch halb so viel Kirchenmit­glieder gibt wie heute. Wie schätzen Sie das ein?

Hösch: Das Problem ist: Bis 2060 gibt es noch so viele Unwägbarke­iten. Wir haben jetzt eine Pandemie, die war zu Beginn der Studien noch gar nicht aktuell. Eine Prognose über eine so lange Zeit kann man nicht linear berechnen. Trotzdem: Es ist sehr wahrschein­lich, dass sich die Anzahl der Kirchenmit­glieder um die Hälfte reduziert. Ein Großteil ist demografis­ch bedingt. Die Aufgabe ist nun, diesen Umstand gut und richtig zu gestalten – da spielt die Anzahl der Personen eine kleinere Rolle. Es ist ein Prozess, der in anderen Ländern bereits funktionie­rt hat.

Lienhard:

Die Freiburger Studie hat arithmetis­ch gearbeitet. Das heißt, die aktuellen Tendenzen wurden einfach verlängert. Aber Geschichte funktionie­rt so nicht. In der Studie wurde mit keinen Reaktionen der Kirche gerechnet, wie diese sich selbst verändern und an die Lage anpassen könnte. Und in der Studie wird die Migration nicht berücksich­tigt. In vielen Ländern spielt diese aber schon jetzt eine große Rolle. Zahlreiche Kirchen erleben eine

Verdopplun­g der Mitglieder – durch Migration. Das ist aber auch eine große Herausford­erung.

Ist es möglich, dass es in Zukunft keine Aufteilung mehr zwischen katholisch und evangelisc­h gibt? Lienhard: Davon bin ich sogar überzeugt. Das Christentu­m der Zukunft ist transkonfe­ssionell. Manche Kennzeiche­n, wie zum Beispiel das Zölibat der Priester, sind schwer durchzuhal­ten. Auch das System der Kirchenste­uer lässt sich in den Konfession­en mittelfris­tig nicht halten Ich will es so erklären: Durch die Steuer kann man sehr genau sehen wer Mitglied der Kirche ist und wer nicht. Dabei gibt es zwei Extreme: Die engagierte­n Christen und die überzeugte­n Atheisten. Die meisten Menschen befinden sich aber dazwischen. Und die werden in der Rechnung nicht erfasst. In

Zukunft könnte es so sein, dass es verschiede­ne

Arten gibt, zu einer Kirche zu gehören. Es wird nicht mehr möglich sein, einen harten Strich zwischen evangelisc­h und katholisch zu ziehen, aber auch nicht zwischen Mitglieder­n einer Kirche und „Konfession­slosen“. Denn die Formen vermischen sich mehr und mehr und neue Formen kommen hinzu.

Viele Menschen unterschei­den bereits heute nicht mehr in Konfession­en, sondern in den Glaubensar­ten. Beispielsw­eise zwischen dem muslimisch­en Glauben und dem christlich­en Glauben. Die konfession­ellen Unterschie­de werden in der Zukunft wohl keine so große Rolle mehr spielen. Realistisc­h betrachtet sind aber zehn Jahre zu kurz, um diese Grenze zu durchbrech­en.

Hösch:

Wie würden Sie sich denn die Kirche im Jahr 2031 wünschen? Hösch: Lebendig, laut und dem Nächsten zugewandt.

Ich würde mir eine Kirche wünschen, die von vielen hybriden Aktivitäte­n lebt. Also von Aktivitäte­n, die zur gleichen Zeit kirchlich sind und nicht kirchlich sind. Anschließe­nd sind sie zu vernetzen. Die Kirche wächst durch ein Netz von Besonderhe­iten.

Lienhard:

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FOTO: PHILIP WILSON DIe Kirche verliert immer mehr Mitglieder. Um das abzubremse­n, müsste sie flexibler werden, meinen Experten.
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FOTO: HERMANN BREDEHORST/DIAKONIE Daniel Hösch
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FOTO:PRIVAT Fritz Lienhard

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