FEINDE

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Die Ge­schich­te des ame­ri­ka­nischs­ten al­ler Film­gen­res, des Wes­tern, ist lang und be­wegt. Schon zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts kam mit „Der gro­ße Ei­sen­bahn­raub“ei­ner der ers­ten gro­ßen Wes­tern ins Ki­no. Al­so zu ei­ner Zeit, da die Ära der Cow­boys noch gar nicht so weit zu­rück­lag.

Die Hoch­pha­se hat­te das Gen­re aber si­cher in den 50ern und an­fäng­li­chen 60ern mit Fil­me­ma­chern wie John Ford und Wil­li­am Wy­ler, be­vor Re­gis­seur Sam Pe­ckin­pah mit sei­nen düs­te­ren Spät­wes­tern ab En­de der 60er dann den Ab­ge­sang auf das Gen­re ze­le­brier­te und in ul­tra­b­lu­ti­gen Bil­dern auf Zel­lu­loid bann­te. Nur ver­ein­zelt blick­te wäh­rend der 80er mal ein Gen­re­film das Licht der Ki­nos, bis Ke­vin Cost­ner 1990 mit dem Wolf tanz­te.

Es folg­ten Bei­trä­ge wie „Er­bar­mungs­los“von Cl­int East­wood, „Open Ran­ge“oder „To­des­zug nach Yu­ma“, für die man auch den Be­griff des Neo-Wes­tern er­schuf.

Blei­ben wir für ei­nen Mo­ment bei „To­des­zug nach Yu­ma“: Das von Ja­mes Man­gold in­sze­nier­te Re­make von „Zähl bis drei und be­te“zeig­te erst­ma­lig Chris­ti­an Ba­le in ei­nem Wes­tern.

Als Ve­te­ran der Uni­ons­ar­mee droht er sei­ne Farm zu ver­lie­ren. Al­so nimmt er ei­nen gut be­zahl­ten Job an, ei­nen fest­ge­nom­me­nen Ge­setz­lo­sen in ei­ne an­de­re Stadt zu ge­lei­ten. Auf dem ge­fähr­li­chen Weg nach Yu­ma ler­nen sich die bei­den Män­ner nach und nach zu re­spek­tie­ren.

Wir wech­seln ins Jahr 2018. Zehn Jah­re nach „Yu­ma“se­hen wir Chris­ti­an Ba­le er­neut in ei­nem Film des Gen­res. In „Feinde – Hos­ti­les“ist er der kurz vor der Pen­si­on ste­hen­de US-Ar­my-Cap­tain Jo­seph Blo­cker. Man be­auf­tragt ihn da­mit, den in­haf­tier­ten und krebs­kran­ken Che­yenne-Häupt­ling Yel­low Hawk zu des­sen Stamm zu ge­lei­ten. Der Hass zwi­schen bei­den, die für zahl­rei­che To­te auf der je­weils an­de­ren Sei­te ver­ant­wort­lich sind, ist zu­min­dest bei Blo­cker of­fen­sicht­lich. Doch die ge­fähr­li­che Rei­se mit Über­fäl­len von bru­ta­len Ko­mant­schen lässt den ge­gen­sei­ti­gen Re­spekt wach­sen.

Die Sto­rys von „Yu­ma“und „Feinde“schei­nen sich zu äh­neln – und doch ste­hen bei­de Wer­ke für sich. War Man­golds 2007er Film schon groß­ar­tig, ist „Feinde – Hos­ti­les“schlicht sen­sa­tio­nell. Wer wirk­lich dach­te, man kön­ne 2018 kei­ne Wes­tern mehr pro­du­zie­ren, weil die Ge­schich­ten aus­er­zählt sind, sieht sich ge­täuscht. Was Re­gis­seur Scott Co­oper an Emo­tio­na­li­tät, an his­to­ri­scher Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ver­gan­gen­heit des Lan­des und an Dra­ma­tik packt, fes­selt selbst ge­stan­de­ne Ab­leh­ner des Gen­res.

Ba­sie­rend auf sei­nem ei­ge­nen Dreh­buch nutzt er die Ge­schich­te um Vor­ur­tei­le, Hass und Ver­ge­bung, um gleich­zei­tig mit der US-Ver­gan­gen­heit und Ge­gen­wart ab­zu­rech­nen.

Denn man muss kein gro­ßer Ana­lyst sein, um die Ana­lo­gie zwi­schen der Si­tua­ti­on, in der sich die in­di­ge­ne Be­völ­ke­rung mit den „zu­ge­reis­ten“Wei­ßen im 19. Jahr­hun­dert be­fand, mit je­nem Spalt und neu auf­kei­men­dem Ras­sis­mus zu ver­glei­chen, der sich durch das heu­ti­ge Ame­ri­ka zieht.

Ein schmerz­vol­ler Film ist „Feinde“ge­wor­den. Ei­ner, der sei­ne teils ele­gi­schen Bil­der mit eben sol­chen Dia­lo­gen füllt. Letz­te­re sind zu­dem um der Au­then­ti­zi­tät wil­len teils in Che­yenne-Spra­che ge­hal­ten. Der Re­spekt, den man nach und nach vor­ein­an­der ge­winnt, wird auch über die Kom­mu­ni­ka­ti­on deut­lich. Gleich­zei­tig hat man ei­ne kon­ge­nia­le Film­mu­sik er­schaf­fen, die teils blei­schwer über den Bil­dern liegt, teils un­heil­voll im Hin­ter­grund bleibt – gän­se­hau­ter­re­gend.

Und dann sind da noch die Darstel­ler. Mit Wal­ros­sSchnauz­bart, durch den ihm die Dia­lo­ge mehr raus­ge­nu­schelt ent­fah­ren, blickt Chris­ti­an Ba­le dau­er­haft grim­mig drein und trägt die Schwe­re ei­nes Man­nes auf den Schul­tern, der kurz vor sei­nem Ru­he­stand ei­gent­lich nichts mehr zu ver­lie­ren hat. Ein Mann, der Ge­walt ge­se­hen und aus­ge­übt hat. Ein Mann, des­sen Ver­bit­te­rung in je­der Sze­ne zu spü­ren ist.

Ba­le macht das schlicht sen­sa­tio­nell, und sein Zu­sam­men­spiel mit ei­ner ex­trem emo­tio­nal auf­spie­len­den Ro­sa­mund Pi­ke („Go­ne Girl“, „Jack Re­acher“) raubt ei­nem bis­wei­len den Atem.

Oh­ne Zwei­fel ein Meis­ter­werk des Gen­res, das auf der UHD auch noch mit fan­tas­tisch kon­trast­rei­chen Bil­dern und äu­ßerst dyan­mi­schem Sound be­lohnt.

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