Chris­to­phe Cla­ret

Seit über 30 Jah­ren wirkt Chris­to­phe Cla­ret als Spe­zia­list für gro­ße Kom­pli­ka­tio­nen im Hin­ter­grund. Doch sei­ne ei­ge­ne Mar­ke wird im­mer wich­ti­ger. In­spi­ra­ti­on für neue Uh­ren er­hält der Kon­struk­teur aus der Poe­sie, der Ge­schich­te und von Au­to­mo­bi­len.

Uhren-Magazin - - Inhalt - Text — Ka­trin Ni­ko­laus Fo­tos — Her­stel­ler

Er wirkt als Spe­zia­list für gro­ße Kom­pli­ka­tio­nen im Hin­ter­grund ver­schie­de­ner Mar­ken. Doch auch sei­ne ei­ge­ne wird für ihn im­mer wich­ti­ger.

——— Sehr vie­le Be­sit­zer von Uh­ren mit gro­ßen Kom­pli­ka­tio­nen tra­gen ein Stück Chris­to­phe Cla­ret an ih­rem Hand­ge­lenk, meist oh­ne es zu wis­sen. Be­vor der 54-jäh­ri­ge sei­ne ei­ge­ne Mar­ke grün­de­te, ent­wi­ckel­te er 30 Jah­re lang Wer­ke mit aus­ge­fal­le­nen Kom­pli­ka­tio­nen für nam­haf­te Un­ter­neh­men wie Ulys­se Nar­din oder Har­ry Wins­ton. »Ins­ge­samt ha­be ich be­reits für 65 Uh­ren­mar­ken ge­ar­bei­tet«, stellt Cla­ret im Ge­spräch mit dem UH­REN-MA­GA­ZIN fest.

Nach so viel Ar­beit im Hin­ter­grund nahm Cla­ret 2010 end­lich mit sei­nem ei­ge­nen Auf­tritt den ihm ge- büh­ren­den Platz ein. Kon­ge­nia­le Kol­le­gen wie Ro­ger Du­bu­is oder Richard Mil­le hat­ten dies schon vie­le Jah­re zu­vor ge­tan. Cla­ret da­ge­gen voll­zog den Schritt erst nach der Fi­nanz­kri­se, die 2009 auch die Uh­ren­bran­che kräf­tig beu­tel­te. Dies ge­schah ers­tens aus un­ter­neh­me­ri­schen Kal­kül. »Ich woll­te mit der Mar­ke ein zwei­tes Stand­bein schaf­fen, um ge­gen die Markt­schwan­kun­gen bes­ser ge­wapp­net zu sein.« Zwei­tens woll­te Cla­ret sei­ne Ide­en kom­pro­miss­lo­ser ver­wirk­li­chen, als das bis­her für sei­ne Auf­trag­ge­ber mög­lich war.

Ge­schick­ter Un­ter­neh­mer und vi­sio­nä­rer Kon­struk­teur

Vie­le sehr gu­te Uhr­ma­cher ha­ben die­sen Weg in der Ver­gan­gen­heit be­schrit­ten, doch für die meis­ten führ­te er bald in wirt­schaft­li­che Schwie­rig­kei­ten. Cla­ret ist sich ab­so­lut si­cher, dass ihm das nicht pas­sie­ren wird. Er selbst sieht sich als ge­lun­ge­ne – und sel­te­ne – Mi­schung aus Un­ter­neh­mer mit dem rich­ti­gen Rie­cher und vi­sio­nä­rem Kon­struk­teur.

Und der Er­folg gibt ihm Recht. Mit sei­ner 75 Köp­fe zäh­len­den Be­leg­schaft ar­bei­tet er seit Jahr­zehn­ten im Ma­noir du So­leil d’or, in ei­nem Guts­haus aus dem 19. Jahr­hun­dert, in der Nä­he des Schwei­zer Uh­ren­zen­trums Le Lo­cle. Das Haus spie­gelt auf char­man­te Wei­se die Hal­tung sei­nes Be­sit­zers wi­der: Im Erd­ge­schoss do­mi­niert der Stil des 19. Jahr­hun­derts mit al­ten Wand­tep­pi­chen und po­lier­ten Holz­ver­tä­fe­lun­gen. Im Kel­ler ste­hen da­ge­gen mo­der­ne Ma­schi­nen, die Tei­le für die Uh­ren pro­du­zie­ren. Im ers­ten und im zwei­ten Stock sit­zen die Uhr­ma­cher in mo­der­nen, hel­len Ate­liers an ih­ren Ti­schen und bau­en die hoch kom­ple­xen Zeit­mes­ser zu­sam­men. In­zwi­schen stel­len die Mit­ar­bei­ter zu 40 Pro­zent Uh­ren und Wer­ke für die ei­ge­ne Mar­ke her, das ist ei­ne stei­le Kar­rie­re für ei­nen neu­en Mar­ken­auf­tritt. Cla­ret ar­bei­tet ste­tig dar­an, dass es wei­ter berg­auf geht. Ver- gan­ge­nes Jahr war er stän­dig auf Rei­sen, um sei­ne Uh­ren in der gan­zen Welt vor­zu­stel­len.

Dem Spross ei­ner groß­bür­ger­li­chen Fa­mi­lie aus Lyon war ei­gent­lich ei­ne ganz an­de­re Lauf­bahn vor­her­be­stimmt: »Mei­ne El­tern woll­ten, dass ich ei­ne stan­des­ge­mä­ße, klas­si­sche fran­zö­si­sche Kar­rie­re ab­sol­vie­re.« In Frank­reich, wo die Eli­te ger­ne un­ter sich bleibt, be­deu­tet das: Be­such ei­nes der Spit­zen­gym­na­si­en, dann Stu­di­um an ei­ner der so­ge­nann­ten »Gran­des Écoles«, wo die zu­künf­ti­gen Ma­na­ger und Füh­rungs­kräf­te von In­dus­trie und Po­li­tik aus­ge­bil­det wer­den. Doch nach­dem der 12-jäh­ri­ge Chris­to­phe ei­nen Uh­ren­re­stau­ra­teur in sei­ner Hei­mat­stadt Lyon be­sucht hat­te, wuss­te er, was er ei­nes Ta­ges ma­chen wird: Uh­ren kon­stru­ie­ren und bau­en. »Ich war nie der Jun­ge, der sich für Fuß­ball oder an­de­ren Kin­der­kram in­ter­es­siert«, er­klärt Cla­ret die­se frü­he Be­ru­fung.

Im weit­läu­fi­gen Schloss sei­ner El­tern gab es ei­ne gro­ße Werk­statt und dort war der jun­ge Chris­to­phe in der Re­gel an­zu­tref­fen. Hier nahm er al­le Uh­ren, de­rer er hab­haft wer­den konn­te, aus­ein­an­der und setz­te sie wie­der zu­sam­men. Und er re­pa­rier­te Mo­tor­rä­der, »da­mit bes­ser­te ich mein Ta­schen­geld auf.« Die männ­li­che Ju­gend Frank­reichs in den 70er­und frü­hen 80er-jah­ren ver­gnüg­te sich vor­zugs­wei­se beim Mo­to­cross und hier bil­de­te auch Chris­to­phe kei­ne Aus­nah­me. Bis er 28 Jah­re alt war, fuhr er nur Mo­tor­rad und be­saß gar kein Au­to. »Ich wür­de ja heu­te noch ger­ne fah­ren, aber ich ha­be ers­tens kei­ne Zeit und dann ist es auch zu ge­fähr­lich, schließ­lich ha­be ich drei klei­ne Kin­der und ei­nen er­wach­se­nen Sohn«, sagt Cla­ret.

Doch zu­rück zu den Uh­ren: Mit 16 Jah­ren ver­ließ Cla­ret das Gym­na­si­um und ging ganz al­lei­ne in die Schweiz, wo er in Genf die Uhr­ma­cher­schu­le, die be­rühm­te Éco­le d’hor­lo­ge­rie, be­such­te. Der jun­ge

Cla­ret war zu die­ser Zeit be­reits sehr selbst­stän­dig und ver­gnüg­te sich in sei­ner Frei­zeit mit sei­nen Mit­schü­lern, die meist eben­falls nicht aus Genf stamm­ten. »Ich war trotz­dem re­la­tiv häu­fig zu­hau­se, es war ja kei­ne wei­te Rei­se nach Lyon«, er­in­nert er sich an die­se Zeit.

Als Spe­zia­list für Kom­pli­ka­tio­nen ar­bei­tet Cla­ret auch für an­de­re

Nach sei­ner Aus­bil­dung ging der jun­ge Uhr­ma­cher zu­nächst nach Lyon zu­rück und re­stau­rier­te his­to­ri­sche Uh­ren. 1987 be­such­te er die Uh­ren­mes­se in Ba­sel, wo er Rolf Schny­der traf. Der Schwei­zer Ge­schäfts­mann hat­te ge­ra­de die al­te Mar­ke Ulys­se Nar­din wie­der­be­lebt und gab Cla­ret sei­nen ers­ten gro­ßen Auf­trag: Er be­stell­te 20 Uh­ren mit Mi­nu­ten­re­pe­ti­ti­on, spä­ter be­kannt un­ter dem Na­men San Mar­co. So be­gann die jahr­zehn­te­lan­ge Zu­sam­men­ar­beit mit der Mar­ke Ulys­se Nar­din, die bis heu­te an­dau­ert, auch wenn das Un­ter­neh­men seit 2014 zum Lu­xus­kon­zern Ke­ring ge­hört. Zu­sam­men mit den Kon­struk­teu­ren Do­mi­ni­que Ren­aud und Gi­ulio Pa­pi grün­de­te Chris­to­phe Cla­ret 1987 die Fir­ma RPC, die sich auf die Kon­struk­tio­nen von Kom­pli­ka­tio­nen für gro­ße Uh­ren­her­stel­ler spe­zia­li­sier­te. 1992 wur­de Cla­ret zum Al­lein­in­ha­ber und be­nann­te sie in Chris­to­phe Cla­ret SA um. Der als Wor­kaho­lic be­kann­te Cla­ret be­sitzt au­ßer­dem die Fir­ma Je­an Dun­and.

Angst um sei­nen Er­folg hat Cla­ret wäh­rend sei­ner ge­sam­ten Lauf­bahn noch nie ge­habt. »Wä­re ich in die USA aus­ge­wan­dert und hät­te dort ein Un­ter­neh­men hoch­ge­zo­gen, wä­re ich längst Mil­li­ar­där«, sagt er, und es hört sich tat­säch­lich wie ei­ne Fest­stel­lung und nicht wie ei­ne Be­haup­tung an. Da­bei geht es ihm gar nicht ums Geld. »Mei­ne In­spi­ra­ti­on kommt über­haupt nicht aus der Uhr­ma­che­rei, son­dern aus der Poe­sie, der Ge­schich­te, von Au­to­mo­bi­len und der Raum­fahrt, so­gar aus der Ma­gie.« Wenn Cla­ret ei­ne Idee für ei­ne neue Uhr hat, geht er das vol­le Ri­si­ko ein, denn es han­delt sich im­mer um Kom­pli­ka­tio­nen, die es in die­ser Form noch nie ge­ge­ben hat.

Und wenn es funk­tio­niert, fol­gen die an­de­ren, das hat er schon häu­fig er­lebt. Cla­ret ist ein auf­merk­sa­mer Be­ob­ach­ter, geht über­all hin, wo er et­was In­ter­es­san­tes ent­deckt und bil­det sich stän­dig wei­ter, in der Kunst, in der Mecha­nik und an­de­ren Ge­bie­ten. Ei­nen ge­ho­be­nen Le­bens­stil pflegt er so­zu­sa­gen aus Tra­di­ti­on – mit sei­ner Fa­mi­lie be­wohnt er ein Schloss in Frank­reich.

Cla­ret ent­wi­ckelt Kom­pli­ka­tio­nen spe­zi­ell für Da­men­uh­ren

Die Uh­ren, die sei­nen Na­men tra­gen, zeu­gen vom Ide­en­reich­tum ih­res Er­fin­ders. So hat Cla­ret ei­ni­ge der schöns­ten Da­men­uh­ren kon­stru­iert. »Ich ha­be mei­nen Kun­den frü­her häu­fig Kom­pli­ka­tio­nen spe­zi­ell für Da­men­uh­ren an­ge­bo­ten, doch die ha­ben im­mer ab­ge­wun­ken, für so et­was sei der Markt nicht groß ge­nug.« Wie so häu­fig, be­weist Cla­ret das Ge­gen­teil. Die Mar­gue­ri­te ist ei­ne der kom­pli­zier­tes­ten Uh­ren über­haupt. Sie be­steht aus 730 Tei­len und auf Knopf­druck er­scheint ei­ne ge­hei­me Lie­bes­bot­schaft, die der Käu­fer selbst vor­ge­ben kann. Auf der Rück­sei­te bie­tet sich der Trä­ge­rin ei­ne me­cha­ni­sche Va­ri­an­te des Spiels »Er liebt mich, er liebt mich nicht«. Ver­spielt sind aber auch die Her­ren­uh­ren der Li­nie Ga­ming: Die Trä­ger der gleich­na­mi­gen Uh­ren kön­nen Black Jack, Po­ker oder Bac­ca­ra auf dem Zif­fer­blatt spie­len. Be­rühmt ist Cla­ret auch für akus­ti­sche Kom­pli­ka­tio­nen, die von An­fang an sein Mar­ken­zei­chen wa­ren.

Um sein Un­ter­neh­men wei­ter aus­bau­en zu kön­nen, plant Chris­to­phe Cla­ret den Ver­kauf von 25 Pro­zent der Fir­men­an­tei­le noch in die­sem Jahr. Da­mit kann er si­cher ge­hen, auch in Zu­kunft sei­ne Ide­en in Form von neu­en Kom­pli­ka­tio­nen um­zu­set­zen. Nicht um­sonst lau­tet sein Mot­to: »In der Uhr­ma­che­rei ist be­reits al­les er­fun­den und muss noch al­les er­fun­den wer­den.« ———

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.