In der Land­schaft steht das Land­schaf

Kle­be-Ly­rik Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­ge­rin Her­ta Mül­ler schnei­det Wör­ter aus Ka­ta­lo­gen und Zei­tun­gen aus und setzt sie neu zu­sam­men. Phä­no­me­nal, was da­bei al­les her­aus­kommt

Wertinger Zeitung - - Feuilleton - VON MICHA­EL SCHREI­NER

Un­ter dem Bild ei­nes Paa­res wei­ßer Schu­he kle­ben acht Wör­ter: Schnee wird

NIE EI­NE Jah­res­zeit son­dern schlei­chen­de Maß­ar­beit

Die Wör­ter ha­ben ver­schie­de­ne Far­ben, Schrif­ten und Grö­ßen. Die Dich­te­rin Her­ta Mül­ler hat sie ein­zeln aus­ge­schnit­ten aus Ka­ta­lo­gen, Zeit­schrif­ten, Zei­tun­gen – und zu­sam­men­ge­fügt zu ei­nem Wort­bild, ei­nem ge­kleb­ten Ge­dicht. „Je­des Wort ist ein an­de­rer Ge­gen­stand“, er­klärt die Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­ge­rin, für die das Schrei­ben mit ge­fun­de­nen Wör­tern selbst­ver­ständ­lich ge­wor­den ist. Mit dem neu­en Bild-Ge­dicht-Band „Im Heim­weh ist ein blau­er Saal“legt Her­ta Mül­ler nach „Die blas­sen Her­ren mit den Mok­ka­tas­sen“und „Va­ter te­le­fo­niert mit den Flie­gen“ihr drit­tes Buch mit Kle­be-Ly­rik vor.

Das Kom­po­nie­ren aus ei­nem rei­chen Vor­rat an aus­ge­schnit­te­nen Wör­tern ist weit mehr als nur ei­ne schö­ne Spie­le­rei. „Je­des Wort ein­zeln an­zu­fas­sen ist der in­ten­sivs­te Kon­takt zu Spra­che“, meint die Au­to­rin, de­ren um Illustrationen er­wei­ter­te Kle­be­ge­dich­te es auch als Edi­tio­nen in Ga­le­ri­en und auf Ka­len­der­blät­tern gibt. Die­se Ge­dich­te sind Wort­bil­der, far­bi­ge Col­la­gen, dem Au­ge ein sinn­li­ches Ver­gnü­gen über das Le­sen hin­aus. Zeit­wei­se kroch das Schlüs­sel­loch die

Tür hoch es war ei­ne ka­rier­te Amei­se.

Die Lust am Fin­den und Kom­bi­nie­ren, das Sich-über­ra­schen-Las­sen von Zu­fall und In­tui­ti­on, das Ver­trau­en in die Bot­schaf­ten der Wör­ter, die „ge­war­tet ha­ben“– all das klingt in die­sen ge­kleb­ten Fu­gen an. Es gibt in den Ge­dich­ten Lieb­lings­wör­ter, die im­mer wie­der ein­mal auf­tau­chen wie „Au­gen­weiß“oder „Me­lan­cho­lie“. Und auf fast je­der Sei­te baut Her­ta Mül­ler neue Wör­ter, fügt zu­sam­men, was die Poe­sie zu­sam­men­ruft. Som­mer­staub, Kof­fer­trau­er, Nar­ren­mond, Kup­fer­kleid, Kalt­mor­gen, Heim­weh­gift, Flüs­ter­rad, Sil­ber­zim­mer, Grä­ser­t­an­zen, Tag­ver­schie­ber, Apri­ko­sen­schal­ter, Ha­sen­fäl­scher… – Baustei­ne aus dem Aus­schnitt-Ar­chiv.

„Die Tex­te klin­gen, weil die un­ter­schied­li­chen Far­ben die Wör­ter tö­nen und die un­ter­schied­li­chen Grö­ßen ih­nen ei­ne un­ter­schied­li­che Stim­me ge­ben. Auf je­der Kar­te steigt der Text mit dem Bild auf ei­ne Büh­ne, je­de Kar­te in­sze­niert ihr klei­nes Thea­ter“, schreibt die Re­gis­seu­rin Her­ta Mül­ler.

In die­sem Zau­ber­buch be­geg­nen sich auf wun­der­sa­me Wei­se in ei­nem Ge­dicht Wol­ken­zäh­ler und Kar­tof­fel­schä­ler, in ei­nem an­de­ren tau­chen un­be­kann­te, seltsame Be­ru­fe auf: Eta­gen-In­ge­nieur, Ja­lou­si­en-Di­ri­gent und Keks-Spi­on. Wör­ter ma­chen al­les mög­lich – auch ein Schwarz­kis­sen oder ei­ne Wat­te­uni­form. Im Vor­wort ge­währt Her­ta Mül­ler ei­nen Blick in ih­re Werk- statt. Sie er­zählt, wie al­les be­gann, wie sie im Zug oder im Flug­zeug (als man Na­gel­sche­ren noch mit an Bord neh­men durf­te…) Wor­te aus­ge­schnit­ten und auf wei­ße Kar­tei­kar­ten ge­klebt hat­te. Ei­ne Spie­le­rei zu­nächst. „Ich war ver­blüfft, weil ein­zel­ne Wör­ter ei­ne gan­ze Ge­schich­te er­zäh­len kön­nen.“Zwei Jah­re stand in ih­rer Woh­nung ein Wör­ter­tisch, auf dem Ber­ge aus­ge­schnit­te­ner Wör­ter la­gen – das Spiel­geld der Ly­ri­ke­rin.

Ir­gend­wann, schreibt Mül­ler, wur­de dar­aus ei­ne rich­ti­ge Werk­statt. Mit ei­nem „Wör­ter­schränk­chen“vol­ler Schub­la­den, in de­nen, al­pha­be­tisch ge­ord­net, ihr Roh­ma­te­ri­al la­gert. Tau­sen­de Baustei­ne für noch un­ge­bau­te Ge­dich­te…

Ge­dich­te, in de­nen zum Bei­spiel der Griff in die Schub­la­de mit „K“sehr er­gie­big sein kann. „Kunst der Krüm­mung ei­ner Kaf­fee­tas­se“heißt es in ei­nem Kle­be-Po­em. Klang und Reim ma­chen die Wort­häu­ser, die sich mal vier, aber auch zehn Eta­gen hoch tür­men kön­nen, sta­bil.

Die Pfüt­ze ist ei­ne Sa­che aus nas­sem Licht. Das be­greift die Stra­ße nicht

Weil je­des ein­zel­ne Wort in­di­vi­du­ell ist, ein aut­ar­kes Wort­we­sen, ver­mit­telt sich der Ein­druck, dass die ge­füg­ten Ge­dich­te ein hö­he­res spe­zi­fi­sches Ge­wicht ha­ben. Das Aus­schnei­den hat auch die Sin­ne der Dich­te­rin an­ders sen­si­bi­li­siert. „Wenn ich ein ,T‘ am En­de ab­schnei­de, wird aus der Land­schaft ein Land­schaf“, schreibt Her­ta Mül­ler über die St­ein­brü­che, aus de­nen sie ih­re Find­lin­ge holt. „In Herz­krank­heit ist ein fer­ti­ger Herz­kran drin.“Als sei die Dich­te­rin mit un­sicht­ba­ren ma­gne­ti­schen Kräf­ten im Bun­de, die je­des Ein­zel­gän­ger­wort in die pas­sen­de Ge­sell­schaft zie­hen, er­schei­nen vor den Au­gen des Be­trach­ters Ge­dich­te wie Bil­der aus ei­ner an­de­ren Welt.

Ach ge­zack­tes Brom­beer­blatt ich hab es satt dass du jetzt schon wie­der fragst, was ich mit mei­nem Le­ben mach

„Wort­be­sitz im Über­fluss ist das Ge­gen­teil von frü­her, von Zen­sur“, schließt Her­ta Mül­ler, die einst aus Ru­mä­nen da­von­ging, ih­ren Werk­statt­be­richt. Und weil es so wun­der­bar nach­hallt aus ih­rem Wör­ter­bild­band, noch ein letz­tes Kle­be­ge­dicht: Je­der Mo­ment ba­lan­ciert ei­ne Wei­le zu­erst ver­schwin­den die do­ku­men­ta­ri­schen Tei­le

» Her­ta Mül­ler: Im Heim­weh ist ein blau­er Saal. Han­ser, 128 S., 22 ¤

Fo­to: © 2019 Carl Han­ser Ver­lag Gm­bH & Co.

Ei­nes der neu­en Kle­be­ge­dich­te von No­bel­preis­trä­ge­rin Her­ta Mül­ler.

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