Uhr­ma­cher in der Werk­statt

Un­se­re klei­nen me­cha­ni­schen Lieb­lin­ge brau­chen Pfle­ge. Und je­man­den, der sie auch ein­mal re­pa­rie­ren kann, wenn wir un­acht­sam wa­ren. Aber sie in frem­de Hän­de zu ge­ben, braucht Ver­trau­en. Das UH­REN-MA­GA­ZIN möch­te wis­sen, wer die Men­schen in den Werk­stät­ten

Uhren-Magazin - - Inhalt -

Ei­ne Uhr zum Ser­vice zu ge­ben, ist Ver­trau­ens­sa­che. Wir zei­gen die Men­schen, wel­che die klei­nen Lieb­lin­ge wie­der zum Lau­fen brin­gen.

——— Er sei durch die Hin­ter­tür in die Zen­tral­werk­statt von Wem­pe in Ham­burg ge­langt, ver­rät Mar­tin Schind­ler. Denn er war be­reits im Stu­di­um, als er fest­stel­len muss­te, dass das nichts für ihn ist. Das Er­geb­nis war ei­ne Kehrt­wen­de um 180 Grad. Aber auch die führ­te ihn noch nicht auf den di­rek­ten Kurs. Denn er woll­te ei­gent­lich et­was mit Holz ma­chen. »Die Uhr­ma­che­rei war rei­ner Zu­fall«, schüt­telt er heu­te et­was un­gläu­big lä­chelnd sei­nen Kopf. Doch dann er­gab sich al­les wie von selbst. Im glei­chen Be­trieb in In­gel­heim am Rhein, in dem er sei­ne Uhr­ma­cher­leh­re mach­te, wur­de er auch zum Gold­schmied aus­ge­bil­det. »Aber das Tech­ni­sche hat mir mehr Spaß ge­macht als das De­sign«. An­schlie­ßend ar­bei­te­te er dann im Rhein-main- Ge­biet. Sei es an­ge­stellt, in Teil­zeit oder selbst­stän­dig mit ei­nem Ge­schäft für Großuh­ren. Dann wur­de ihm klar, dass er weg woll­te vom Ein­zel­han­del. »Ich ha­be mich für Wem­pe ent­schie­den und we­der Ham­burg noch die Uhr­ma­che­rei je­mals be­reut.« In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat er sich zum Spe­zia­lis­ten für Ja­e­ger-le­coult­re ent­wi­ckelt. Auch hier wur­de aus Zu­fall Be­geis­te­rung. Denn sei­ne Leh­re hat­te er bei ei­nem Ja­e­gerLe­coult­re-kon­zes­sio­när ab­sol­viert und war so­gar ein­mal zum »best­ge­schul­ten Uhr­ma­cher im Ein­zel­han­del« ge­kürt wor­den. Seit­her sind wei­te­re Schu­lun­gen da­zu ge­kom­men. Die­se Schu­lun­gen hält er für sinn­voll und un­er­läss­lich, denn es gibt stän­dig neue Ka­li­ber und Kom­pli­ka­tio­nen und je­de hat ei­ge­ne Be­son­der­hei­ten bei der Ölung oder der Schmie­rung. Aber noch et­was nimmt ihn für die Schwei­zer Mar­ke ein. »Bei Ja­e­ger-le­coult­re wird vom Zif­fer­blatt aus das Werk kon­stru­iert, das ist schon fas­zi­nie­rend.« Ge­nau­so fas­zi­niert ihn das Su­chen von Feh­lern bei ei­ner Re­pa­ra­tur. Uh­ren aus­ein­an­der und wie­der zu­sam­men bau­en, das kön­ne man ler­nen. Aber den Feh­ler fin­den und be­he­ben, das ist das Be­son­de­re. Sein Lieb­lings­werk ist das der Me­mo­vox. »Ich ge­nie­ße die Ro­bust­heit der Kon­struk­ti­on und es ist wun­der­bar, wenn sie hin­ter­her wie­der toll klingt.« Und bis­her, da­bei klopft er drei­mal auf Holz, hat er noch je­de Uhr zum Lau­fen ge­bracht. Zwei Re­pa­ra­tu­ren sind ihm in be­son­de­rer Er­in­ne­rung ge­blie­ben. Zum ei­nen ei­ne Kut­schen­uhr mit ei­ner Schnur­zug-re­pe­ti­ti­on aus dem 17. Jahr­hun­dert, wel­che völ­lig ver­ros­tet war. Da steck­ten drei Wo­chen pau­sen­lo­se Ar­beit drin. Zum an­de­ren ein al­ter Chro­no­graph, bei dem das Über­tra­gungs­rad fehl­te. Das hat er aus rei­ner Freund­schaft kom­plett neu ge­fräst. Nach all den Jah­ren sieht er sei­nen Be­ruf heu­te sehr sach­lich. Lu­xus ist es für ihn schon, nicht an ei­nem Bild­schirm ar­bei­ten zu müs­sen. Die Eu­pho­rie ist mit der Zeit ein we­nig der Rou­ti­ne ge­wi­chen. Das ist aber auch gut: »Denn so macht mich die Re­pa­ra­tur ei­ner 100 000-Eu­ro-uhr nicht mehr ner­vös«. Ein schö­nes Kon­trast­pro­gramm zu der kon­zen­trier­ten Ru­he in der Werk­statt ist sein Hob­by. Da spielt er »in ei­ner ganz nor­ma­len Rock­band mit deut­schen Tex­ten«. Sei­nen E-bass hat er üb­ri­gens selbst ge­baut. ———

Pro­to­koll: Tho­mas Wan­ka

»Ei­ne 100 000 Eu­ro-uhr macht mich nicht mehr ner­vös.« Mar­tin Schind­ler, Uhr­ma­cher­meis­ter in der Ham­bur­ger Zen­tral­werk­statt bei Ju­we­lier Wem­pe

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