„Feh­len­de Zeit für die Frau­en ist der gro­ße Frust“

In­ter­view Bay­ern braucht mehr Heb­am­men. Ein Run­der Tisch bei Ge­sund­heits­mi­nis­te­rin Me­la­nie Huml soll Ver­bes­se­run­gen brin­gen. Mecht­hild Hof­ner, die neue Vor­sit­zen­de des Heb­am­men-Ver­bands, hat kon­kre­te Vor­schlä­ge

Wertinger Zeitung - - Bayern - In­ter­view: Da­nie­la Hungbaur

Im­mer mehr Heb­am­men in Bay­ern über­le­gen, auf­zu­hö­ren. Das er­gab ei­ne Stu­die. Frau Hof­ner, Sie sind die neue Ers­te Vor­sit­zen­de des Baye­ri­schen Heb­am­men-Ver­ban­des und wa­ren in Nürn­berg beim Run­den Tisch, den Ge­sund­heits­mi­nis­te­rin Me­la­nie Huml (CSU) ein­be­ru­fen hat, um die Ver­sor­gung mit Heb­am­men zu ver­bes­sern. Wel­ches ist Ih­re wich­tigs­te For­de­rung? Mecht­hild Hof­ner: Man muss ja zwi­schen lang­fris­tig und kurz­fris­tig wirk­sa­men Ver­bes­se­run­gen un­ter­schei­den, und auch die lang­fris­ti­gen Ver­bes­se­run­gen müs­sen jetzt an­ge­gan­gen wer­den. Aber es gibt eben ei­nen aku­ten Heb­am­men­man­gel und der droht sich laut der Um­fra­ge noch mas­siv zu ver­stär­ken. Da­her brau­chen wir auch Maß­nah­men, die so­fort wirk­sam sind.

Und wel­che wä­ren das?

Hof­ner: Die Ar­beits- und Rah­men­be­din­gun­gen in der Ge­burts­hil­fe müs­sen in den Kli­ni­ken so­fort ver­bes­sert wer­den. Und das wä­re mach­bar. Wenn fach­frem­de Ar­bei­ten wie das Put­zen des Kreiß­saals, Bet­ten­put­zen, In­stru­men­ten­ver­sor­gung an an­de­re Be­rufs­grup­pen über­ge­ben wer­den, sind dies Maß­nah­men, die uns Heb­am­men so­fort ent­las­ten wür­den und schnell um­ge­setzt wer­den könn­ten. Auch bei den im­mer um­fang­rei­cher wer­den­den Do­ku­men­ta­ti­ons­pflich­ten bräuch­ten Heb­am­men Un­ter­stüt­zung durch Schreib­kräf­te. Dies müss­te an al­len Kli­ni­ken flä­chen­de­ckend ge­si­chert sein. Denn dann ha­ben die Heb­am­men wie­der mehr Zeit für die wer­den­den Müt­ter.

Zu we­nig Zeit für die Ge­bä­ren­den ist ein Kri­tik­punkt, der im­mer wie­der von vie­len Heb­am­men ge­nannt wird. Hof­ner: Ja, die feh­len­de Zeit für die Frau­en ist der gro­ße Frust. Wir Heb­am­men ha­ben den Be­ruf ge­lernt, um die Frau­en zu be­fä­hi­gen, ei­gen­stän­dig und na­tür­lich ih­re Kin­der zur Welt zu brin­gen. Da­für braucht es Zeit, Ge­duld, ei­nen ge­schütz­ten Raum – und das ist oft nicht mehr mög­lich. Wir ge­nü­gen nicht mehr der ei­nen Frau, weil wir stän­dig meh­re­re Frau­en gleich­zei­tig be­treu­en müs­sen. Das schafft nicht die Grund­la­ge für ei­ne si­che­re Ge­burt. Und es gibt noch ei­nen wei­te­ren Punkt, der in den Kli­ni­ken ge­än­dert wer­den müss­te: Die Ge­burt muss wie­der zu­rück­ge­führt wer­den zur phy­sio­lo­gi­schen Ge­burt. Die Ge­burts­hil­fe muss in­ter­ven­ti­ons­är­mer und nicht so pa­tho­lo­gi­siert wer­den. Ge­burt ist kei­ne Krank­heit. Ein gu­tes Bei­spiel ha­ben wir im Kli­ni­kum Neu­per­lach, dort gibt es ein ge­burts­hilf­li­ches Team aus Ärz­ten und Heb­am­men, die die Phy­sio­lo­gie der Ge­burts­hil­fe im Blick ha­ben, was mit ei­ner re­la­tiv nied­ri­gen Kai­ser­schnitt­quo­te ein­her­geht. Un­ter die- Be­din­gun­gen blei­ben Heb­am­men viel län­ger in der Ge­burts­hil­fe tä­tig.

Die Kai­ser­schnitt­quo­te ist zu hoch? Hof­ner: Ja, ein­deu­tig. Ein Grund ist si­cher auch, dass die Ver­gü­tung für ei­nen Kai­ser­schnitt in der Kli­nik un­ge­fähr dop­pelt so hoch ist wie die Ver­gü­tung ei­ner phy­sio­lo­gi­schen Ge­burt. Auch das müss­te drin­gend ge­än­dert wer­den. Die Ge­burt ist pri­mär ein ganz na­tür­li­cher Vor­gang. Es ist der Be­ginn al­len Le­bens. War­um sor­gen wir dann als Ge­sell­schaft nicht da­für, dass die­ser ers­te Schritt ins Le­ben in ei­ner At­mo­sphä­re voll Ver­trau­en, Ge­bor­gen­heit und Si­cher­heit ge­tan wer­den kann? Das be­trifft die gan­ze Ge­sell­schaft, und al­le Ak­teu­re sind hier auf­ge­for­dert, sich da­für ein­zu­set­zen – al­le Fa­mi­li­en brau­chen ei­ne kom­pe­ten­te Heb­am­men­be­treu­ung.

Sie for­dern vor al­lem mehr Zeit für die Müt­ter. Im Ide­al­fall hie­ße dies, dass sich in der Kli­nik nur ei­ne Heb­am­me um ei­ne Ge­bä­ren­de küm­mert, oder? Hof­ner: Die 1:1-Be­treu­ung ist der Wunsch der Heb­am­men­schaft. Und auch Stu­di­en be­le­gen, dass dies die bes­te Vor­aus­set­zung für ei­ne phy­sio­lo­gi­sche und si­che­re Ge­burt ist. Aber in der Rea­li­tät sieht es so aus, dass ei­ne Heb­am­me für drei oder gar Frau­en zu­stän­dig ist. Und das ist zu viel. Ein fes­ter Per­so­nal­schlüs­sel mit Per­so­nal­un­ter­gren­zen ist da­her ei­ne ganz wich­ti­ge For­de­rung. Der Deut­sche Heb­am­men­ver­band for­dert dies über das Ge­burts­hil­fe­stär­kungs­ge­setz.

Nun schlie­ßen ge­ra­de klei­ne­re Ge­burts­kli­ni­ken, da es zu we­nig Heb­am­men gibt.

Hof­ner: Ja, das ist ein Teu­fels­kreis­lauf. Schlie­ßen klei­ne Kli­ni­ken, müs­sen die gro­ßen Zen­tren die­se Ge­bur­ten mit auf­neh­men, oh­ne dass da­für vor­her die Struk­tur zur Be­wäl­ti­gung der stei­gen­den Ge­bur­ten­zahl ge­schaf­fen wur­de, das heißt per­so­nell wie auch durch zu­sätz­li­che Kreiß­sä­le. Al­ler­dings muss bei ei­ner Schlie­ßung auch im­mer sehr ge­nau ge­schaut wer­den, was wirk­lich da­zu ge­führt hat.

Ge­ra­de klei­ne Kli­ni­ken ste­hen un­ter ei­nem gro­ßen wirt­schaft­li­chen Druck. Hof­ner: So ist es. Da­mit sich ei­ne Ge­burts­sta­ti­on heu­te wirt­schaft­lich rech­net, müss­ten schon cir­ca 1000 Ge­bur­ten im Jahr dort statt­fin­den. Die Schlie­ßung klei­ner, wohn­ort­na­her Sta­tio­nen ist aber auch die Fol­ge ei­ner Po­li­tik, die über Jah­re die Zen­tra­li­sie­rung in gro­ßen Kli­ni­ken ge­för­dert hat. Erst jetzt gibt es ein Um­den­ken, weil klar wird, dass da­sen mit den wer­den­den Müt­tern An­fahrts­we­ge von 40 Mi­nu­ten und mehr zu­ge­mu­tet wer­den. Der lan­ge An­fahrts­weg birgt auch Ri­si­ken für Mut­ter und Kind, die ge­nau ab­ge­wo­gen wer­den müs­sen.

Die Staats­re­gie­rung ver­sucht auch mit Geld, Heb­am­men für die Ge­burts­hil­fe zu­rück­zu­ge­win­nen. Seit Herbst gibt es ei­nen 1000-Eu­ro-Bo­nus. Hilft er? Hof­ner: Die 1000 Eu­ro sind ein Dan­ke­schön. Ein Zei­chen der Wert­schät­zung, über das wir Heb­am­men uns auch freu­en. Aber ich bin mir si­cher: Kei­ne ein­zi­ge Heb­am­me wird auf­grund die­ses Bo­nus in dem Be­ruf blei­ben oder zu­rück­keh­ren.

Aber die Be­zah­lung ist ein Punkt, der ver­bes­sert wer­den muss oder?

Hof­ner: Ja, die Ver­gü­tung muss an­ge­mes­sen sein. Aber das ist nur ein Punkt, um die Ar­beits­be­din­gun­gen ins­ge­samt at­trak­ti­ver zu ma­chen.

Auch wird ei­ne Kin­der­be­treu­ung für Heb­am­men in Kli­ni­ken dis­ku­tiert. Hof­ner: Es ist si­cher gut, An­ge­bo­te zu schaf­fen. Be­son­ders für al­lein­er­zie­hen­de Heb­am­men ist das wich­tig. Aber was ist das denn für ein An­satz? Heb­am­men ha­ben oft Schicht- und Nacht­diens­te, ar­bei­ten zehn bis zwölf St­un­den, hin­zu kommt noch die Fahrt­zeit. Man mu­tet de­ren Kin­vier dern dann im Ex­trem­fall 14 St­un­den-Ta­ge zu. Nein, das kann es wirk­lich nicht sein und bringt si­cher nicht Heb­am­men zu­rück in den Be­ruf. Was wir brau­chen, sind al­ter­na­ti­ve Ar­beits­zeit­mo­del­le, die fa­mi­li­en­freund­li­che Ar­beits­zei­ten ga­ran­tie­ren. Ei­ne ganz wich­ti­ge For­de­rung in die­sem Zu­sam­men­hang ist die Ver­läss­lich­keit von frei­er Zeit. Wenn ich frei ha­be, muss ich mich als Heb­am­me dar­auf ver­las­sen kön­nen, dass ich wirk­lich frei ha­be und nicht an­ge­ru­fen wer­de, weil ei­ne Kol­le­gin krank ge­wor­den ist. Da­für müss­te ein aus­rei­chend gro­ßer Pool an Be­reit­schafts­heb­am­men im Hintergrund vor­han­den sein.

Aber Heb­am­men feh­len.

Hof­ner: Das ist si­cher ein Teu­fels­kreis­lauf. Aber nur, wenn ich die Ar­beits­und Rah­men­be­din­gun­gen ver­bes­se­re, ha­be ich die Chan­ce, dass Heb­am­men wie­der in den Be­ruf zu­rück­keh­ren oder ih­re Ar­beits­zeit wie­der auf­sto­cken. 50 Pro­zent der frisch ex­ami­nier­ten Heb­am­men ge­hen so­fort nach der Aus­bil­dung gar nicht in die Ge­burts­hil­fe. In ih­rer Aus­bil­dung sind sie über­wie­gend an so­ge­nann­ten „Le­vel-1-Kli­ni­ken“mit ei­nem sehr ho­hen In­ter­ven­ti­ons­grad – das ent­spricht nicht der Art und Wei­se von Ge­burts­hil­fe, aus de­ren Selbst­ver­ständ­nis sie den Be­ruf ge­wählt ha­ben.

Vie­le jun­ge Heb­am­men kon­zen­trie­ren sich al­so gleich auf die Vor- oder Nach­sor­ge?

Hof­ner: Ja, aber auch in der Vor- und Nach­sor­ge ha­ben wir längst in vie­len Re­gio­nen Bay­erns ei­nen Man­gel.

Nun ist in der ARD ei­ne Rei­he ge­star­tet, in de­ren Mit­tel­punkt ei­ne männ­li­che Heb­am­me steht. Hilft das, mehr Män­ner in den Be­ruf zu brin­gen? Hof­ner: Nein, das den­ke ich nicht. So ein Film ist jetzt eben an­ge­sagt, weil im Zu­ge von Gen­der auch die­ser Aspekt be­leuch­tet wird. In Bay­ern ha­ben wir kei­ne ein­zi­ge männ­li­che Heb­am­me. Um un­se­ren Be­ruf at­trak­ti­ver zu ma­chen, müs­sen, wie ge­sagt, die Ar­beits- und Rah­men­be­din­gun­gen drin­gend ver­bes­sert und die Ver­gü­tung ent­spre­chend an­ge­ho­ben wer­den. Wich­tig ist auch die zü­gi­ge Um­set­zung der Aka­de­mi­sie­rung, bei der kei­ner fürch­ten muss, dass die Pra­xis­nä­he ver­schwin­det. Die Aka­de­mi­sie­rung ist wich­tig, um die Heb­am­men best­mög­lich auf die heu­ti­gen An­for­de­run­gen in un­se­rem Be­ruf vor­zu­be­rei­ten.

Foto: Ca­ro­li­ne Seidel, dpa

Heb­am­men wün­schen sich vor al­lem mehr Zeit für die ge­bä­ren­den Frau­en. Vie­len miss­fällt auch, dass die Ge­burt zu­neh­mend als Krank­heit ge­se­hen wird und nicht als na­tür­li­cher Vor­gang, der in ei­nem ru­hi­gen Um­feld ab­lau­fen soll.

Mecht­hild Hof­ner, 53, lebt im Land­kreis Dach­au. Sie ist seit 32 Jah­ren Heb­am­me und hat selbst vier Kin­der.

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