Ge­bläu­te Schrau­ben

Uhren-Magazin - - Inhalt - Tex t — Me­lis­sa Göß­ling Fotos — Her­stel­ler

Hit­ze ist das tra­di­tio­nel­le Mit­tel, um Span­nun­gen aus dem Stahl zu ent­fer­nen. Die dar­aus re­sul­tie­ren­de blaue Fär­bung ist ein schö­ner Ne­ben­ef­fekt.

——— In der frü­hen Uhr­ma­che­rei un­ter­zog man kalt ge­schmie­de­te Stahl-werk­stü­cke ei­nes Ka­li­bers ei­ner kur­zen Wär­me­be­hand­lung, um de­ren Struk­tur zu ver­dich­ten und sie so­mit zu här­ten. Der da­mit ein­her­ge­hen­de far­bi­ge Glanz war ein schö­ner Ne­ben­ef­fekt. Heu­te ist ei­ne zu­sätz­li­che Här­tung nicht not­wen­dig, der blaue Glanz aber Aus­druck tra­di­tio­nel­ler Uhr­macher­kunst. Aus die­sem Grund be­stü­cken vie­le Ma­nu­fak­tu­ren ih­re Uhr­wer­ke mit ge­bläu­ten Schrau­ben. Aber auch Zei­ger, Fe­dern, oder wie bei No­mos Glas­hüt­te die Un­ruh­spi­ra­le wer­den in ei­nem auf­wän­di­gen Her­stel­lungs­pro­zess ein­ge­färbt.

Wer auf Tra­di­ti­on setzt, der be­han­delt sei­ne Stahl­tei­le mit Hit­ze. Gro­ße Stück­zah­len wie Werk­schrau­ben kom­men da­bei in ei­nen Brenn- ofen. Für ein Dun­kel­blau muss die­ser zwi­schen 290 und 310 Grad Cel­si­us heiß sein. Vor der Wär­me­be­hand­lung wer­den die Schrau­ben in meh­re­ren Rei­ni­gungs- und Lö­sungs­bä­dern von Fett und Schmutz be­freit.

Klei­ne Stück­zah­len wer­den auf ei­nem Glüh­kol­ben an­ge­las­sen

Kleins­te Un­rein­hei­ten las­sen die Far­be fle­ckig wer­den. Zu­dem be­we­gen die Mit­ar­bei­ter die Schrau­ben im­mer ein we­nig im Ofen, da­mit sie wirk­lich von al­len Sei­ten ei­ne re­gel­mä­ßi­ge blaue Fär­bung er­hal­ten. Ab­schlie­ßend wer­den sie in ei­nem mit Mi­ne­ral­öl ge­füll­ten Email­ge­fäß ab­ge­schreckt, um den Oxi­da­ti­ons­pro­zess so­fort ab­zu­bre­chen. Klei­ne Char­gen wer­den auf ei­nem Glüh­kol­ben von Hand über dem Feu­er an­ge­las­sen. Mo­ritz Gross­mann be­han­delt so zum Bei­spiel auch sei­ne Zei­ger, da die­se wie die Werk­schrau­ben der Glas­hüt­ter Mar­ke braun­vio­lett schim­mern sol­len. Die­se Far­be liegt im Farb­spek­trum noch vor dem Dun­kel­blau.

Ne­ben dem tra­di­tio­nel­len Ver­fah­ren gibt es heut­zu­ta­ge auch che­mi­sche Pro­zes­se zum Bläu­en. Üb­li­cher­wei­se sind die Schrau­ben mit ei­nem Ni­ckel­über­zug ver­se­hen, der nur auf dem Schrau­ben­kopf fehlt. Taucht man das Werk­stück schließ­lich in ei­ne oxi­die­ren­de oder fär­ben­de Flüs­sig­keit, er­hält al­les Ni­ckel­über­zo­ge­ne die ge­wünsch­te Far­be – nur der Schrau­ben­schlitz bleibt blank. Ein prü­fen­der Blick durch den Ge­häu­se­bo­den ei­ner Uhr lässt schnell er­ken­nen, wel­ches Ver­fah­ren an­ge­wen­det wur­de. ———

Ge­bläu­te Schrau­ben wer­ten ein me­cha­ni­sches Uhr­werk op­tisch auf. Aber auch Zei­ger, Spi­ra­len und an­de­re Stahl-werk­t­ei­le wer­den in ei­nem auf­wän­di­gen ther­mi­schen oder che­mi­schen Pro­zess ein­ge­färbt.

Hoch­wer­tig: Das Ka­li­ber 61 von Glas­hüt­te Ori­gi­nal trägt ther­misch ge­bläu­te Schrau­ben.

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