Yves Pia­get

Uhren-Magazin - - Inhalt - Text — Ka­trin Ni­ko­laus Fotos — Her­stel­ler

Der heu­te 76-Jäh­ri­ge hat das ehe­ma­li­ge Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men in­ter­na­tio­nal be­kannt ge­macht und den Ver­kauf an Ri­che­mont ein­ge­fä­delt.

Ges­tern Jet­set­ter, heu­te Ro­sen­züch­ter: Yves Pia­get hat das eins­ti­ge Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men Pia­get in­ter­na­tio­nal be­kannt ge­macht und den Ver­kauf an Ri­che­mont ein­ge­fä­delt.

——— Er ist in bei­den Spra­chen zu­hau­se, aber wenn er die Wahl hat, spricht er jetzt statt Eng­lisch lie­ber Fran­zö­sisch, die Spra­che sei­ner Kind­heit. Er hat mit vie­len Stars sei­ner Zeit en­gen Kon­takt ge­pflegt, aber ir­gend­wie ist er durch mit Ce­le­bri­ties. »Der Jet­set in­ter­es­siert mich nicht mehr«, stellt Yves Pia­get ge­las­sen fest. Er ist für ei­nen Tag zum Gen­fer Uh­ren­sa­lon ge­kom­men und gibt dem UH­REN-MA­GA­ZIN das ein­zi­ge In­ter­view. Dann sieht er sich noch ein biss­chen um, plau­dert mit al­ten Be­kann­ten und fährt wei­ter – zu ei­nem Tref­fen von ei­ner der Dut­zen­den Ver­ei­ni­gun­gen, die Tou­ris­mus, Ro­sen­zucht und Han­del för­dern und in de­nen er in Vor­stän­den, Gre­mi­en und Bei­rä­ten tä­tig ist. Kei­ne Fra­ge – Yves Pia­get (76), bis in die 90er-jah­re ei­ner der wich­tigs­ten Män­ner der Schwei­zer Uh­ren­in­dus­trie, holt noch et­was Le­ben ab­seits des Uh­ren-bu­si-

ness nach. Yves Pia­get mit Li­za Mi­nel­li, Liz Tay­lor, Pe­ter Sel­lers, Frank Si­na­tra, Ur­su­la And­ress – die Lis­te der ge­mein­sa­men Fotos mit Be­rühmt­hei­ten aus den 60er- bis 80erJah­ren lie­ße sich be­lie­big fort­set­zen.

Par­ty und Po­lo­spie­le, Jet­set­ten im buch­stäb­li­chen Sin­ne, al­so von Kon­ti­nent zu Kon­ti­nent ei­len, heu­te New York, mor­gen Mo­na­co, über­mor­gen To­kyo – das war das Le­ben des jun­gen Yves Pia­get, nach­dem er sich in Neu­châ­tel zum Uh­re­nin­ge­nieur hat­te aus­bil­den las­sen und in den USA Gem­mo­lo­gie (Edel­stein­kun­de) stu­diert hat­te. So war er bes­tens ge­rüs­tet für sei­ne Zu­kunft im Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men. Va­ter Gé­rald war streng: »Du wirst nicht bei Pia­get ein­tre­ten, nur weil Du Pia­get heißt«, lau­te­te die An­sa­ge. Das war un­ge­wöhn­lich, denn in der Be­leg­schaft des Un­ter­neh­mens stan­den et­li­che Pia­gets auf der Lohn­lis­te. Der Clan war rie­sig: Ur­groß­va­ter Ge­or­ges-édouard, der das Un­ter­neh­men 1874 grün­de­te, und sei­ne Frau Em­ma hat­ten 14 Kin­der. Ih­re Hei- mat war das hoch ge­le­ge­ne Dorf La Cô­tes-aux-fées, heu­te in an­dert­halb Au­to­stun­den von Genf aus zu er­rei­chen, da­mals weit ab­ge­le­gen. Der Na­me des Dor­fes be­deu­tet nichts an­de­res als Schaf­wei­den – und be­schreibt die frü­he­re Le­bens­grund­la­ge der Be­völ­ke­rung. Spä­ter kam die Her­stel­lung von Spit­ze da­zu und schließ­lich die von Uhr­wer­ken. Im Jahr 1866 fer­tig­ten über 400 Uhr­ma­cher Uhr­wer­ke, die nach Genf ge­lie­fert und von dort in die gro­ße wei­te Welt der Wohl­ha­ben­den ge­schickt wur­den.

Trotz Jet­set-le­ben bleibt Yves Pia­get bo­den­stän­dig

Vom Le­ben im Über­fluss konn­te bei den Pia­gets wie bei al­len an­de­ren Uhr­macher­fa­mi­li­en der Ge­gend kei­ne Re­de sein. Man ar­bei­te­te sechs Ta­ge die Wo­che und am Sonn­tag ging man in die Kir­che. In­di­gniert nahm man die Ein­füh­rung des ar­beits­frei­en Sams­tags zur Kennt­nis. Ein Vor­mit­tag nur zur frei­en Ver­fü­gung? Mo­der­ner Un­fug. Die ers­ten 14 Jah­re sei­nes Le­bens ver­brach­te Yves auf dem Bau­ern­hof sei­nes Groß­va­ters müt­ter­li­cher­seits. Der jun­ge Yves lieb­te die üp­pi­gen wil­den Ro­sen, »Églan­ti­nes« ge­nannt, und ver­brach­te viel Zeit mit Pfer­den. Bei­de Hob­bys sol­len ihm sein gan­zes Le­ben lang er­hal­ten blei­ben. »Bis heu­te ist es für mich ein Jung­brun­nen, zwei oder drei Ta­ge in der Schwei­zer Berg­luft zu ver­brin­gen«, sagt Yves Pia­get. Ob­wohl er jetzt im Fürs­ten­tum Mo­na­co und so­mit di­rekt am Meer lebt, ist er ei­gent­lich ein Mann der Ber­ge. Und so sieht er auch aus: Mit Cord­ho­se, ka­rier­tem Hemd und Jan­ker ist der ehe­ma­li­ge Fir­men­boss ei­ne durch und durch bo­den­stän­di­ge Er­schei­nung in­mit­ten des fei­nen Zwirns, dem Dress­code des Gen­fer Uh­ren­sa­lons.

Brü­che ge­hö­ren zu sei­nem Le­ben. Der Ver­kauf des Fa­mi­li­en­un­ter­neh­mens, das von al­len Fa­mi­li­en­mit­glie­dern mit größ­tem Fleiß über mehr als ein Jahr­hun­dert hin­weg auf­ge­baut

wur­de, ist ei­ne dras­ti­sche Ent­schei­dung ge­we­sen, die er aber kei­ne Se­kun­de be­reut hat. »Ri­che­mont kam da­mals, 1988, auf mich zu, weil wir ei­nes der ganz we­ni­gen Un­ter­neh­men wa­ren, die al­les hand­werk­li­che Kön­nen, das zur Her­stel­lung von Hau­te Joual­lie­rie und Uh­ren im Lu­xus­seg­ment nö­tig ist, un­ter ei­nem Dach ver­eint hat­ten«, er­in­nert sich Yves Pia­get. Er ha­be da­mals hef­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit sei­nem On­kel, dem die Hälf­te der Un­ter­neh­mens­an­tei­le ge­hör­te, ge­habt. »Ein Ge­ne­ra­tio­nen­kon­flikt«, meint Yves Pia­get, nä­her will er nicht dar­auf ein­ge­hen. Ger­ne hät­te er das Un­ter­neh­men in der Fa­mi­lie be- hal­ten, aber ihm fehl­te das Geld, die An­tei­le selbst zu er­wer­ben. Heu­te ar­bei­tet kein Fa­mi­li­en­mit­glied der Pia­gets mehr im Un­ter­neh­men.

Um­trie­bi­ger Geist – auch heu­te reist Pia­get um die gan­ze Welt

Auch sei­ne bei­den ei­ge­nen Kin­der ha­ben an­de­re We­ge ein­ge­schla­gen. Er ha­be sie kaum auf­wach­sen se­hen, im­mer sei er auf dem Sprung ge­we­sen, im­mer ha­be das Ge­schäft an ers­ter Stel­le ge­stan­den. »Das ist ein dunk­ler Schat­ten in mei­nem Le­ben«, stellt Yves Pia­get fest. Er weiß, er kann es jetzt nicht mehr än­dern. Die Frau­en hat er im­mer ge­liebt, aber all­zu gro­ße Nä­he, stän­di­ges Zu­sam­men­sein ist bis heu­te sei­ne Sa­che nicht. Gro­ße Rei­sen un­ter­nimmt er nicht mehr so ger­ne, aber in Eu­ro­pa ist er stän­dig un­ter­wegs. »Ich schla­fe ei­gent­lich nie öf­ter als drei­mal hin­ter­ein­an­der im sel­ben Bett.« Ein Le­ben in Ho­tels, Re­stau­rants und Flug­zeu­gen, da­zwi­schen Mee­tings, Kon­fe­ren­zen, ge­sell­schaft­li­che Er­eig­nis­se. All die be­rühm­ten Stars, die er so häu­fig traf, wa­ren zwar gu­te Be­kann­te, aber »na­tür­lich in ers­ter Li­nie Kun­den«, räumt er heu­te frei­mü­tig ein. Mit der jun­gen Ge­ne­ra­ti­on des Jet­sets hat Yves Pia­get nur ge­le­gent­lich Kon­takt: »Ich ha­be kei­ne Lust mehr auf die­se Ober­fläch­lich­kei­ten.« Um aus dem Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men ei­ne in­ter­na­tio­nal be­kann­te Mar­ke zu ma­chen, be­gab sich der jun­ge Mann über den Gro­ßen Teich.

En­de der 60er-jah­re war er nicht der ein­zi­ge Ent­sand­te der Schwei­zer Uh­ren­in­dus­trie in den Ver­ei­nig­ten

» Pia­get ist kein Mar­ke­ting­ge­bil­de, son­dern der Her­stel­ler feins­ter Uh­ren und Schmuck­stü­cke « , sagt Yves Pia­get. MEHR ALS PAR­TY, PO­LO UND PRO­MI­NENZ

Staa­ten. Auch Jack W. Heu­er mach­te bei­spiels­wei­se den Na­men sei­nes Fa­mi­li­en­un­ter­neh­mens mit Spon­sor­schaf­ten im Au­to­renn­sport be­kannt. Yves Pia­get setz­te eher auf Po­lo, von je­her der Sport der ganz Rei­chen und sehr eli­tär. Er ließ ei­ne sport­lich-ele­gan­te Uhr de­si­gnen, bei der das mas­si­ve Gelb­gold­ge­häu­se di­rekt in das Arm­band über­geht, und nann­te sie Po­lo. Schnell wur­de das Mo­dell zur Iko­ne der Mar­ke Pia­get.

De­sign war über­haupt ein gro­ßes The­ma für Yves Pia­get. Sein en­ger Kon­takt zu den Rei­chen und Schö­nen ließ ihn er­ken­nen, dass die­se Men­schen nach neu­em Schmuck su­chen, teuer und bes­tens ver­ar­bei­tet, aber gleich­zei­tig mo­dern, am bes­ten so­gar ein biss­chen ex­al­tiert. Und so ent­stan­den auf den »Schaf­wei­den« im kar­gen Schwei­zer Ju­ra die pracht­volls­ten Schmuck­stü­cke: Bald trug Ja­cky Ken­ne­dy ei­ne Pia­get-uhr mit grü­nem Ja­de-zif­fer­blatt, Liz Tay­lor schmück­te ihr Hand­ge­lenk mit ei­ner »Cuff Watch«, ei­ner mas­siv gol­de­nen Arm­span­ge mit in­te­grier­ter Uhr.

Bei den Ent­wür­fen re­de­te Yves Pia­get ger­ne mit. Und er be­such­te häu­fig die Ate­liers in La Cô­tes-au­xFées und spä­ter im neu­en Fir­men­sitz in Genf. Den Kunst­hand­wer­kern und Uhr­ma­chern fühl­te er sich eng ver­bun­den, denn sie sind das Ka­pi­tal des Un­ter­neh­mens. »Pia­get ist ja kein Mar­ke­ting­ge­bil­de, son­dern der Her­stel­ler feins­ter Uh­ren und Schmuck­stü­cke, des­sen Ex­per­ti­se über vie­le Jahr­zehn­te ge­wach­sen ist«, be­tont Yves Pia­get. Kon­kur­renz sind für ihn des­we­gen auch nicht die an­de­ren Uh­ren­mar­ken des Gen­fer Uh­ren­sa­lons, »die ha­ben die Uhr­ma­che­rei ja auch in ih­ren Ge­nen.« Nein, Kon­kur­renz, das sind für ihn die Lu­xus­mar­ken, die seit we­ni­gen Jah­ren ne­ben Par­fums, Mode und Hand­ta­schen auch Uh­ren un­ter ih­rem La­bel ver­kau­fen.

Aber so rich­tig auf­re­gen kann er sich dar­über nicht mehr. In sei­nem Le­ben pas­siert so viel an­de­res, was ihn be­schäf­tigt. Die Ro­sen­zucht ist sein liebs­tes Ste­cken­pferd und er ist ganz be­son­ders stolz dar­auf, dass ei­ne Züch­tung, die sei­nen Na­men trägt, vor über 30 Jah­ren beim In­ter­na­tio­na­len Wett­be­werb Neu­er Ro­sen den ers­ten Preis in drei Ka­te­go­ri­en er­rang. Die tief pink­far­be­ne Duft­ro­se ist bis heu­te ein Best­sel­ler im Blu­men­han­del. Wenn er al­le Äm­ter auf­zäh­len müss­te, die er in Mo­na­co und der Schweiz in ver­schie­de­nen Gre­mi­en und Ver­bän­den in­ne­hat, muss er auf­pas­sen, dass er nichts aus­lässt. Denn das Netz­wer­ken ist sei­ne ur­ei­gens­te Be­ga­bung. Und sein gan­zes Le­ben lang hat er sie im­mer zum Woh­le von Pia­get ein­ge­setzt. ———

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