Sinn Spe­zi­al­uh­ren

Uhren-Magazin - - Inhalt - In­ter­view — Mar­ti­na Rich­ter Fo­tos — Vol­ker Wieg­mann

Seit ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert lei­tet Lothar Schmidt als In­ha­ber und Ge­schäfts­füh­rer die Ge­schi­cke der Frank­fur­ter Uh­ren­schmie­de. Wir spra­chen mit ihm über Sinn und sei­ne Er­fah­run­gen in der Welt der Uh­ren.

Lothar Schmidt ist seit 25 Jah­ren Ge­schäfts­füh­rer und In­ha­ber der Fir­ma Sinn Spe­zi­al­uh­ren in Frank­furt am Main. An­lass ge­nug, ihn in sei­nem Un­ter­neh­men am neu­en Stand­ort im Stadt­teil Sos­sen­heim zu be­su­chen und nach sei­nen Er­fah­run­gen und Er­leb­nis­sen und vor al­lem nach der Zu­kunft zu fra­gen.

Herr Schmidt, wenn sie 25 Jah­re Re­vue pas­sie­ren las­sen, wel­che Er­leb­nis­se sind am nach­hal­tigs­ten?

Die Über­nah­me der Fir­ma 1994 und das Jahr da­nach so­wie der Um­zug an den neu­en Stand­ort und das Jahr da­nach. Zwei ein­schnei­den­de Er­eig­nis­se für mich per­sön­lich, weil ich nicht al­les vor­aus­se­hen konn­te, was letzt­end­lich kam, und vie­les kam an­ders, als ich es vor­hat­te. Der Um­zug an den neu­en Stand­ort war eben nicht nur ein Um­zug. Wir muss­ten uns in dem neu­en Ge­bäu­de neu fin­den, das ha­be ich völ­lig un­ter­schätzt. Im Üb­ri­gen ha­ben wir jetzt ei­nen »Dorf­brun­nen«, so nen­ne ich un­se­re Kaf­fee­stel­le, da trifft sich heu­te je­der mit je­dem zu ei­nem gu­ten Ge­spräch.

Wo­her kam denn die Idee für das neue Ge­bäu­de nach mehr als 20 Jah­ren?

Das al­te wur­de ein­fach zu klein. Wir hät­ten auf­sto­cken oder grö­ßer mie­ten kön­nen. Der Neu­bau er­schien uns als die bes­te Lö­sung. Heu­te sind wir stolz dar­auf, das Ge­bäu­de selbst ent­wor­fen und ge­stal­tet zu ha­ben und be­kom­men von al­len Sei­ten nur po­si­ti­ves Feed­back.

Und was war 1994 so ein­schnei­dend?

Es ist ja be­kannt, dass ich das Un­ter­neh­men von Hel­mut Sinn über­nom­men ha­be. Er führ­te ei­ne klei­ne Fir­ma un­ter sei­nem Fa­mi­li­en­na­men, den ich auch bei­be­hielt. Es

gab kei­nen Grund, dies zu än­dern. Wir wa­ren schon lan­ge vor­her in gu­tem Kon­takt, und die Über­ga­be­mo­da­li­tä­ten wa­ren ge­klärt. Ge­plant war ei­ne zeit­lich ver­setz­te Über­nah­me – we­gen der Fi­nan­zie­rung. Aber es kam eben an­ders. Die Über­nah­me er­folg­te zum 1. Sep­tem­ber 1994 kom­plett, und ich war über Nacht so ei­ne Art »Schul­den­mil­lio­när«, wie ich das heu­te mit ei­nem Lä­cheln sa­gen kann. Im Nach­hin­ein er­wies sich der Weg zwar als der bes­se­re, aber hät­te ich ge­wusst, was auf mich zu­kommt, hät­te ich mich viel­leicht nicht ge­traut. Manch­mal ist es bes­ser, wenn man Din­ge vor­her nicht weiß. Aber ich ha­be die Fi­nan­zie­rung ge­schafft.

LOTHAR SCHMIDT ÜBER SINN SPE­ZI­AL­UH­REN

Er­in­nern Sie sich an den ers­ten gro­ßen Er­folg?

Es war der Schritt raus aus den rein tech­ni­schen Uh­ren, als wir die Fi­nanz­platz­uhr ent­wi­ckel­ten. Den Na­men hielt ich für kom­pli­ziert. Dass die Fi­nanz­platz­uhr, Re­fe­renz 6000 – in­zwi­schen ha­ben wir ei­ne gan­ze Fa­mi­lie dar­aus ent­wi­ckelt – jah­re­lang das er­folg­reichs­te Mo­dell der gan­zen Kol­lek­ti­on wer­den wür­de, hät­te ich so nicht ein­ge­schätzt. Wir ha­ben zum ers­ten Mal Frank­furt am Main auf die Uhr ge­schrie­ben. Das kommt bis heu­te sehr gut an.

Das ist in­ter­es­sant zu hö­ren. Nimmt man Sinn Spe­zi­al­uh­ren nicht – wie es der Na­me in sich trägt und wie Sie es als Ei­gen­tü­mer und Ge­schäfts­füh­rer ganz per­sön­lich mit vie­len Ent­wick­lun­gen auch ze­le­brie­ren – als Tech­no­lo­gie-mar­ke wahr?

Ja klar, von An­fang an. Hel­mut Sinn, selbst Pi­lot und Flug­leh­rer, führ­te als Haupt­pro­duk­te Flie­ge­ruh­ren. Er wuss­te, wie wich­tig das In­stru­ment Uhr ist, hat aber nie sel­ber Uh­ren ent­wi­ckelt, son­dern aus der Schweiz die bes­ten Qua­li­tä­ten ge­kauft. Die Re­fe­ren­zen 103, 140, 142 und 144 ge­hen auf sei­ne Uh­ren zu­rück. Wir ha­ben sie un­ter Bei­be­hal­tung der For­men, aber mit den mir be­kann­ten mo­der­nen Tech­no­lo­gi­en neu- und wei­ter­ent­wi­ckelt. Sinn Spe­zi­al­uh­ren war die Mar­ke, bei der ich das, was ich zu­vor an Er­fah­run­gen ge­sam­melt hat­te – in der Aus­bil­dung zum Werk­zeug­ma­cher und beim Ma­schi­nen­bau­stu­di­um, als Kon­struk­teur und Tech­ni­scher Di­rek­tor ei­ner Ge­häu­se­fa­brik, vor al­lem aber als Pro­duk­ti­ons­lei­ter der IWC – wei­ter­le­ben konn­te. Ma­gnet­feld­schutz, zum Bei­spiel, war ein The­ma, das hat mich schon mit der In­ge­nieur bei der IWC tan­giert. Es gab ei­ni­ge Ide­en – Ge­häu­se­här­tung zum Bei­spiel oder Hydro­tech­no­lo­gie – die ich schon in der Schub­la­de hat­te, in ei­nem gro­ßen Un­ter­neh­men aber nicht so ein­fach um­set­zen konn­te, erst spä­ter dann in mei­nem ei­ge­nen Be­trieb.

Wir hat­ten ein Mo­dell mit dem Le­ma­nia-werk 5100, und ich ha­be mich im­mer ge­fragt, war­um das län­ger läuft, üb­ri­gens auch heu­te noch, als ein Val­joux 7750. Es hat­te ei­ne Pla­ti­ne aus Kunst­stoff, die war bei den Uhr­ma­chern nicht so gut an­ge­se­hen, aber bei den Kun­den. Die Pla­ti­ne konn­te Feuch­tig­keit auf­neh­men. So kam ich auf die Idee, et­was zu tun, um die Uhr tro­cken zu hal­ten. Es ent­stand »Wir ha­ben Tech­no­lo­gi­en, die an­de­re nicht ha­ben. Das hebt uns ab und macht uns fit für die Zu­kunft.«

un­se­re Tro­cken­hal­te­tech­nik, die auch den Vor­teil hat, dass die Uhr nicht be­schla­gen kann. Dann ha­ben wir fest­ge­stellt, dass Uh­ren mit ei­nem spe­zi­el­len Öl bei we­sent­lich nied­ri­ge­ren Tem­pe­ra­tu­ren lau­fen kön­nen. Es folg­te die Tem­pe­ra­tur­re­sis­tenz-tech­no­lo­gie. Ein furcht­bar kom­pli­zier­tes Wort, aber mir ist kein bes­se­res ein­ge­fal­len. Ich dach­te, gar kein Öl wä­re ja noch bes­ser. So ka­men wir zur Dia­pal-tech­nik, bei der wir die An­ker­hem­mung schmier­stoff­frei hal­ten. Dia­pal kommt von Dia­mant­pa­let­ten, das war der ers­te Lö­sungs­an­satz, der sich aber als zu teu­er er­wies. Heu­te ha­ben wir ei­ne An­ker­rad-pa­let­ten-paa­rung aus Ma­te­ria­li­en, die nicht mehr ge­schmiert wer­den müs­sen. Wir ge­ben auf Uh­ren mit die­ser Tech­nik fünf Jah­re Ga­ran­tie.

Tech­no­lo­gie hat Ih­nen in­ner­halb des Ge­häu­ses ja noch nicht ge­reicht. Sie ha­ben auch noch ei­ne Ge­häu­se­ma­nu­fak­tur im säch­si­schen Glas­hüt­te ge­grün­det.

1999 ka­men der Pforz­hei­mer Ge­häu­se­her­stel­ler Wal­ter Fri­cker und der Glas­hüt­ter Dr. Ronald Boldt mit die­sem An­lie­gen auf mich zu. Ich war so­fort da­bei. Glas­hüt­te war mir schon vom Wie­der­auf­bau der Mar­ke A. Lan­ge & Söh­ne, den ich als Pro­duk­ti­ons­lei­ter der IWC mit­ge­stal­ten durf­te, sym­pa­thisch, die Leu­te dort so­wie­so. Ur­sprüng­lich war ich mit 24 Pro­zent Min­der­heits­be­tei­lig­ter und Ab­neh­mer der Ge­häu­se und woll­te ei­gent­lich wie­der aus­stei­gen. Aber dann kam das Hoch­was­ser. Ich reis­te rü­ber und sah, wie die Leu­te ver­such­ten, die Ge­häu­se aus dem Schlamm zu ret­ten. Ich war vol­ler Be­wun­de­rung über das En­ga­ge­ment und ent­wi­ckel­te selbst den Ehr­geiz, zu hel­fen. Ich über­nahm die An­tei­le von Wal­ter Fri­cker und bin seit­dem mit 74 Pro­zent be­tei­ligt. Die Ge­schich­te der Säch­si­schen Uh­ren­tech­no­lo­gie Gm­bh hat für mich 2001 noch ein­mal be­gon­nen. Wir ha­ben die Fa­b­rik neu auf­ge­baut und vie­les kam zur Her­stel­lung da­zu – die ei­ge­ne Kon­struk­ti­on, Mon­ta­ge, Ober­flä­chen­ver­ede­lung. Es ist ei­ne Er­folgs­ge­schich­te. Die SUG ist aus­ge­las­tet, baut an­spruchs­vol­le Ge­häu­se und hat ei­nen sehr gu­ten Ruf.

Frank­furt, Glas­hüt­te – Sie pro­du­zie­ren in Deutsch­land. Was be­deu­tet »Made in Ger­ma­ny« für Sie?

»Made in Ger­ma­ny« ist für mich ei­ne Ver­pflich­tung, deut­sche Tu­gen­den zu le­ben – ein ge­wis­ser Per­fek­tio­nis­mus und

der Hang, et­was qua­li­ta­tiv Hoch­wer­ti­ges her­zu­stel­len. Auch die Pfle­ge der deut­schen Spra­che ge­hört für mich da­zu. Wenn man in un­se­rem Ka­ta­log liest, wird man mer­ken, dass wir mit we­nig Leih­wör­tern aus­kom­men. Un­ser Ka­ta­log kommt sehr, gut an. In dem thü­rin­gi­schen Ort Schwei­na ha­ben wir zu­dem noch ei­ne klei­ne Fir­ma für Mon­ta­gen und Re­pa­ra­tu­ren. Die heu­ti­ge Ge­schäfts­füh­re­rin hat bei uns die Leh­re und den Meis­ter ge­macht. Ei­ne schö­ne Ge­schich­te, wie ich fin­de, ech­tes »Made in Ger­ma­ny«.

Trotz­dem lebt Ih­re Fa­mi­lie in der Schweiz. Ist das nicht ein Wi­der­spruch?

1975 ha­be ich in der Schweiz bei ei­ner Ma­schi­nen­baufa­brik an­ge­fan­gen. Es soll­te nur für ein Jahr sein. Mei­ne Frau kommt aus La Chaux­de-fonds, und ich woll­te Fran­zö­sisch ler­nen. Dar­aus wur­de nicht so viel, aber ich be­kam ein An­ge­bot von ei­ner Ge­häu­se­fa­brik. Da hat­te gera­de der Be­sit­zer ge­wech­selt. Al­so blieb ich, woll­te aber im­mer nach Deutsch­land zu­rück, al­ler­dings als Ma­schi­nen­bau­er, nicht als Uh­ren­ge­häu­se­bau­er – und vor al­lem als Selb­stän­di­ger. Des­halb ha­be ich ein An­ge­bot der IWC zum Auf­bau ei­ner Ge­häu­se- und Bän­der­pro­duk­ti­on auch als frei­er Mit­ar­bei­ter an­ge­nom­men. Dass wir letzt­end­lich in der Schweiz wohn­haft ge­blie­ben sind, lag an der fa­mi­liä­ren Si­tua­ti­on.

Ist das ei­ge­ne Uhr­werk ein un­er­füll­ter Traum?

Ein biss­chen schon. Mit der Meis­ter­bund-uhr hat­te ich die Hoff­nung, es zu schaf­fen. Aber wenn ich heu­te ein Uhr­werk baue, wür­de ich das Rad nicht neu er­fin­den wol­len.

Es müss­te ein Uhr­werk aus mo­der­nen Kon­struk­tio­nen und Ma­te­ria­li­en sein, und wir müss­ten es selbst pro­du­zie­ren. Da­zu fehlt uns die Ka­pa­zi­tät. Wir ha­ben so viel an­de­res zu tun. Ich kom­me in ab­seh­ba­rer Zeit wohl nicht da­zu.

Das hört sich aber schon so an, als hät­ten Sie noch ei­ni­ges vor in den nächs­ten 25 Jah­ren.

Als ers­tes hof­fe ich, dass es so er­folg­reich wei­ter­geht wie bis­her. Dass wir je­des Jahr ei­nen ge­sun­den Zu­wachs ha­ben, der be­herrsch­bar ist. Wir hat­ten in 25 Jah­ren nicht ein ein­zi­ges Ver­lust­jahr. Im ver­gan­ge­nen Jahr ha­ben wir 14000 Uh­ren ge­baut. Das ist sehr gut. Wir ha­ben so vie­le Auf­trä­ge wie noch nie und kön­nen so man­ches Mo­dell lei­der nicht lie­fern. Da müs­sen und wer­den wir et­was tun. Un­ser neu­es Ge­bäu­de kön­nen wir er­wei­tern. Und es hängt auch vom Kun­den ab, wie der uns wei­ter­ent­wi­ckelt.

LOTHAR SCHMIDT ÜBER »MADE IN GER­MA­NY« »Per­fek­tio­nis­mus und bes­te Qua­li­tät sind für mich höchs­te Ver­pflich­tung. Ich den­ke, dass gu­te hand­werk­li­che Ar­beit im­mer ge­fragt sein wird.«

Wie se­hen Sie die me­cha­ni­sche Uhr in der Ge­gen­wart und in der Zu­kunft?

Ich den­ke, dass gu­te hand­werk­li­che Ar­beit im­mer ge­sucht wird. Es wird ei­nen Ver­drän­gungs­wett­be­werb ge­ben, und es wer­den nicht al­le über­le­ben. Um Sinn Spe­zi­al­uh­ren ha­be ich nicht all­zu viel Kum­mer. Wir ha­ben Tech­no­lo­gi­en, die an­de­re nicht ha­ben. Das zeigt, dass wir für In­hal­te ste­hen. Ei­ne neue Flie­ge­ruhr er­füllt bei uns eben die DIN, die wir mit er­schaf­fen ha­ben. Tau­cher­uh­ren wer­den eben­falls zer­ti­fi­ziert. Das hebt uns ab. Me­cha­ni­sche Uh­ren ma­chen mir rich­tig Spaß. [9153]

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Im Ge­spräch über die Neu­hei­ten: Lothar Schmidt mit Mar­ti­na Rich­ter, der stell­ver­tre­ten­den Chef­re­dak­teu­rin des UH­REN-MAGAZINS.

Uh­ren­pro­duk­ti­on: Lothar Schmidt dis­ku­tiert mit Pro­duk­ti­ons­lei­ter und Uhr­ma­cher­meis­ter Kai Günsch.

Kun­den­dienst: Lothar Schmidt mit Lars El­ler, der gera­de ein Ge­häu­se auf­ar­bei­tet.

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