Licht ins Dun­kel

Preis­span­ne zwi­schen 499 Eu­ro und 1 000 000 Eu­ro

Uhren-Magazin - - Wissen - Text — Sa­bi­ne Zwett­ler Fo­tos — Her­stel­ler

——— Der Be­griff »Ske­let­tie­ren« ist viel­leicht der miss­ver­ständ­lichs­te Fach­ter­mi­nus der Fein­uhr­ma­che­rei: Für Ah­nungs­lo­se klingt er nach schar­fem chir­ur­gi­schem Werk­zeug, frei­lie­gen­den Kno­chen und nach Geis­ter­stun­de. Ken­ner und Lieb­ha­ber as­so­zi­ie­ren mit dem Aus­druck hin­ge­gen ei­ne vir­tuo­se Hand­werks­kunst, de­ren Zweck in der Ver­schö­ne­rung je­des De­tails liegt. Denn da Uh­ren­fans oft tech­nik­ver­ses­sen bis an die Gren­ze des Voy­eu­ris­mus’ sind, wol­len sie ganz ge­nau wis­sen, was sich so al­les un­ter dem Zif­fer­blatt ver­birgt und wie die ein­zel­nen Tei­le mit­ein­an­der zu­sam­men­hän­gen. Die kom­ple­xe Mecha­nik des Uhr­werks, in dem sich Dut­zen­de, größ­ten­teils win­zig klei­ne Kom­po­nen­ten, die nur un­ter der Uhr­ma­cher­lu­pe sicht­bar wer­den, an­ein­an­der­fü­gen und im per­fek­ten Zu­sam­men­spiel die Zeit an­zei­gen, ver­setzt Afi­cio­na­dos an sich schon in hel­le Be­geis­te­rung. Noch grö­ßer ist die Eu­pho­rie, wenn es sich da­bei um ein ske­let­tier­tes Uhr­werk han­delt. Bei die­ser tra­di­tio­nel­len Hand­werks­kunst, in der Welt der Hau­te Hor­lo­ge­rie seit dem 18. Jahr­hun­dert ge­pflegt, wird je­de ein­zel­ne Kom­po­nen­te aus­ge­sägt und von über­flüs­si­gem Ma­te­ri­al be­freit, – so

Ske­let­tier­te Uh­ren de­mons­trie­ren gro­ße Kunst im Klei­nen: Da die per se schon fi­li­gra­nen Uhr­werks­tei­le bis auf ih­re tra­gen­de Grund­sub­stanz durch­bro­chen wer­den, ge­wäh­ren die­se Zeit­mes­ser fas­zi­nie­ren­de Ein­bli­cke in ih­ren mi­kro­me­cha­ni­schen Kos­mos. Heu­te gibt es Ske­let­tie­run­gen in gro­ßer Viel­falt. Sie be­to­nen den in­di­vi­du­el­len Cha­rak­ter ei­ner Mar­ke und ei­nes Zeit­mes­sers und ver­ra­ten die per­sön­li­che Hand­schrift des Künst­lers.

dass die Funk­ti­on der ein­zel­nen Tei­le nicht nur er­kenn­bar, son­dern zu­sätz­lich in vol­ler Schön­heit in Sze­ne ge­setzt wird. Je kom­pli­zier­ter die Uhr, des­to bes­ser. Zum Bei­spiel, wenn die win­zig klei­nen Häm­mer­chen ei­ner Re­pe­ti­ti­on zum Vor­schein kom­men. Oder das Säu­len­rad im Chro­no­gra­phen­werk, die Schal­tung beim Groß­da­tum, der Auf­zug über Schne­cke und Ket­te und so wei­ter.

Ge­duld, Ex­per­ti­se und Fin­ger­fer­tig­keit

Um Licht ins Dun­kel zu brin­gen, be­trei­ben die Künst­ler, die hin­ter die­sen »gro­ßen« klei­nen Meis­ter­wer­ken ste­cken, ei­nen Auf­wand, der sie an die Gren­ze des tech­nisch Mach­ba­ren führt und viel Ge­duld er­for­dert. Zu­nächst mar­kie­ren sie die Um­ris­se des De­signs mit ei­ner Na­del. Nach dem An­brin­gen fei­ner Boh­run­gen wird un­be­nö­tig­tes Ma­te­ri­al mit ei­ner spe­zi­el­len Laub­sä­ge ent­fernt. Da­bei gilt es zu be­ach­ten, dass die Fes­tig­keit der tra­gen­den Tei­le, al­so der Pla­ti­ne, der Brü­cken und der Klo­ben, er­hal­ten bleibt, um ih­re Funk­ti­on zu ge­währ­leis­ten. In die­sem Sin­ne ver­langt das Ske­let­tie­ren mehr als nur vir­tuo­se hand­werk­li­che Fer­tig­kei­ten und ein gut ge­schul­tes Au­ge, son­dern auch das tech­ni­sche Wis­sen um den Auf­bau des Werks und den Kraft­fluss und die -über­tra­gung dar­in. Die Di­men­sio­nen, in­ner­halb de­rer sie agie­ren, lie­gen bei Bruch­tei­len von Mil­li­me­tern. Glei­ches gilt für die dar­auf fol­gen­den Ar­beits­schrit­te wie das An­glie­ren der Kan­ten und das Gra­vie­ren der ver­blie­be­nen Ober­flä­chen. Die Qua­li­tät der Ske­let­tie­rung lässt sich an der lie­be­vol­len Gestal­tung der Win­kel, Ecken und Schnitt­stel­len so­wie der De­ckungs­gleich­heit über­ein­an­der­lie­gen­der Tei­le er­ken­nen. Des­we­gen gilt das Ske­let­tie­ren per Hand auch als Kö­nigs­dis­zi­plin. Bei­na­he al­le Hau­te-hor­lo­ge­rie-mar­ken pfle­gen die­se no­ble Tra­di­ti­on im ei­ge­nen Haus. Oft un­ter­hal­ten sie spe­zi­el­le Ate­liers, in de­nen die fi­li­gra­nen Krea­tio­nen ent­ste­hen, die dem­ent­spre­chend teu­er sind. Die ge­stie­ge­ne Nach­fra­ge nach sol­chen Meis­ter­wer­ken in den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat da­für ge­sorgt, dass es auch vom Her­stel­ler ske­let­tier­te oder vorske­let­tier­te Wer­ke gibt, bei de­nen die Pla­ti­nen und Brü­cken be­reits aus­ge­stanzt sind. Funk­ti­on und Tech­nik be­ein­träch­tig die Se­ri­en­fer­ti­gung nicht. Was zwangs­läu­fig dar­un­ter lei­det, sind je­doch die hand­werk­li­che Di­men­si­on und die in­di­vi­du­el­le Hand­schrift des Künst­lers. Apro­pos Künst­ler: Der Initia­tor hin­ter die­ser stil­bil­den­den Äs­the­tik soll kein Ge­rin­ge­rer als Abra­ham-lou­is Bre­guet ge­we­sen sein. Sein ske­let­tier­ter Ge­nie­streich war die be­rühm­te Ta­schen­uhr »Ma­rie An­toi­net­te«, die er im Auf­trag der fran­zö­si­schen Kö­ni­gin ge­schaf­fen hat­te. [7593] ———

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