Sei­ko JOUR­NAL

Uhren-Magazin - - Inhalt - Text — Tho­mas Wan­ka Fotos — UH­REN-MA­GA­ZIN/HER­STEL­LER

Der ja­pa­ni­sche Uh­ren­rie­se will sei­ne Welt­gel­tung auch mit me­cha­ni­schen Uh­ren un­ter­strei­chen. Ei­ne Rei­se­re­por­ta­ge von den Fer­ti­gungs­stät­ten in Ja­pan.

Sei­ko ist das Un­ter­neh­men, wel­ches 1969 mit der ers­ten Quarz­arm­band­uhr die gleich­na­mi­ge tech­no­lo­gi­sche Re­vo­lu­ti­on aus­lös­te. Heu­te ist es ein welt­weit agie­ren­der, mil­li­ar­den­schwe­rer Tech­no­lo­gie­kon­zern, der sich aber sei­ne Fer­tig­kei­ten in der me­cha­ni­schen Uhr­ma­che­rei be­wahrt hat. Und Sei­ko ist be­strebt, auch im Markt me­cha­ni­scher Uh­ren ei­ne be­deu­ten­de Po­si­ti­on zu er­lan­gen. Zeit für ei­nen Be­such.

——— Es fällt ei­nem schwer, sich vor­zu­stel­len, dass die­ser drah­tig-sport­li­che Mann et­wa Un­über­leg­tes tun könn­te. Um so über­rasch­ter ist man, wenn er nach dem Des­sert im Re­stau­rant zur Uku­le­le greift und sei­nen Gäs­ten mit sei­nen San­gesküns­ten ei­nen un­ver­gess­li­chen Abend be­rei­tet.

An­dern­tags hat man die stim­mungs­voll vor­ge­tra­ge­nen Ever­greens von El­vis noch im Ohr. Doch jetzt sitzt ei­nem der hoch­kon­zen­trier­te Ge­schäfts­mann ge­gen­über, den man er­war­tet. Die re­prä­sen­ta­ti­ven Räu­me un­se­res Tref­fens be­fin­den sich im obers­ten Stock des Kauf­hau­ses Wa­ko, das mit dem Sei­ko- Glo­cken­turm auf dem Dach das Wahr­zei­chen des Lu­xus­vier­tels Gin­za dar­stellt. Hier hat die Sei­ko Watch Cor­po­ra­ti­on ih­ren Sitz. Und ihr CEO Shin­ji Hat­to­ri gibt so prä­zi­se Ant­wor­ten, dass sie bei­na­he wie vor­for­mu­liert wir­ken.

Schließ­lich führt er das Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men in der vier­ten Ge­ne­ra­ti­on. Und sein Ur­groß­va­ter, Kin­ta­ro Hat­to­ri, der das Un­ter­neh­men 1881 grün­de­te, ha­be ihm mit sei­nem Le­bens­mot­to die Stra­te­gie vor­ge­zeich­net. Nie­mals aus­ru­hen, aber auch nie­mals et­was über­ei­len. Als Händ­ler müs­se man sei­nem Kun­den im­mer ei­nen Schritt vor­aus sein, aber nie­mals zwei. Dies ge­be auch ihm die Per­pek­ti­ve, nur Ent­schei­dun­gen zu fäl­len, wel­che auch die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on mit­tra­gen kann.

Die Grand Sei­ko steht für ho­he Prä­zi­si­on in drei Dis­zi­pli­nen

Da­zu ge­hört auch die Ent­schei­dung, sich mit der welt­wei­ten Ver­mark­tung der Grand Sei­ko bis in das Jahr 2012 Zeit ge­las­sen zu ha­ben. Fans die­ser Spit­zen­pro­duk­te der ja­pa­ni­schen Mar­ke hat­ten bis da­hin mit Grau­im­por­ten le­ben oder selbst nach Ja­pan rei­sen müs­sen. Heu­te ste­hen, auch in der vor Kur­zem er­öff­ne­ten Bou­tique in Frank­furt am Main, un­ter die­sem Mar­ken­na­men drei un­ter­schied­li­che Tech­no­lo­gi­en im An­ge­bot.

Zum ers­ten hoch­wer­ti­ge Quarz­uh­ren mit dem 1993 ein­ge­führ­ten und ex­klu­siv für die Grand Sei­ko ent­wi­ckel­ten High-end-ka­li­ber 9F. In die­sem stellt nicht nur ei­ne Ther­mo­kom­pen­sa­ti­on ei­ne ho­he Prä­zi­si­on si­cher, ein Selbst­jus­ta­ge­me­cha­nis­mus sorgt auch da­für, dass der Se­kun­den­zei­ger ex­akt springt. Auch das Da­tum wech­selt ge­nau um Mit­ter­nacht.

Das Ka­li­ber 9R wie­der­um ba­siert auf der Spring-dri­ve-tech­no­lo­gie. Das ist ein Werk oh­ne Bat­te­rie, aber auch oh­ne Un­ruh. Die Ener­gie aus dem Fe­der­haus wan­delt ein Ge­ne­ra­tor in Elek­tri­zi­tät um, die ei­nen quarz­ge­steu­er­ten Chip ver­sorgt. Die­ser steu­ert über ei­ne elek­tro­ma­gne­ti­sche Brem­se ein klei­nes Schwung­rad. Cha­rak­te­ris­tisch ist die Gleit­be­we­gung des Se­kun­den­zei­gers über das Zif­fer­blatt. Vom ers­ten Pro­to­ty­pen 1982 bis zur fer­ti­gen Spring Dri­ve be­durf­te es fast 20 Jah­ren an For­schung und Ent­wick­lung. Erst 1999 war die Tech­no­lo­gie se­ri­en­reif.

An der Spit­ze der drit­ten Uh­ren­an­triebs­tech­no­lo­gie ran­giert das me­cha­ni­sche Grand-sei­ko-werk 9S85 »Hi-beat 36000«. Mit die­sem Schnell­schwin­ger knüpft Sei­ko an sei­ne Tra­di­ti­on in der Prä­zi­si­onuh­ren­fer­ti­gung an. Die ers­te Grand Sei­ko wur­de 1960 vor­ge­stellt. Der Hand­auf­zug mit 18800 Halb­schwin­gun­gen pro St­un­de kos­te­te da­mals das dop­pel­te Mo­nats­ge­halt ei­nes Aka­de­mi­kers. 1963 er­schien der »Self-da­ter« mit Da­tums­an­zei­ge und 1966 die ers­te Au­to­ma­tik­ver­si­on.

1968 folg­te ei­ne Au­to­ma­tik­ver­si­on mit 36000 Halb­schwin­gun­gen pro St­un­de. Seit­dem Sei­ko 1967 sehr er­folg­reich an Schwei­zer Chro­no­me­ter­wett­be­wer­ben teil­nahm, tes­ten die Schwei­zer nur noch ei­ge­ne Wer­ke. Dar­auf­hin führ­te Sei­ko ei­ge­ne Stan­dards für die Grand Sei­ko ein, wel­che stren­ger als die of­fi­zi­el­len Chro­no­me­ter­vor­ga­ben sind. So wird bei Sei­ko in sechs La­gen ge­prüft, der COSC ge­nü­gen Tests in fünf La­gen.

Nach­dem die Pro­duk­ti­on der Grand Sei­ko 1975 ein­ge­stellt wor­den war, kehr­te sie 1998 mits­amt ih­res ho­hen Prä­zi­si­ons­stan­dards zu­rück.

Für die Fahrt in das knapp mehr als 500 Ki­lo­me­ter nörd­lich von Tokio lie­gen­de Mo­rio­ka be­nö­tigt der le­gen­där pünkt­li­che Shink­an­sen ge­ra­de ein­mal drei St­un­den und 20 Mi­nu­ten. Und wäh­rend das Sze­na­rio drau­ßen vor dem Fens­ter im­mer länd­li­cher wird, nutzt Ro­bert Wil­son, der Mar­ke­ting-di­rek­tor aus der eng­li­schen Eu­ro­pa­zen­tra­le, die Zeit, mir in Kür­ze die Ge­schich­te der me­cha­ni­schen Uh­ren bei Sei­ko zu er­zäh­len.

Die Fer­ti­gung me­cha­ni­scher Uh­ren wur­de bei Sei­ko nie auf­ge­ge­ben

Be­reits 1913 fer­tig­te Sei­ko­sha, wie Sei­kos Uh­ren­fa­brik im Un­ter­schied zum To­kio­ter La­den­ge­schäft hieß, die ers­te ja­pa­ni­sche Arm­band­uhr aus­schließ­lich aus ei­ge­nen Kom­po­nen­ten. Ihr Na­me Lau­rel lässt heu­te ver­mu­ten, dass sie schon da­mals für den Ex­port be­stimmt war. 1924 er­schien erst­mals Sei­ko als Mar­ken­na­me auf dem Zif­fer­blatt ei­ner Arm­band­uhr. Und auch nach­dem die Grand Sei­ko in Fol­ge der selbst an­ge­sto­ße­nen Quarz­re­vo­lu­ti­on ein­ge­stellt wur­de, hört man nie­mals auf, me­cha­ni­sche Wer­ke zu fer­ti­gen. Bei­spiels­wei­se das Ca­li­ber 68. Die­ses ul­traf­la­che Hand­auf­zu­g­werk von Sei­ko wird seit 1973 in Mo­rio­ka un­un­ter­bro­chen ge­fer­tigt. Dar­um war es auch na­he­lie­gend, hier die Pro­duk­ti­on der heu­ti­gen me­cha­ni­schen Grand-sei­ko-uh­ren an­zu­sie­deln. Auch wenn Mo­rio­ka nicht be­son­ders hoch liegt, sorgt die ab­ge­schie­de­ne Berg­re­gi­on für kla­re Luft­ver­hält­nis­se, wie sie Uhr­ma­cher welt­weit zu schät­zen wis­sen.

Wir nä­hern uns ei­nem mo­der­nen Pro­duk­ti­ons­ge­bäu­de am Wald­rand, das 1970 hier er­rich­tet wur­de und von Sei­ko In­stru­ments be­trie­ben wird. Nach vie­len tie­fen Ver­beu­gun­gen und dem Tausch des Schuh­werks in mä­ßig kleid­sa­me Plas­tik­schlap­pen geht es end­lo­se Kor­ri­do­re ent­lang an hoch­au­to­ma­ti­sier­ten Pro­duk­ti­ons­stre­cken vor­bei. Denn hier be­fin­det sich auch das Herz der ja­pa­ni­schen Quarz­wer­ke-pro­duk­ti­on von Sei­ko. Doch das Bild wan­delt sich schlag­ar­tig. Wo es eben noch von Ma­schi­nen be­stimmt wur­de, herrscht nach dem An­le­gen ei­nes Schutz­an­zu­ges nebst ne­cki­schem Häub­chen und dem an­schlie­ßen­den Durch­schrei­ten ei­ner Luft­schleu­se kon­zen­trier­te Ru­he.

Shi­zu­ku-ishi ist ei­ne ver­ti­kal in­te­grier­te Ma­nu­fak­tur

Wir ha­ben mit dem Shi­zu­ku-ishi Watch Stu­dio das Al­ler­hei­ligs­te der me­cha­ni­schen Grand Sei­ko-pro­duk­ti­on be­tre­ten. In die­ser völ­lig ver­ti­kal in­te­grier­ten Ma­nu­fak­tur Ja­pans fin­den so­wohl die Pro­duk­ti­on der Werks­kom­po­nen­ten in­klu­si­ve Werk­zeug­ma­che­rei als auch der Zu­sam­men­bau, das Ein­re­glie­ren, der Ein­bau des Wer­kes in das Ge­häu­se und die ab­schlie­ßen­de End­kon­trol­le ge­mäß der stren­gen Spe­zi­fi­ka­tio­nen des Grand Sei­ko-stan­dards un­ter ei­nem Dach statt. Das Ate­lier selbst be­schäf­tigt ins­ge­samt 70 Mit­ar­bei­ter, dar­un­ter 19 Uhr­ma­cher. Sie­ben da­von dür­fen sich Uhr­ma­cher­meis­ter nen­nen, denn nach die­sem Prin­zip wird hier in­ten­siv wei­te­rer Nach­wuchs ge­schult und ent­spre­chend zer­ti­fi­ziert, um die Kennt­nis­se und Fä­hig­kei­ten an die nächs­te Ge­ne­ra­ti­on ver­lust­frei wei­ter zu ge­ben.

Der Rück­weg nach Tokio führt uns über Na­ga­no. Am Fuß der Ber­ge er­war­ten uns wie in Mo­rio­ka Obst­stän­de, wel­che die lokale Ap­fel­ern­te of­fe­rie­ren. Ne­ben der kla­ren Berg­luft ver­mut­lich ein wei­te­res Stand­ort­kri­te­ri­um für ja­pa­ni­sche Uhr­ma­cher. Hier be­treibt die eben­falls zu Sei­ko ge­hö­ren­de Ep­son mit der Shi­joiri-fa­b­rik ei­ne Pro­duk­ti­ons- und For­schungs­stät­te, wel­che ins­ge­samt 630 Mit­ar­bei­ter be­schäf­tigt.

Die kla­re Luft in Berg­re­gio­nen tut Uh­ren in al­ler Welt gut

Hier ent­ste­hen Ge­häu­se, Zif­fer­blät­ter und Zei­ger. An die­ser Ge­burts­stät­te der Quarz­uhr na­mens As­tron im Jahr 1969 stellt Sei­ko so­gar die Quarz­kris­tal­le in ei­nem mehr­mo­na­ti­gen Ver­fah­ren selbst her, um die not­wen­di­ge Rein­heit ga­ran­tie­ren zu kön­nen. Zehn Uhr­ma­cher sind wie in Mo­rio­ka nach dem Meis­ter-prin­zip ge­schult. Das Shin­shu-uh­re­nate­lier, in dem sie ar­bei­ten, fer­tigt aber über­wie­gend High-end-quarz­ka­li­ber und Sprin­gD­ri­ve-wer­ke. Auch die­ses Stu­dio ist ei­ne klei­ne, ver­ti­kal in­te­grier­te Ma­nu­fak­tur. Und im hier eben­falls be­hei­ma­te­ten Mi­cro Ar­tist Stu­dio wird Hau­te Hor­lo­ge­rie be­trie­ben. Seit dem Jahr 2000 sit­zen hier zehn Spe­zia­lis­ten und fer­ti­gen Uh­ren vom Ent­wurf bis zum Zu­sam­men­bau. Im Ate­lier hängt ein si­gnier­tes Foto der Uhr­ma­cher­le­gen­de Phil­ip­pe Du­four.

Hier ent­stand 2006 ei­ne Son­ne­rie auf Ba­sis ei­nes Spring Dri­ve Ka­li­bers, wel­che die Kraft über ei­nen klei­nen Gum­mi­rie­men auf das Schlag­werk über­trägt. 2001 kam ei­ne Mi­nu­ten­re­pe­ti­ti­on hin­zu. Sie ist Teil der Mar­ke Cre­dor, wel­che Sei­ko der­zeit noch aus­schließ­lich in Ja­pan an­bie­tet. Und seit 2014 weckt die Ei­chi-ii mit ih­rem hand­be­mal­ten wei­ßen Por­zel­lan­blatt Be­gehr­lich­kei­ten bei in­ter­na­tio­na­len Samm­lern.

Wie­der zu­rück in Tokio, ru­fe ich mir das Ge­spräch mit Shin­ji Hat­to­ri noch ein­mal in das Ge­dächt­nis. Mit der Kennt­nis der Pro­duk­ti­ons­stät­ten und des Know-hows und En­ga­ge­ments der Mit­ar­bei­ter er­scheint mir das Bild ei­nes sich rä­keln­den Rie­sen vor dem geis­ti­gen Au­ge, der stau­nend wahr­nimmt, wel­che Kräft er be­sitzt.

Sei­ko baut sei­ne Fä­hig­kei­ten in der Mecha­nik suk­zes­si­ve wei­ter aus

Der Er­folg der von Shin­ji Hat­to­ri an­ge­kün­dig­ten me­cha­ni­schen Of­fen­si­ve über al­le Preis­klas­sen hin­weg in den kom­men­den Jah­ren wird sich erst an­hand der Pro­duk­te be­ur­tei­len las­sen. Die Fer­tig­kei­ten und Fä­hig­kei­ten, da­von konn­te ich mich über­zeu­gen, sind un­zwei­fel­haft vor­han­den. ———

4 Grand Sei­ko: Die bei­den me­cha­ni­schen Wer­ke 9S6 und 9S8 wer­den aus­schließ­lich für die Grand Sei­ko Kol­lek­ti­on ge­fer­tigt. 2 Uhr­ma­che­r­ate­lier: Die bes­ten Ar­beits­be­din­gun­gen bie­tet seit 2014 das Shi­zu­ku-ishi Watch­stu­dio im nord­ja­pa­ni­schen Mo­rio­ka. 3...

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