War­um Men­schen ih­re Hei­mat ver­las­sen

Mi­gra­ti­on und Flucht Die Di­rek­to­rin der Aka­de­mie für Po­li­ti­sche Bil­dung Tutz­ing, Ur­su­la Münch, be­leuch­tet vor Hun­der­ten von Schü­lern in Wer­tin­gen ein Pro­blem, das der­zeit ver­drängt wird

Wertinger Zeitung - - Wertingen Und Umgebung - VON HER­THA STAUCH

Wer­tin­gen Sie ist der­zeit bun­des­weit ei­ne ge­frag­te Ge­sprächs­part­ne­rin mit ho­her me­dia­ler Prä­senz. So war es et­was Be­son­de­res, dass Pro­fes­sor Dr. Ur­su­la Münch am Di­ens­tag auch den Weg nach Wer­tin­gen fand und dort vor meh­re­ren hun­dert Schü­lern in der Stadt­hal­le re­fe­rier­te. Die Di­rek­to­rin der Aka­de­mie für Po­li­ti­sche Bil­dung in Tutz­ing ana­ly­siert nüch­tern und kom­pe­tent das Flücht­lings­pro­blem, und ge­ra­de, weil sie Fakt für Fakt ab­spult und so­mit jeg­li­che Emo­ti­on und Wer­tung aus­schließt, be­kommt ihr Vor­trag be­drü­cken­de Ak­tua­li­tät.

Nein, das so ge­nann­te Flücht­lings­pro­blem exis­tiert, auch wenn es die Men­schen ver­drän­gen, nicht mehr wahr­neh­men und es hier­zu­lan­de mo­men­tan aus dem Fo­kus ver­schwun­den ist. „Hei­mat oh­ne Zu­kunft – was macht Men­schen zu Flücht­lin­gen“: Dass an die­ses The­ma auch in Wer­tin­gen wie­der er­in­nert wer­den muss, das war Hei­ke Kah­ler ein An­lie­gen. Die Lei­te­rin der Montes­so­ri-Fach­ober­schu­le hat­te ei­nen Kurs zum The­ma an der Po­li­ti­schen Aka­de­mie Tutz­ing ab­sol­viert und Dr. Münch kur­zer­hand nach Wer­tin­gen ein­ge­la­den. Nun – die Zu­schau­er­schar setzt sich aus hö­he­ren Klas­sen al­ler Wer­tin­ger Schu­len zu­sam­men – schlüs­selt Münch die Ur­sa­chen von Mi­gra­ti­on und Flucht auf, streift das Asyl­recht und be­leuch­tet die La­ge in Eu­ro­pa.

Sie be­ginnt ih­ren Vor­trag mit ei­ner ver­meint­lich ein­fa­chen Fra­ge in die Run­de: Wie vie­le Men­schen le­ben der­zeit auf der Er­de – es sind 7,6 Mil­li­ar­den. Vor 16 Jah­ren wa­ren es 6,3. In nur 16 Jah­ren ist die Zahl al­so um 1,3 Mil­li­ar­den an­ge­wach­sen. Die­se Tat­sa­che al­lei­ne be­inhal­tet Mi­gra­ti­on, die An­zahl de­rer, die ihr Land ver­las­sen steigt mit der Welt­be­völ­ke­rung. Mit mehr Men­schen auf der Er­de wer­den Res­sour­cen knap­per, wie Was­ser, Wei­de­flä­chen, Nah­rung. Das er­zeugt Kon­flik­te, Ver­drän­gun­gen, krie­ge­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Der UNHCR schätzt, dass welt­weit der­zeit 68,5 Mil­lio­nen Men­schen auf der Flucht sind, das ist die Zahl der Be­völ­ke­rung von Frank­reich. 40 Mil­lio­nen Bin­nen­flücht­lin­ge gibt es, das sind Men­schen, die in­ner­halb ih­res Lan­des flie­hen, vie­le in afri­ka­ni­schen Staa­ten. 26 Mil­lio­nen Flücht­lin­ge le­ben in La­gern, ein gro­ßer Teil da­von sind Pa­läs­ti­nen­ser. Hin­zu kom­men Asyl­su­chen­de, die in Staa­ten Zuflucht su­chen und Asyl­an­trä­ge stel­len. Wich­tig für Eu­ro­pä­er zu wis­sen: 85 Pro­zent der Flücht­lin­ge kom­men nicht nach Eu­ro­pa, die meis­ten wer­den in der un­mit­tel­ba­ren Re­gi­on auf­ge­nom­men, aus der sie flie­hen, nur 15 Pro­zent der Flüch­ten­den le­ben in den In­dus­trie­staa­ten.

Die Ur­sa­chen, war­um es Mi­gra­ti­on und Flucht gibt, sind viel­fäl­tig, wie Pro­fes­so­rin Münch er­klärt: Star­kes Be­völ­ke­rungs­wachs­tum in den Her­kunfts­staa­ten, das aus man­geln­der Bil­dung vor al­lem bei Frau­en und jun­gen Leu­ten re­sul­tiert. Ar­beits­lo­sig­keit und feh­len­de In­ves­ti­ti­on in die Wirt­schaft in den Her­kunfts­län­dern, schlech­te Um­welt­be­din­gun­gen, Kli­ma­wan­del mit Fol­ge von Dür­re und Über­schwem­mun­gen. Letz­te­res Pro­blem ver­ur­sa­chen die In­dus­trie­staa­ten, al­so auch Eu­ro­pa, durch ent­spre­chen­den Le­bens­wan­del. Die­se Fak­to­ren er­zeu­gen Mi­gra­ti­on – Men­schen ver­las­sen we­gen schlech­ter Le­bens­um­stän­de ih­re Hei­mat frei­wil­lig.

„Flucht ist et­was an­de­res“, zählt die Re­fe­ren­tin Grün­de auf, war­um Men­schen ih­re Hei­mat un­frei­wil­lig ver­las­sen müs­sen. Da­zu zäh­len Dis­kri­mi­nie­rung (Bei­spiel Sin­ti und Ro­ma in Ru­mä­ni­en), re­li­giö­se Kon­flik­te, Bür­ger­krie­ge, nicht mehr funk­tio­nie­ren­de Staa­ten oder ein Will­kür-Sys­tem wie in Sy­ri­en. Er­schre­ckend in die­sem Zu­sam­men­hang: In den letz­ten fünf Jah­ren sind auf der Welt 15 Kon­flik­te aus­ge­bro­chen oder neu ent­flammt. Flücht­lin- ge kön­nen sich nicht aus­su­chen, wo­hin sie ge­hen. Haupt­auf­nah­me­staa­ten sind die Tür­kei (1,5 Mil­lio­nen) Pa­kis­tan (1,4) Ugan­da (1,4), aber auch Deutsch­land (970000) oder der Iran (979 000). War­um kom­men sy­ri­sche Flücht­lin­ge nach Deutsch­land?

Die­se Fra­ge ist den Le­bens­um­stän­den in den rie­si­gen La­gern ent­lang der sy­ri­schen Gren­ze ge­schul­det. Mas­si­ve Geld­kür­zun­gen beim UN-World-Food-Pro­gramm führ­ten da­zu, dass vie­le die La­ger ver­lie­ßen. Dort an­ge­sie­del­te Fa­mi­li­en schick­ten vor al­lem ih­re Söh­ne nach Eu­ro­pa. In­zwi­schen hat sich die La­ge in den La­gern al­ler­dings ver­bes­sert, be­rich­tet die Gast­red­ne­rin.

Mit Akri­bie be­leuch­tet sie das bun­des­deut­sche Asyl­recht, das im­mer wie­der ver­än­dert und der Si­tua­ti­on an­ge­passt wur­de. Der Be­griff der Ver­fol­gung wer­de in die­sem sehr eng de­fi­niert, was da­zu füh­re, dass es schwie­rig ist, Asyl­recht zu be­kom­men. An­fang der 90er Jah­re gab es mas­si­ve Be­schrän­kun­gen, als zum Bei­spiel Ma­rok­ko und Al­ge­ri­en zu si­che­ren Her­kunfts­län­dern er­klärt wur­den. Auch das Du­blinVer­fah­ren, wo­nach Flücht­lin­ge dort Asyl be­kom­men müs­sen, wo sie erst­mals re­gis­triert wur­den, be­deu­te­te ei­nen gro­ßen Ein­schnitt. Das Pro­blem und die Ver­ant­wor­tung sei so­mit ver­la­gert auf die EU-Staa­ten an den Au­ßen­gren­zen, wie Grie­chen­land und Ita­li­en.

Wie es zu der Be­son­der­heit des Flücht­lings-Som­mers 2015 kom­men konn­te, be­schäf­tigt Ur­su­la Münch in ei­nem Teil ih­res Re­fe­rats. 150000 Flücht­lin­ge stran­de­ten, nach­dem sie die Bal­kan­rou­te über­wun­den hat­ten, in Un­garn, von wo aus sie nicht wei­ter­ge­las­sen wur­den. Es sei da­mals ein „mensch­li­cher Akt der Bun­des­re­gie­rung“ge­we­sen, die­se Ge­stran­de­ten auf­zu­neh­men. Dies ha­be je­doch fälsch­li­cher­wei­se das Si­gnal er­zeugt, dass al­le Flücht­lin­ge hier will­kom­men sei­en.

Seit 2017 ge­hen die Zu­gangs­zah­len zu­rück, we­gen stär­ke­rer Grenz­kon­trol­len und Be­zah­lun­gen an die Tür­kei, die Flücht­lin­ge be­her­bergt. Was tun, dass sich dies nicht wie­der­holt?

Auch Münch hat da­für kein Pa­tent­re­zept. Bes­se­re Per­spek­ti­ven in den Her­kunfts­län­dern schaf­fen, das ei­ge­ne Ver­hal­ten hier­zu­lan­de än­dern. Klar wird, dass nicht nur die Po­li­tik ge­for­dert ist, son­dern je­der in der EU – in je­der Stadt und in je­der Ge­mein­de.

Fo­to: Alex­an­der Ka­ya

Müt­ter und Kin­der har­ren oft in Flücht­lings­la­gern aus, wäh­rend Söh­ne und Vä­ter sich auf den Weg nach Eu­ro­pa ma­chen. Das Pro­blem ist nicht neu und auch der­zeit re­le­vant. Dies be­rich­te­te Dr. Ur­su­la Münch, Lei­te­rin der Aka­de­mie für Po­li­ti­sche Bil­dung Tutz­ing, in Wer­tin­gen.

Fo­to: Her­tha Stauch

Beim Vor­trag in der Stadt­hal­le: (von links) Sonja Spieg­ler, Ge­schäfts­füh­re­rin der Montes­so­ri­schu­le, die Re­fe­ren­tin Pro­fes­so­rin Ur­su­la Münch und Hei­ke Kah­ler, Lei­te­rin der Montes­so­ri-Fach­ober­schu­le Wer­tin­gen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.