Gen­fer Ei­gen­ge­wächs

Uhren-Magazin - - Journal -

Der Uhr­ma­cher An­toi­ne Pre­zi­u­so ver­wirk­licht sei­ne krea­ti­ven Ide­en in Ein­zel­stü­cken für ech­te Uh­ren­lieb­ha­ber.

——— Seit et­wa 20 Jah­ren tre­ten Uhr­ma­cher, die zu­vor eher im Hin­ter­grund Kom­pli­ka­tio­nen für gro­ße Mar­ken kon­stru­iert ha­ben, aus dem Schat­ten und ver­mark­ten ih­re Uh­ren un­ter ei­ge­nem Na­men. Chris­to­phe Cla­ret, Richard Mil­le, Pe­ter Spea­k­eMa­rin oder Franck Mu­el­ler sind nur ei­ni­ge Bei­spie­le. Vie­le kom­men nach ei­ni­gen Jah­ren der Selbst­stän­dig­keit auch un­ter das schüt­zen­de Dach ei­nes Kon­zerns. An­toi­ne Pre­zi­u­so ge­hört zu den Ein­zel­kämp­fern in der Uh­ren­bran­che. Seit 1991 gibt es sei­ne Uh­ren­mar­ke. Vor der Fi­nanz­kri­se 2009 pro­du­zier­te er bis zu 900 Uh­ren im Jahr. Seit­her ist Pre­zi­u­so wie­der zu sei­nen Wur­zeln zu­rück­ge­kehrt. Vie­le Uh­ren sind Uni­ka­te, von ei­ni­gen Mo­del­len stellt er Klein­se­ri­en her. Die Fra­ge der Li­mi­tie­rung, mit der gro­ße Mar­ken oft künst­lich be­müht In­di­vi­dua­li­tät her­stel­len wol­len, stellt sich hier gar nicht.

Die schwei­ze­ri­sche Hei­mat hat Pre­zi­u­so sehr ge­prägt

Pre­zi­u­so wächst in den 1950er-jah­ren mit­ten in ei­nem al­ten Uhr­ma­cher­vier­tel von Genf auf. »Wenn ich in den Gas­sen spiel­te, be­dien­te ich mich der aus­ran­gier­ten Uten­si­li­en und Tei­le von Uh­ren­wer­ken, die die klei­nen Uhr­mach­er­werk­stät­ten zur Ent­sor­gung vor ih­re Tür stell­ten«, er­in­nert er sich. Sein Va­ter ar­bei­te­te bei ei­nem Uh­ren­her­stel­ler und er zeig­te sei­nem Sohn, wie man das Uhr­werk ei­ne We­ckers oder ei­ner Pen­del­uhr aus­ein­an­der­nimmt und wie­der zu­sam­men­setzt. Das mach­te ihm gro­ßen Spaß, und die­se frü­hen Er­fah­run­gen ver­an­lass­ten den Te­enager An­toi­ne, ei­ne Aus­bil­dung in der be­rühm­ten Gen­fer Uhr­ma­cher­schu­le zu ab­sol­vie­ren.

Vier Jah­re lang lern­te er dort. In die­ser Zeit zog es ihn im­mer wie­der zu den Uhr­ma­chern in sei­nem al­ten Vier­tel. Hier traf er auch, oh­ne es zu wis­sen, auf spä­ter welt­be­rühm­te und er­folg­rei­che Uhr­ma­cher wie Gé­rald Gen­ta. Gen­tas Uh­ren ge­fie­len ihm sehr und er bat, bei ihm ar­bei­ten zu dür­fen. »Doch er ant­wor­te­te, ich sol­le erst mal die Schu­le fer­tig ma­chen«, er­zählt Pre­zi­u­so.

Pre­zi­u­so ist ein be­gna­de­ter Er­zäh­ler. Man könn­te ihm stun­den­lang zu­hö­ren, wenn er Ge­schich­ten aus sei­ner Ver­gan­gen­heit schil­dert. Er ist Ro­man­ti­ker, Kunst­lieb­ha­ber und ein rea­lis­ti­scher Träu­mer – denn die meis­ten sei­ner Ide­en ver­wirk­licht er auch. Das Know-how er­warb der jun­ge Uhr­ma­cher in den zwei Jah­ren sei­ner Tä­tig­keit bei Pa­tek Phil­ip­pe. Da er Jahr­gangs­bes­ter war, zö­ger­te das tra­di­ti­ons­rei­che Haus nicht, den No­vi­zen ein­zu­stel­len. »Ich lern­te sehr viel, vor al­lem, was Qua­li­tät be­deu­tet und wie Kom­pli­ka­tio­nen funk­tio­nie­ren«, be­schreibt er die­se Zeit. Es sei pu­res Ver­gnü­gen ge­we­sen, doch ei­nes Ta­ges un­ter­hielt er sich mit ei­nem Kol­le­gen, der kurz vor dem Ru­he­stand war. »Er mein­te, ich wür­de mich wun­dern, wie schnell die Zeit ver­geht«, er­in­nert sich Pre­zi­u­so. Das war der Aus­lö­ser für ei­ne Wen­de im Le­ben: Er kün­dig­te und ging mit sei­ner Freun­din und spä­te­ren Ehe­frau auf Rei­sen. »Ich woll­te mein Le­ben nicht in ei­ner Fa­b­rik ver­brin­gen.«

Sein Weg führ­te ihn nach ei­ni­ger Zeit wie­der zu­rück nach Genf, doch ei­ne Fest­an­stel­lung reiz­te ihn nicht mehr. Er mach­te sich selbst­stän­dig, re­pa­rier­te al­te Uh­ren von An­ti­qui­tä­ten­händ­lern und vom Floh­markt, die da­durch teu­rer ver­kauft wer­den konn­ten. Eher ne­ben­bei ent­warf er sei­ne ers­ten ei­ge­nen Uh­ren. Ei­nes der ers­ten Mo­del­le über­haupt, die Sie­na, stellt er bis heu­te her. Die Ein­zei­ge­ruhr ist der Turm­uhr in Sie­na nach­emp­fun­den. Als er sie auf der Ba­sel­world am Stand der un­ab­hän­gi­gen Uhr­ma­cher zeig­te, be­kun­de­te ein ja­pa­ni­scher Ge­schäfts­mann In­ter­es­se und woll­te 200 Stück be­stel­len. Pre­zi­u­so war er­schro­cken und re­agier­te ab­weh­rend. Sei­ne Frau stand ne­ben ihm und sag­te so­fort zu: »Das ma- chen wir, das schaf­fen wir.« Und so kam die Mar­ke An­toi­ne Pre­zi­u­so in Gang, die bis heu­te in Ja­pan vie­le Lieb­ha­ber hat.

Pre­zi­u­so ent­wi­ckelt sel­te­ne Kom­pli­ka­tio­nen

Gro­ße Auf­trä­ge folg­ten: Ei­ne nam­haf­te Uh­ren­mar­ke be­stell­te ei­ne Uhr mit Re­pe­ti­ti­ons­schlag­werk und mit Ewi­gem Ka­len­der, ei­ne bis da­hin nicht er­reich­te Kom­bi­na­ti­on höchs­ter Uhr­macher­kunst. Pre­zi­u­so kon­stru­ier­te die ers­ten Uh­ren mit Kom­pli­ka­tio­nen für Har­ry Wins­ton, als die Mar­ke Uh­ren in ihr Pro­gramm auf­nahm. Heu­te ar­bei­tet Pre­zi­u­so kaum noch für an­de­re Mar­ken. Er ist da­mit aus­ge­las­tet, sei­ne ei­ge­nen Ide­en zu ver­wirk­li­chen. Ein­zel­kämp­fer ist er aber nicht mehr: Sein Sohn Flo­ri­an ist mitt­ler­wei­le selbst Uhr-

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