Der Zei­ten­schrei­ber

Uhren-Magazin - - Special - Tex t — Mar­ti­na Rich­ter/melissa Göß­ling /Gis­bert L. Brun­ner Fo­tos — Her­stel­ler

——— »Chro­no­graph« be­deu­tet so­viel wie: Zei­ten­schrei­ber. Den ers­ten Zei­ten­schrei­ber ent­wi­ckel­te Ni­co­las Rieus­s­ec. 1821 er­fass­te er mit ei­nem Tin­ten­chro­no­gra­phen die Run­den­zei­ten wäh­rend ei­nes Pfer­de­ren­nens. Beim Start des Stopp­vor­gangs drück­te der Be­nut­zer ei­ne mit Tin­te ver­se­he­ne Na­del­spit­ze auf ei­nen wei­ßen Email­ring mit Fünf­tel­se­kun­den-tei­lung, der sich pro Mi­nu­te ein­mal um sei­ne Ach­se dreh­te. Das En­de mar­kier­te dann ein wei­te­rer Tin­ten- klecks. Was wir heu­te un­ter ei­nem Chronograp­hen ver­ste­hen, ist im Wort­sinn ein Chro­no­skop: ein In­stru­ment, das die ge­stopp­te Zeit mit­hil­fe von Zei­gern dar­stellt.

1844 – Adol­phe Ni­co­le ent­wi­ckelt Null­stel­lung des Stopp­zei­gers

Schon bald nach Rieus­s­ecs Ap­pa­ra­tur gab es ver­klei­ner­te Ver­sio­nen mit un­ab­hän­gi­gem Se­kun­den­zei­ger. Wäh­rend die­ser be­lie­big an­ge­hal­ten und wie­der ge­star­tet wer­den konn­te, lie- fen die Mi­nu­ten und St­un­den un­be­irrt wei­ter. Al­ler­dings brauch­te es noch die wich­tigs­te Er­fin­dung von Adol­phe Ni­co­le aus dem Jahr 1844, da­mit ein Chro­no­graph kom­for­ta­bel ge­nutzt wer­den konn­te. Er ent­wi­ckel­te die Null­stel­lung des Stopp­zei­gers. Ei­ne wei­te­re Ver­ein­fa­chung war die Ein­füh­rung des ers­ten Zwei-drü­cker-chronograp­hen von Breitling 1934. Zu die­ser Zeit er­folg­te das Ein­und Aus­schal­ten der Stopp­funk­ti­on über ein Schalt­rad.

Der Chro­no­graph ist die wohl be­kann­tes­te Kom­pli­ka­ti­on ei­ner Arm­band­uhr. Was vie­le nicht wis­sen oder zu­min­dest un­ter­schät­zen, die Stopp­funk­ti­on ge­hört zu den kom­pli­zier­tes­ten Zu­satz­funk­tio­nen.

Die­ses be­steht aus ei­nem Sperr­rad mit drei­ecki­gen Zäh­nen, auf dem ein Kranz aus meh­re­ren senk­recht ste­hen­den Säu­len sitzt. Da­her wird das Schalt­rad auch Säu­len­rad ge­nannt. Wird der Drü­cker be­tä­tigt, dreht sich das Schalt­rad in ei­nem ge­nau de­fi­nier­ten Win­kel. Die Kraft­über­tra­gung ge­schieht auf re­la­tiv lan­gem Weg mit­hil­fe ei­nes Schalt­he­bels, an des­sen En­de der so­ge­nann­te Schalt­he­bel­ha­ken mo­bil be­fes­tigt ist.

Sein En­de wie­der­um greift in die un­te­ren Sperr­rad-zäh­ne des Schalt­rads und be­wegt die­ses bei je­dem Knopf­druck um ei­nen Zahn im Uhr­zei­ger­sinn. Da­mit wan­dern auch die Steu­er-säu­len samt ih­ren glei­cher­ma­ßen wich­ti­gen Zwi­schen­räu­men ent­spre­chend nach rechts, wenn sich der Schalt­zu­stand von »Ein« nach »Aus« oder um­ge­kehrt ver­än­dert.

Bei mo­der­nen Chronograp­hen ist das Schalt­rad meist zur An­sicht frei­ge­legt, so dass sich die Steu­er­vor­gän­ge durch ei­nen Glas­bo­den be­ob- ach­ten las­sen. Al­ler­dings ist das Schalt­rad recht kom­plex und da­her kos­ten­in­ten­siv in der Pro­duk­ti­on. Das Auf­kom­men des Stan­zens in der Her­stel­lung und die Zwei-drü­cker-kon­struk­ti­on von Breitling brach­ten ei­ne preis­güns­ti­ge Al­ter­na­ti­ve her­vor – die Ku­lis­sen­schal­tung.

Im Ge­gen­satz zum Säu­len­rad mit sei­nen klar de­fi­nier­ten Po­si­tio­nen und der Kom­pro­miss­lo­sig­keit zwi­schen den bei­den Schalt­zu­stän­den ba­siert die Ku­lis­sen- oder auch No­cken­schal­tung auf blo­ßer Win­kel­ver­schie­bung. In den 1940er-jah­ren ent­wi­ckel­te die Vé­nus SA ei­ne Kon­struk­ti­on, die den bis heu­te in ver­schie­de­nen Ab­wand­lun­gen ge­bräuch­li­chen Schalt­no­cken ein­führ­te. Da­durch äh­nel­te die Funk­ti­ons­wei­se der­je­ni­gen des klas­si­schen Chro­no­gra­phen­ka­li­bers mit Schalt­rad und zwei Drü­ckern. Der Kunst­griff be­stand in ei­nem mehr­tei­li­gen und auf zwei Ebe­nen mon­tier­ten He­bel­werk. Beim be­lieb­ten und weit ver­brei­te­ten Au­to­ma­tik­ka­li­ber Eta/val­joux 7750 be­steht der Schalt­no­cken aus ins­ge­samt drei Plätt­chen un­ter­schied­li­cher Gestalt, die in ei­ner be­stimm­ten Kon­fi­gu­ra­ti­on auf­ein­an­der be­fes­tigt sind. Durch Hin- und Her-be­we­gun­gen neh­men sie im Ver­bund mit et­li­chen He­beln und Fe­dern die ver­schie­de­nen Steu­er­funk­tio­nen wahr.

Ho­ri­zon­tal oder ver­ti­kal – je­de Kupp­lung hat ih­re Vor­tei­le

Wird al­so der Start-stopp-drü­cker be­tä­tigt, wird ent­we­der ein Schalt­rad oder der Schalt­no­cken um ei­ne Po­si­ti­on be­wegt. Da­durch schwenkt der Kupp­lungs­he­bel ein we­nig aus, so dass ein Zwi­schen­rad Mit­neh­mer­rad und Chro­no-zen­trums­rad mit­ein­an­der ver­bin­det. Der Chro­no­graph läuft.

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