Le­ser­rei­se

Uhren-Magazin - - Inhalt - Text — Me­lis­sa Göß­ling Fotos — UH­REN-MA­GA­ZIN

Glas­hüt­te wan­delt sich stän­dig. Die orts­an­säs­si­gen Uh­ren­mar­ken wach­sen und ver­än­dern da­bei auch das Stadt­bild. Da­von über­zeug­ten sich die Teil­neh­mer der UH­REN-MA­GA­ZIN-LE­SER­REI­SE vor Ort.

——— Das Orts­schild kün­digt an: »Will­kom­men in Glas­hüt­te! Hier lebt die Zeit.« Di­rekt da­hin­ter ragt ein gel­ber Bau­kran in die Luft. Ent­lang der schma­len Haupt­stra­ße ent­de­cken wir wei­te­re klei­ne Bau­stel­len. In Glas­hüt­te lebt nicht nur die Zeit, sie wächst auch. Be­reits vor zwei Jah­ren de­mons­trier­ten die dort an­säs­si­gen Uh­ren­fir­men ih­ren Er­folg mit Ge­bäu­de­um­bau­ten und ge­plan­ten Er­wei­te­run­gen. So auch Mo­ritz Gross- mann, die wir als ers­tes be­su­chen. Noch vor zwei Jah­ren war man in der jun­gen Ma­nu­fak­tur da­mit be­schäf­tigt, ei­ne ei­ge­ne Kol­lek­ti­on auf­zu­bau­en. Heute führt die Mar­ke sechs Mo­dell-li­ni­en im Pro­gramm und kon­zen­triert sich nun vor al­lem auf den Ver­trieb und das Mar­ke­ting. Man wol­le be­kann­ter wer­den und sich als fes­te Grö­ße in Glas­hüt­te eta­blie­ren, heißt es von Ge­schäfts­füh­re­rin Chris­ti­ne Hut­ter. Die Gross­mann Uh­ren Gm­bh, wie die 2008 von ihr ge­grün­de­te Fir­ma heißt, ist sich ih­rer Ver­pflich­tung ge­gen­über der Glas­hüt­ter Tra­di­tio­nen in der Uhr­ma­che­rei sehr be­wusst. Nicht um­sonst trägt die Uh­ren­mar­ke den Na­men ei­nes der be­deu­tends­ten Uhr­ma­cher des 19. Jahr­hun­derts: Mo­ritz Gross­mann. Von dem har­mo­ni­schen Zu­sam­men­spiel von Tra­di­ti­on und Mo­der­ne über­zeugt sich die Rei­se­grup­pe beim Rund­gang durch die Ma­nu­fak­tur.

In Glas­hüt­te wer­den seit über ei­nem Jahr­hun­dert Uh­ren ge­baut. Das klingt zu­nächst ein­mal nicht be­son­ders span­nend. Tat­säch­lich ver­än­dert sich aber nicht nur im­mer wie­der das Stadt­bild, auch die orts­an­säs­si­gen Uh­ren­mar­ken wach­sen und ent­wi­ckeln

sich. Wir neh­men im Rah­men der UH­REN-MA­GA­ZIN-LE­SER­REI­SE 2015 die Ve­rän­de­run­gen bei fünf Mar­ken und das Deut­sche Uh­ren­mu­se­um un­ter die Lu­pe.

Wir star­ten im un­ters­ten Stock­werk der Ma­nu­fak­tur, wo mo­der­ne CNC­ge­steu­er­te Ma­schi­nen Ein­zel­tei­le des Uhr­werks aus Me­tall­stü­cken her­aus­frä­sen oder ero­die­ren. Im Herz­stück der Ma­nu­fak­tur, dem Fi­nish, gibt es da­ge­gen nur rei­ne Hand­ar­beit. Et­wa 70 Pro­zent der Ar­beits­kraft und -zeit wer­den al­lein für das Fi­nish ge­nutzt, er­klärt Rai­ner Kern, Lei­ter für Kom­mu­ni­ka­ti­on im Haus. Auch in wei­te­ren Aus­ar­bei­tun­gen un­ter­schei­det sich Gross­mann von den Kol­le­gen vor Ort. Statt Ru­bi­nen wer­den wei­ße Sa­phi­re ein­ge­ar­bei­tet und sämt­li­che Schrau­ben be­kom­men dank ei­nes Brenn­vor­gangs ei­ne bräun­lich-vio­let­te statt blaue Fär­bung.

No­mos Glas­hüt­te in­ves­tiert wei­ter

in den Aus­bau der Ma­nu­fak­tur

Nur zö­ger­lich ver­ab­schie­den sich die Teil­neh­mer der Le­ser­rei­se von Gross­mann. Sei ih­nen doch be­wusst ge­wor­den, dass sie hin­ter die Pfor­ten »des neu­en Sterns am deut­schen Uh­ren­him­mel« schau­en durf­ten, kom­men­tiert ein Teil­neh­mer den Be­such.

Di­rekt ge­gen­über von Gross­mann, auf der an­de­ren Sei­te der Bahn­glei­se, be­fin­den sich Ge­schäfts­füh­rung, Ver­wal­tung und Fer­ti­gung von No­mos Glas­hüt­te in den Räu­men des al­ten Bahn­hofs. In den letz­ten zwei Jah­ren wuss­te No­mos mehr­fach zu über­ra­schen, zu­letzt mit der Prä­sen­ta­ti­on der ei­ge­nen Hem­mungs­bau­grup­pe, von No­mos »Swing-sys­tem« ge­nannt, und ei­nem neu­en be­son­ders fla­chen Au­to­ma­tik­werk. Die Fer­ti­gungs­tie­fe liegt nun­mehr je nach Werk bei bis zu 95 Pro­zent. Das er­for­dert mehr Mit­ar­bei­ter, und die brau­chen Platz. Ne­ben dem al­ten Bahn­hof er­wei­ter­te das Un­ter­neh­men be­reits die so­ge­nann­te Chro­no­me­trie am Er­ben­hang in Glas­hüt­te. Dort er­folgt der Zu­sam­men­bau von Werk und Uhr. Auch ein neu­es Ge­bäu­de schräg ge­gen­über des al­ten Bahn­hofs ge­hört nun zu No­mos und der letz­te Park­platz in Glas­hüt­te soll bald mit ei­nem Haus der Fir­ma be­setzt wer­den.

Ute Fi­scher- Graf, Pres­se­spre­che­rin des Hau­ses, führt uns zu­nächst durch die Werk­zeug- und Klein­tei­le-

fer­ti­gung im al­ten Bahn­hof. An­schlie­ßend dür­fen wir Uhr­ma­chern in der Chro­no­me­trie da­bei zu­se­hen, wie sie das Swing-sys­tem zu­sam­men­bau­en. Nach der Mit­tags­pau­se, zu der uns No­mos in das Ca­fé »Dro­ge­rie« ein­lädt, geht es zu Fuß durch Glas­hüt­te zum Deut­schen Uh­ren­mu­se­um.

Hier be­fin­det sich ge­ra­de ei­ne Son­der­aus­stel­lung, die das Le­ben und Ar­bei­ten in Glas­hüt­te zur DDR-ZEIT ver­an­schau­licht. Wir sind von der Pro­duk­ti­vi­tät der Men­schen, die in je­ner Ära die Uhr­ma­che­rei in Glas­hüt­te auf­recht er­hal­ten ha­ben, be­ein­druckt. Mu­se­ums­lei­ter Rein­hard Rei­chel weist uns im­mer wie­der auf in­ter­es­san­te De­tails hin, und führt uns an­schlie­ßend durch die Dau­er­aus­stel­lung des Mu­se­ums. Sie um­fasst mit 450 Ex­po­na­ten auf 1 400 Qua­drat­me­tern die ge­sam­te Ge­schich­te der Uhr­ma­che­rei in Glas­hüt­te: Von Fer­di­nand A. Lan­ges ers­ten Schrit­ten in Glas­hüt­te über die fol­gen­rei­chen Jah­re der zwei Welt­krie­ge bis hin zu den Neu­grün­dun­gen der Uh­ren­fir­men in den 1990er-jah­ren.

Ei­nen eben­falls be­deu­ten­den Bei­trag für die Uhr­ma­che­rei in Glas­hüt­te leis­tet Ju­we­lier Wem­pe. Das Un­ter­neh­men er­wirbt 2005 die Rui­ne der Stern­war­te auf dem Och­sen­kopf und rich­tet dort Pro­duk­ti­ons­stät­ten für ei­ne ei­ge­ne Uh­ren­mar­ke ein. Uns emp­fängt Gun­ter Teu­scher, Lei­ter der Fer­ti­gung in Glas­hüt­te. Vor zwei Jah­ren er­zähl­te er, dass die Idee des Ju­we­liers Wem­pe, ei­ne ei­ge­ne Uh­ren­li­nie zu schaf­fen, auf so gro­ße Nach­fra­ge ge­sto­ßen sei, dass man den Neu­bau be­reits er­wei­tern muss­te. Heute tref­fen wir in die­sen neu­en Rä­um­lich­kei­ten auf freund­li­che Mit­ar­bei­ter, die uns ger­ne all un­se­re Fra­gen zu ih­ren Ar­bei­ten be­ant­wor­ten. Zum Schluss geht es in den Kel­ler: Dort be­fin­det sich die ein­zi­ge deut­sche Chro­no­me­ter­prüf­stel­le. Hier wird der Gang ei­ner je­den Uhr im Ge­häu­se über meh­re­re Ta­ge hin­weg ge­prüft. Da­mit kön­ne man Ab­wei­chun­gen am Hand- ge­lenk wei­test­ge­hend aus­schlie­ßen, so Chef-tech­ni­ker Kay Gah­rig. Er er­klärt wei­ter, dass kei­ne zwei Uh­ren die glei­chen Wer­te er­zie­len. Man kön­ne sich al­so mit dem Kauf ei­nes Chro­no­me­ters si­cher sein, ei­ne ganz be­son­de­re Uhr sein Ei­gen nen­nen zu dür­fen.

Krö­nen­der Ab­schluss des ers­ten Tages ist ein Din­ner mit den CEOS

So vie­le neue Ein­drü­cke wol­len erst ein­mal ver­ar­bei­tet wer­den. Beim abend­li­chen Cock­tail­emp­fang mit an­schlie­ßen­dem Din­ner tau­schen sich die Teil­neh­mer über die Er­leb­nis­se aus. Auch ei­ni­ge CEOS und wich­ti­ge Ver­tre­ter der orts­an­säs­si­gen Uh­ren­mar­ken, die in die­sen zwei Ta­gen be­sucht wer­den, sind un­se­rer Ein­la­dung ge­folgt. Bei gu­tem Wein und er­le­se­nen Spei­sen ent­ste­hen so an­ge­reg­te Ge­sprä­che, die auch lan­ge nach dem Des­sert noch nicht ab­bre­chen wol­len. Die Nacht wird da­her kurz, aber al­le freu­en sich auf die Be­sich­ti­gung der gro­ßen tra­di­ti­ons­rei­chen Ma­nu­fak­tu­ren Glas­hüt­te Ori­gi­nal und A. Lan­ge & Söh­ne am nächs­ten Tag.

Wenn auch nicht auf den ers­ten Blick zu se­hen, aber auch bei Glas­hüt­te Ori­gi­nal hat sich et­was ver­än­dert. In den letz­ten zwei Jah­ren ist die Mit­ar­bei­ter­zahl von 500 auf et­wa 650 ge­stie­gen. Um aus­rei­chend Platz für die neu­en Uhr­ma­cher und Fein­me­cha­ni­ker zu schaf­fen, zog die Ver­wal­tung der Mar­ke aus dem Haupt­ge­bäu­de »über den Hof«, wie uns

Pres­se­spre­che­rin Ulrike Kranz beim Sekt­emp­fang im gro­ßen Foy­er er­zählt. Nachwuchs kommt bei Glas­hüt­te Ori­gi­nal un­ter an­de­rem von der ei­ge­nen Aus­bil­dungs­stät­te. Die Uhr­ma­cher­schu­le »Al­f­red Hel­wig« sitzt im glei­chen Ge­bäu­de wie das Deut­sche Uh­ren­mu­se­um, ge­nau dort, wo einst die ers­te Uhr­ma­cher­schu­le in Glas­hüt­te ge­grün­det wur­de.

Nach ei­nem Rund­gang durch die Pro­duk­ti­ons­stät­te von Glas­hüt­te Ori­gi­nal dür­fen sich die Rei­se­teil­neh­mer un­ter der An­lei­tung der an­we­sen­den Aus­zu­bil­den­den selbst als Uhr­ma­cher ver­su­chen. An ei­nem gän­gi­gen ETA-WERK wer­den die Rä­der­brü­cke und die Rä­der aus­ge­baut und an­schlie­ßend wie­der ein­ge­setzt. An­de­re ver­su­chen mit Uhr­mach­er­werk­zeug ei­nen Draht in die Form des »G«, wie es im Lo­go von Glas­hüt­te Ori­gi­nal zu se­hen ist, zu bie­gen. Ein Aus­zu­bil­den­der er­klärt, dass dies üb­li­che Ein­stiegs­tests sei­en, da­mit die Be­wer­ber und auch die Leh­rer prü­fen kön­nen, ob sich ein jun­ger Mensch für den Be­ruf des Uhr­ma­chers eig­net. Für den Test am ETA-WERK ha­ben die Be­wer­ber et­wa zwölf Mi­nu­ten Zeit. Un­ter die­sem Zeit­druck ste­hen wir frei­lich nicht, sind dann aber doch froh, als al­le Uhr­wer­ke wie­der funk­tio­nie­ren und die For­men der ge­bo­ge­nen Dräh­te zu er­ken­nen sind. An­schlie­ßend lädt Glas­hüt­te Ori­gi­nal zum Mit­tag­es­sen ein und Pres­se­spre­che­rin Ulrike Kranz zeigt uns ge­mein­sam mit ih­ren Kol­le­gen die Kol­lek­ti­on.

Wir sind die ers­ten Be­su­cher des

neu­en Lan­ge-ge­bäu­des

An­se­hen dür­fen wir uns die um­fang­rei­che Kol­lek­ti­on von A. Lan­ge & Söh­ne am En­de der Le­ser­rei­se auch. Doch zu­nächst emp­fängt uns Wil­helm Schmid, Ge­schäfts­füh­rer des Tra­di­ti­ons­un­ter­neh­mens seit Ja­nu­ar 2011. Bei sei­ner Be­grü­ßung ent­schul­digt er sich, dass das neue Ma­nu­fak­tur­ge­bäu­de zwar schon er­öff­net wor­den sei, aber noch nicht al­le Rä­um­lich­kei­ten fer­tig ge­stellt und be­zo­gen sei­en. Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef Cle­mens von Wal­zel er­gänzt spä­ter, dass zu­künf­tig in den bei­den nun mit ei­ner Brü­cke ver­bun­de­nen Ge­bäu­den die kom­plet­te Pro­duk­ti­on, al­so die Tei­le­fer­ti­gung und Werk­mon­ta­ge so­wie Fi­nis­sie­rung, er­fol­gen soll. Die Mit­ar­bei­ter der Fi­nis­sa­ge sei­en aber noch nicht um­ge­zo­gen.

Da­für kön­nen wir den Gra­veu­ren in den neu­en Rä­um­lich­kei­ten über die Schul­ter schau­en. Je­der Gra­veur hat sei­ne ei­ge­ne Hand­schrift. So kann der Be­sit­zer ei­ner Lan­ge-uhr an­hand der Gra­vur auf dem Un­ruh­klo­ben er­ken­nen, wel­cher Gra­veur ihn be­ar­bei­tet hat. Beim Gang durch die Fer­ti­gungs­stät­ten be­su­chen wir auch die Re­gu­la­teu­re. Die­se Uhr­ma­cher sind dar­auf spe­zia­li­siert, ei­ne Un­ruh aus­zu­wuch­ten und ein­zu­re­gu­lie­ren. Stau­nend be­ob­ach­ten wir, wie ein Uhr­ma­cher Schei­ben von ei­nem Zehn­tau­sends­tel Mil­li­me­ter Di­cke auf die Schrau­ben ei­ner Un­ruh steckt und die­se an­schlie­ßend auf den Reif schraubt. Mit blo­ßem Au­ge sind die Schei­ben kaum zu er­ken­nen. Die­se Ge­schick­lich­keit und Sorg­falt se­hen wir auch bei den Mit­ar­bei­tern der Fi­nis­sa­ge, un­se­rer letz­ten Sta­ti­on bei A. Lan­ge & Söh­ne. Al­le Mit­ar­bei­ter, wie auch schon in den an­de­ren Ma­nu­fak­tu­ren, sind sehr freund­lich und auf­ge­schlos­sen ge­gen­über den neu­gie­ri­gen Be­su­chern.

Von dort aus be­ge­ben wir uns schwe­ren Her­zens auf den Weg nach Hau­se. Doch wer weiß, wo­hin sich die säch­si­sche Uhr­ma­che­rei in den nächs­ten Jah­ren ent­wi­ckeln wird. Ei­ne Wie­der­kehr lohnt sich in je­dem Fall, denn Glas­hüt­te wächst. ———

BRÜ­CKEN SCHLA­GEN Vor we­ni­gen Mo­na­ten er­öff­ne­te A. Lan­ge & Söh­ne sei­nen Ma­nu­fak­tur­neu­bau.

Von dem bis­he­ri­gen Ver­wal­tungs­ge­bäu­de führt ei­ne Brü­cke hin­über.

1 Durch die Lu­pe ist die Fi­nis­sa­ge an Werks­tei­len bei Gross­mann be­son­ders gut zu er­ken­nen. 2 No­mos zeigt die ge­sam­te Kol­lek­ti­on zum An­fas­sen. Das gibt es nur auf der Le­ser­rei­se. 3 Aus­führ­lich las­sen wir uns bei Gross­man er­klä­ren, wie man ei­nen Un­ruh­reif

6 Die Vor­freu­de auf die Ein­bli­cke in die No­mos-chro­no­me­trie lässt die Teil­neh­mer strah­len. 5

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