Swatch ver­sus Sei­ko

Ge­hen gut und güns­tig zu­sam­men? Wir tes­ten Uh­ren, die ein Me­tall­ge­häu­se und ein haus­ei­ge­nes Werk bie­ten, aber we­ni­ger als 300 Eu­ro kos­ten. Das An­ge­bot an sol­chen Zeit­in­stru­men­ten ist über­schau­bar. Die Swatch Sis­tem51 Iro­ny Tux und die Sei­ko SRP772K1 stell

Uhren-Magazin - - Inhalt - Text — Me­lis­sa Göß­ling Fo­tos — Ok-pho­to­gra­phy, Her­stel­ler

was kann man von me­cha­ni­schen Uh­ren er­war­ten, die un­ter 300 Eu­ro kos­ten? Die Swatch Sis­tem51 Iro­ny Tux und die Sei­ko SRP772K1 ge­ben dar­auf im Ver­gleichs­test ei­ni­ge gu­te Ant­wor­ten.

——— Die Swatch Sis­tem51 Iro­ny sorg­te bei ih­rer Ein­füh­rung En­de 2016 für Auf­se­hen. End­lich, so konn­te man in Fo­ren le­sen, gibt es das in­no­va­ti­ve Au­to­ma­tik­werk ETA C10.111 in ei­ner Edel­stahl­scha­le. Die Be­son­der­heit des Ka­li­bers ist sei­ne voll­au­to­ma­ti­sche Fer­ti­gung und Ein­re­gu­lie­rung – und dass es aus le­dig­lich 51 Tei­len be­steht. Swatch ist für quietsch­bun­te Quarz­uh­ren in Kunst­stoff­ge­häu­sen be­kannt. Fol­ge­rich­tig kam das Au­to­ma­tik­werk 2016 in Plas­tik ge­hüllt. Uh­ren­fans hat das we­nig be­geis­tert, ob­wohl der Preis von rund 130 Eu­ro ver­lo­ckend war. Mit der Sis­tem51 Iro­ny bleibt Swatch güns­tig. Das teu­ers­te Mo­dell, un­se­re Te­stuhr Tux, kos­tet 210 Eu­ro.

We­nig Aus­wahl in der Preis­klas­se zwi­schen 200 und 300 Eu­ro

Das Blät­tern durch den UH­REN­MA­GA­ZIN Preis­füh­rer ent­hüllt, dass es kaum ver­gleich­ba­re An­ge­bo­te gibt. Wer nach ei­ner Stahl­uhr mit haus­ei­ge­nem Werk für we­nig mehr als 200 Eu­ro sucht, lan­det am En­de bei Sei­ko. Die ja­pa­ni­sche Ma­nu­fak­tur deckt je­de Preis­klas­se bei Arm­band­uh­ren ab und ver­steht sich auf die Her­stel­lung von me­cha­ni­schen und Quarz­uh­ren so­wie Uh­ren mit Funk-, So­lar- und Ki­ne­tik-an­trieb. Un­ser Test­modell SRP772K1 kratzt mit 299 Eu­ro preis­lich an der 300-Eu­roMar­ke. Für 200 bis 300 Eu­ro er­hält man auch ei­ne Uhr mit Quar­zan­trieb gän­gi­ger Mo­de­mar­ken. Die­se punk­ten beim Kun­den vor al­lem durch das Mar­ken­image und das De­sign, das stets ak­tu­el­le Trends auf­greift. Im Trend lie­gen der­zeit un­ter an­de­rem ver­gol­de­te Uh­ren.

Swatch und Sei­ko grei­fen mit den hier ge­tes­te­ten Mo­del­len die­sen Ge­schmack auf. Sei­ko wählt für die SRP772K1 ein sehr klas­si­sches De-

sign. Das Edel­stahl­ge­häu­se ist kom­plett mit ei­ner Rot­gold­auf­la­ge ver­se­hen und auf Hoch­glanz po­liert. Le­dig­lich die Ober­sei­ten der Band­an­stö­ße sind sa­ti­niert. Das sil­ber­far­be­ne Zif­fer­blatt trägt ein wel­len­för­mi­ges Re­lief, ge­bläu­te Blatt­zei­ger und rö­mi­sche Zif­fern. Die Mi­nu­ten­ska­la be­fin­det sich auf ei­nem tie­fer lie­gen­den, glän­zen­den Ring, ein klei­nes Da­tums­fens­ter sitzt auf der Po­si­ti­on der Drei. Das Zif­fer­blatt und das Ge­häu­se wir­ken sorg­fäl­tig ver­ar­bei­tet und ma­chen ei­nen hoch­wer­ti­gen Ein­druck. Den güns­ti­gen Preis sieht man der Uhr so nicht an, al­ler­dings ver­schafft Sei­ko der Uhr da­mit auch kein neu­es Ge­sicht – die De­si­gnele­men­te sind zu ste­reo­typ.

Das ge­lingt Swatch mit der Sis­tem51 Iro­ny Tux bes­ser. Mit Blick auf das Zif­fer­blatt hat man hier nicht so­fort das Ge­fühl, so et­was schon ein­mal ir­gend­wo ge­se­hen zu ha­ben. Das Wel­len­mus­ter ist zwar ein­fa­cher ge­stal­tet als bei Sei­ko, es wirkt da­durch aber ru­hi­ger und mo­der­ner. Da­zu pas­sen die tra­pez­för­mi­gen St­un­den­in­di­zes und

SEI­KO SRP772K1 Mit ei­ner Rot­gold­auf­la­ge für das Ge­häu­se, ei­nem ele­gan­ten Le­der­band und ei­nem klas­sisch ge­stal­te­ten Zif­fer­blatt kre­iert Sei­ko ei­ne Au­to­ma­tik­uhr, die teu­rer er­scheint, als sie tat­säch­lich ist.

die Mi­nu­ten­ska­la auf dem Hö­hen­ring. War­um die In­di­zes mit Leucht­mas­se ge­füllt sind, ist nicht klar. Denn die Zei­ger leuch­ten im Dun­keln nicht nach, so dass man die Zeit nur bei gu­ten Licht­ver­hält­nis­sen ab­le­sen kann. Auch op­tisch über­zeu­gen die Zei­ger nicht. Sie wur­den le­dig­lich aus­ge­stanzt und nicht wei­ter be­ar­bei­tet, wo­durch sie ein­di­men­sio­nal und flach er­schei­nen. Eben­so sim­pel fällt auch die Ge­häu­se­form aus: Die Band­an­stö­ße ge­hen kaum aus dem po­lier­ten Ge­häu­se­kor­pus her­vor, es gibt kei­ne Fa­cet­ten oder Ab­stu­fun­gen. So wirkt das Mo­dell am Hand­ge­lenk klo­bi­ger als die Sei­ko-uhr, ob­wohl bei­de im Durch­mes­ser 42 Mil­li­me­ter groß sind.

Die Bi­co­lor-op­tik ver­leiht der Tux mo­der­ne Ele­ganz

Ele­ganz er­hält die Tux vor al­lem durch die rot­gold­far­be­ne PVD-BE­schich­tung der Lü­net­te und ei­ni­ger Zwi­schen­glie­der des Edel­stahl­ban­des. Die­ses lässt sich im Üb­ri­gen mit et­was Ge­schick leicht selbst auf die pas­sen­de Län­ge kür­zen. Die ein­zel-

SWATCH SIS­TEM51 IRO­NY TUX Das au­to­ma­ti­sier­te In­nen­le­ben der Swatch- Uhr er­hält mit ei­nem Edel­stahl­ge­häu­se ei­nen pas­sen­den Rah­men. Rot­gold­far­be­ne Be­schich­tun­gen und ein Glie­der­band sor­gen für ei­nen ele­gan­ten Auf­tritt.

nen Band­seg­men­te sind ver­stif­tet und auf der Band­rück­sei­te zei­gen ein­ge­stanz­te Pfei­le, in wel­che Rich­tung sie her­aus­ge­scho­ben wer­den müs­sen. Die Dop­pel-falt­schlie­ße be­sitzt eben­falls ei­ne leicht zu be­die­nen­de Band­ver­län­ge­rung. Die Schlie­ße ist je­doch bis zum En­de un­se­res Tests schwer­gän­gig. Es braucht schon et­was Zug­kraft, um sie gänz­lich zu öff­nen. Da hat der Trä­ger der Sei­ko SRP772K1 es mit der schlich­ten Dorn­schlie­ße am Le­der­band leich­ter.

Sind die Uh­ren vom Hand­ge­lenk ge­löst, er­mög­li­chen die Sicht­bö­den den Blick auf die ein­ge­bau­ten Wer­ke. In der Sei­ko-uhr ar­bei­tet das Ma­nu­fak­tur-au­to­ma­tik­ka­li­ber na­mens 4R35. Zwar trägt es kei­ne auf­wän­di­gen Zier­schlif­fe, aber je­des Teil ist sorg­fäl­tig be­ar­bei­tet und die Sa­ti­nie­run­gen auf den Brü­cken sind sau­ber aus­ge­führt. Der durch­sich­ti­ge Kunst­stoff­bo­den der Tux lässt nicht so viel vom Werk er­ken­nen. Das liegt an den groß­flä­chi­gen Brü­cken aus ACARP, die mit ei­nem Schach­brett­mus­ter be­druckt wur­den. Le­dig­lich ein Teil des Fe­der­hau­ses, die Un­ruh und zwei Rä­der las­sen sich gut er­ken­nen.

Bei­de Mo­del­le müs­sen bei den Glä­sern auf Kunst­stof­fe set­zen

Op­tisch und beim Tra­ge­kom­fort er­for­dert ei­ner me­cha­ni­schen Uhr, die zwi­schen 200 und 300 Eu­ro liegt, al­so nur we­nig Kom­pro­miss­be­reit­schaft. So ent­schei­det vor al­lem der per­sön­li­che Ge­schmack, ob das De­sign ei­nes Mo­dells ge­fällt. Folg­lich sind die in­ne­ren Wer­te zu be­rück­sich­ti­gen.

Das ETA C10.111 wird kom­plett am Fließ­band her­ge­stellt, selbst die Fein­re­gu­lie­rung über­nimmt ein La­ser und kein Uhr­ma­cher. Das macht Mecha­nik­freun­de skep­tisch: Wie ge­nau kann dann ein sol­ches Uhr­werk über­haupt sein? Swatch ga­ran­tiert für sei­ne Sis­tem51 ei­ne Gang­ge­nau­ig­keit zwi­schen mi­nus fünf und plus 15 Se­kun­den am Tag. Un­se­re Te­stuhr Tux kommt auf der Zeit­waa­ge nach Voll­auf­zug auf ei­nen Wert von mi­nus 4,2 Se­kun­den am Tag. Am Hand­ge­lenk schlägt sie sich deut­lich bes­ser mit ei­nem Nach­gang von durch­schnitt­lich nur 0,37 Se­kun­den am Tag.

Al­ler­dings ist die­ser Wert nur mit Vor­sicht zu ge­nie­ßen, denn das ETAKa­li­ber be­sitzt kei­nen Se­kun­den­stopp. Ein se­kun­den­ge­nau­es Zeit­ein­stel­len ist al­so nicht mög­lich. Auch der be­kann­te Trick mit dem Dre­hen der Kro­ne ge­gen die Lauf­rich­tung des Uhr­werks lässt den Se­kun­den­zei­ger nicht so ein­fach zur vol­len Mi­nu­te an-

hal­ten. Ab­ge­se­hen da­von ist das Zei­ger­spiel der Sis­tem51 Iro­ny Tux so groß, dass beim Zu­rück­drü­cken der Kro­ne ins Ge­häu­se die Zei­ger un­wei­ger­lich im­mer et­was ver­rü­cken.

Da geht das Ein­stel­len der Zeit bei Sei­ko weit­aus kom­for­ta­bler von­stat­ten. Das Ka­li­ber 4R35 be­sitzt ei­nen Se­kun­den­stopp, die Kro­ne lässt sich kom­for­ta­bel in die ge­wünsch­ten Stel­lun­gen zie­hen und die Zei­ger auf die rich­ti­ge Uhr­zeit ein­stel­len. Die Gang­wer­te fal­len aber schlech­ter aus als bei der Swatch. Nach Voll­auf­zug mes­sen wir auf der Waa­ge ei­nen Vor­gang von 6,8 Se­kun­den am Tag. Am Hand­ge­lenk liegt der mitt­le­re täg­li­che Gang so­gar bei durch­schnitt­lich plus zehn Se­kun­den. Da­mit bleibt die SRP772K1 aber in dem von Sei­ko ga­ran­tier­ten Be­reich von plus/mi­nus zehn Se­kun­den.

Der Vor­teil ei­ner me­cha­ni­schen Uhr liegt in ih­rer Re­pa­rier­bar­keit

Die un­aus­ge­wo­ge­nen Gang­wer­te der bei­den Te­stuh­ren sind deut­li­che In­di­zi­en, wor­aus der Preis für güns­tig be­steht. Die Sis­tem51 Iro­ny Tux kann nur so güns­tig sein, weil sie kom­plett au­to­ma­ti­siert ent­steht. Das ent­hüllt der blo­ße Blick auf Ge­häu­se, Arm­band und Zif­fer­blatt. Im­mer­hin lässt sich, an­ders als bei der Kunst­stoff­ver­si­on, das Edel­stahl­ge­häu­se öff­nen und das Werk tau­schen. Dem nach­hal­ti­gen Grund­ge­dan­ken ei­ner me­cha­ni­schen Uhr ent­spricht das nicht ganz. Da­für punk­tet sie mit ih­rem Preis und dem mo­der­ne­ren De­sign. Die Sei­ko SRP772K1 über­zeugt mit klas­si­scher Op­tik, hoch­wer­ti­ger Ver­ar­bei­tung von Ge­häu­se, Werk und Band so­wie gu­tem Tra­ge­kom­fort. Ih­re Ge­samt­dar­stel­lung ist den hö­he­ren Ein­tritts­preis wert und so geht sie als Sie­ge­rin aus dem Wett­be­werb. ———

Be­wer­tung in der Preis­ka­te­go­rie bis 1 000 Eu­ro

Sei­ko 77 Punk­te von 100 Swatch 75 Punk­te von 100

Ele­gant: Beim Zif­fer­blatt setzt Sei­ko auf klas­si­sche Stil­ele­men­te wie rö­mi­sche Zif­fern und ge­bläu­te Zei­ger.

Stil­voll: Die ro­sé­gold­far­be­ne Lü­net­te und Band­ele­men­te har­mo­nie­ren mit den gold­far­be­nen Ak­zen­ten des Zif­fer­blatts.

Stan­dard: Sorg­fäl­tig ver­ar­bei­tet, aber oh­ne auf­wän­di­ge Fi­nis­sa­ge ver­rich­tet das Au­to­ma­tik­ka­li­ber 4R35 sei­nen Di­enst.

In­no­va­tiv: Das Au­to­ma­tik­ka­li­ber der Swatch be­steht aus nur 51 Tei­len und ist mit Hil­fe ei­nes La­sers ein­re­gu­liert.

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