Oris

Preis­ka­te­go­rie bis 10 000 Eu­ro

Uhren-Magazin - - Inhalt - Text — Martina Rich­ter Fotos — Ok-pho­to­gra­phy/oris

Das Ka­li­ber 111 ist der in­dus­tri­ell ge­fer­tig­te Nach­fol­ger des Ka­li­bers 110, das zum Ju­bi­lä­um der Mar­ke li­mi­tiert auf­ge­legt wur­de. Es de­bü­tiert im gleich­na­mi­gen Mo­dell, das wir ei­nem aus­gie­bi­gen Test un­ter­zie­hen.

——— Oris gönnt sei­nem Se­ri­en­uhr­werk den glei­chen wür­di­gen Rah­men wie dem li­mi­tier­ten Ka­li­ber, wo­bei es in­zwi­schen auch die sehr schö­ne Flie­ge­ruhr Big Crown Pro Pi­lot an­treibt. Das schlich­te, kom­plett glän­zen­de Edel­stahl­ge­häu­se der Ka­li­ber 111 passt trotz sei­ner üp­pi­gen Aus­ma­ße gut ans Hand­ge­lenk. Da­für sorgt ein Mit­tel­teil, das flie­ßend in aus­rei­chend weit nach un­ten zie­hen­de Band­an­stö­ße über­geht. Die Nei­gung ist sanft und weich und äh­nelt von der Sei­te aus be­trach­tet ei­ner sich weit span­nen­den Bo­gen­brü­cke.

In die An­stö­ße greift ein hoch­wer­ti­ges an­thra­zit­far­be­nes Al­li­ga­tor­le­der­band ein, das mit ei­ner ein­sei­tig klap­pen­den Druck­falt­schlie­ße ge­schlos­sen wird. In die­ser ist das lo­se Ban­den­de über ei­nen Dop­pel­dorn fi­xiert – dop­pelt si­cher. Die seit­li­chen Drü­cker zum Öff­nen bie­ten Kom­fort da­zu. Mit dem schö­nen An­thra­zit des Ban­des har­mo­niert das sil­ber­graue Zif­fer­blatt – oder um­ge­kehrt, je nach­dem, wie man es be­trach­ten möch­te. Sein Son­nen­schliff je­den­falls spielt char­mant mit dem Licht, so dass es manch­mal – auch we­gen der glän­zen­den Ap­pli­ken und Zei­ger – Re­fle­xio­nen gibt. Man ver­zeiht sie an­ge­sichts der ge­lun­ge­nen Ge­samt­äs­the­tik, und vi­el­leicht auch den Um­stand, dass die bei­den Haupt­zei­ger bei Dun­kel­heit nur spär­lich Licht aus­sen­den und man sie an­ge­sichts bei­na­he gleich lan­ger Leucht­säu­len kaum von­ein­an­der un­ter­schei­den kann.

Lan­ge Zeit kein Hand­auf­zug nö­tig

Die Klei­ne Se­kun­de zieht un­be­leuch­tet bei neun Uhr ih­re Krei­se, un­ter­bro­chen von ei­ner Da­tums­an­zei­ge. Und die ist neu im Ka­li­ber 111 ge­gen­über dem Ka­li­ber 110. Auf der an­de­ren Sei­te bei drei Uhr wird über ei­nen weit­aus grö­ße­ren Ra­di­us die Gan­g­re­ser­ve in ei­nem 240-Grad-seg­ment an­ge­zeigt, die sich wie schon im Ka­li­ber 110 auf zehn Ta­ge be­läuft. Und das auf ganz be­son­de­re, mitt­ler­wei­le pan­ten­tier­te Wei­se. Bei ge­naue­rem Hin­se­hen ent­deckt man, dass die Ab­stän­de zwi­schen den ein­zel­nen Ta­gen mit ab­lau­fen­der Gan­g­re­ser­ve im­mer grö­ßer wer­den. Das heißt, der Zei­ger be­wegt sich von zehn, be­zie­hungs­wei­se Voll­auf­zug nach Null nicht mit gleich­blei­ben­der Ge­schwin­dig­keit. Das hat den Ef­fekt, dass man den kri­ti­schen Be­reich der Gan­g­re­ser­ve, so ab ei­ner Rest­lauf­zeit von vier Ta­gen, de­tail­lier- ter ab­le­sen kann und da­mit deut­li­cher wahr­nimmt, wann man so lang­sam wie­der ans Auf­zie­hen der Uhr den­ken muss. Wenn man es bei täg­li­chem Ge­brauch nicht oh­ne­hin re­gel­mä­ßig tut. Schon, weil das Be­tä­ti­gen der gro­ßen ge­rän­del­ten Kro­ne an­ge­nehm von der Hand geht, ein­schließ­lich das Her­aus­zie­hen zwecks Da­tums­schnell­schal­tung oder Zei­ger­stel­lung, zu der es werk­sei­tig ei­nen Se­kun­den­stopp gibt. Zieht man die Uhr meh­re­re Ta­ge hin­ter­ein­an­der nicht auf, was ab­so­lut kein Pro­blem ist, oder hat man sie län­ge­re Zeit nicht be­nutzt, er­weist sich das Span­nen der Trieb­fe­der bis hin zum Voll­auf­zug als ein durch­aus auf­wän­di­ges Un­ter­fan­gen.

Zum 110-jäh­ri­gen Be­ste­hen lan­cier­te Oris das selbst kon­stru­ier­te Ka­li­ber 110. Das ers­te nach 35 Jah­ren. Dem li­mi­tier­ten, zu­meist von Hand ge­mach­ten Stück folgt nun mit dem in­dus­tri­ell ge­fer­tig­ten Uhr­werk 111 die Hö­her­ent­wick­lung. Es de­bü­tiert in ei­nem nach ihm be­nann­ten Mo­dell. Wir tes­ten die Oris Ka­li­ber 111.

Tech­ni­sche Grund­la­ge der nicht gleich­mä­ßig ab­lau­fen­den Gan­g­re­ser­vean­zei­ge sind zwei ex­zen­tri­sche, schne­cken­för­mi­ge Rä­der, die so ge­gen­ein­an­der dre­hen, dass der Zei­ger sich mit der ent­spre­chen­den Ge­schwin­dig­keit be­wegt. Für die Ent­wick­lung die­ser spe­zi­el­len An­zei­ge, ver­bun­den mit zehn Ta­gen Gang­au­to­no­mie, hat Oris in Zu­sam­men­ar­beit mit der Tech­ni­schen Hoch­schu­le Le Lo­cle ein gan­zes Jahr­zehnt ge­braucht. Dar­über hin­aus gab es zahl­rei­che Op­ti­mie­run­gen vom Ka­li­ber 110 zum Ka­li­ber 111. »Kon­struk­tiv ist es das glei­che, aber doch ein ganz an­de­res Werk«, sagt Beat Fisch­li, der COO von Oris. Das liegt vor al­lem dar­an, dass das 111 in­dus­tri­ell und nicht mehr von Hand her­ge­stellt wird. Da­zu ar­bei­tet Oris mit mehr als 20 un­ab­hän­gi­gen Part­nern zu­sam­men, die zu kei­nen Kon­zer­nen ge­hö­ren, aber gro­ße Lu­xus­mar­ken aus­stat­ten, wes­halb Beat Fisch­li sie na­ment­lich nicht be­nennt. »Das Ka­li­ber 111 ist hun­dert Pro­zent Swiss Ma­de«, lässt Fisch­li wis­sen. Um die Kräf­te­ver­hält­nis­se im Uhr­werk zwi­schen ei­nem ein­zi­gen gro­ßen Fe­der­haus und ei­ner klei­nen Un­ruh zu bän­di­gen, wur­de die Ener­gie­quel­le noch­mals op­ti­miert. Die Fe­der­haus­trom­mel ist die glei­che ge­blie­ben, aber Qu­er­schnitt und die An­zahl der Win­dun­gen der 1,80 Me­ter lan­gen Auf­zugs­fe­der wur­den ver­än­dert. »In der Fol­ge hat sich das Dreh­mo­ment ver­rin­gert und da­mit die Gang­kur­ve merk­lich ver­bes­sert«, ana­ly­siert Beat Fisch­li.

Vie­le Ta­ge lang be­stän­dig im Gang

Wir stel­len im Gang­test fest, dass die Uhr vie­le Ta­ge mit an­nä­hernd gleich­blei­ben­den Durch­schnitts­wer­ten und nur all­mäh­lich fal­len­den Am­pli­tu­den läuft. Al­ler­dings ist die Gang­dif­fe­renz zwi­schen den La­gen ziem­lich hoch. Erst am neun­ten Tag än­dert sich das Gang­bild abrupt. Zu die­ser Zeit läuft der Zei­ger der Gan­g­re­ser­vean­zei­ge in ei­nen rot mar­kier­ten Be­reich ein – wohl in wei­ser Vor­aus­sicht von Oris

als je­ner mar­kiert, in der die Uhr zwar noch läuft, aber kein zu­frie­den­stel­len­des Gang­bild mehr ab­gibt – ei­ne Gan­g­re­ser­vean­zei­ge, so wie die Uhr­ma­cher sie bei ih­rer Er­fin­dung ver­stan­den ha­ben. In der Pra­xis läuft die Uhr so­gar län­ger als zehn Ta­ge, sprich über den Rah­men der Gan­g­re­ser­vean­zei­ge hin­aus. Man merkt das nicht nur und nicht zu­erst, wenn man die Uhr ein­mal kom­plett ab­lau­fen lässt, son­dern man stol­pert dar­über, dass sich beim Auf­zie­hen der Gan­g­re­ser­ve-zei­ger erst nach et­li­chen Kro­nen­um­dre­hun­gen in Be­we­gung setzt. Hin­ter ei­ner tri­via­len Er­schei­nung steckt ei­ne hand­fes­te uhr­ma­che­ri­sche Her­aus­for­de­rung, denn das Dif­fe­ren­zi­al­ge­trie­be der Gan­g­re­ser­vean­zei­ge muss den Zei­ger aus­kup­peln, wenn er am En­de der An­zei­ge an­ge­kom­men ist, die Uhr aber noch wei­ter­läuft, und schließ­lich wie­der ein­kup­peln, wenn das Werk auf­ge­zo­gen wird.

Ele­gan­ter, aus­dau­ern­der Be­glei­ter

Wäh­rend man die­se Tech­nik nicht sieht, las­sen sich durch den ge­schraub­ten Sa­phirglas­bo­den der Ka­li­ber 111 die ei­gen­wil­lig ver­zahn­ten Schne­cken­rä­der der Gan­g­re­ser­vean­zei­ge sehr wohl in­spi­zie­ren – bei­na­he un­schein­bar an der Pe­ri­phe­rie des rie­si­gen Fe­der­hau­ses und ober­halb der Un­ruh. Da die Gang­par­tie zum mehr als den hal­ben Ra­di­us des Uhr­werks ei­neh­men­den Fe­der­haus ver­gleichs­wei­se klein ist, fällt erst der zwei­te Blick auf die Oris-ei­ge­ne Bau­wei­se der Fein­reg­la­ge über ei­nen ge­win­kel­ten Rück­er­zei­ger, des­sen Ver­zah­nung in ei­ne Schrau­be mit Trieb greift. Das soll­te die Reg­la­ge fein­glied­ri­ger ma­chen, wo­bei nach Aus­sa­ge von Beat Fisch­li in je­nen Gang­be­reich re­gu­liert wird, den wir auch in un­se­rem Test dia­gnos­ti­zie­ren. An­ge­sichts der Kon­struk­ti­on und der Kräf­te­ver­hält­nis­se im Uhr­werk sei man da­mit sehr zu­frie­den. Ein gu­tes Omen ist, dass die Oris Ka­li­ber 111 am Hand­ge­lenk so­gar bes­ser läuft als un­ter La­bor­be­din­gun­gen, auch dann, wenn mehr als die Hälf­te der Gan­g­re­ser­ve auf­ge­braucht ist. Man hat mit ihr ei­nen zu­ver­läs­si­gen und zu­dem noch gut aus­se­hen­den Be­glei­ter über lan­ge Zeit. ———

Ge­gen­sät­ze: Gro­ßes Fe­der­haus – klei­ne Un­ruh. Un­ter­halb des Fe­der­hau­ses ist das be­son­de­re Dif­fe­ren­zi­al­ge­trie­be der Gan­g­re­ser­vean­zei­ge aus­zu­ma­chen.

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