Pi­ra­tin warnt vor Pi­ra­ten

Eu­ro­pa­wahl Die Ab­ge­ord­ne­te Ju­lia Re­da mach­te sich in der De­bat­te um Internet-Fil­ter ei­nen Na­men. Über­ra­schend bricht sie mit ih­rer Par­tei. Aus­lö­ser ist ein Vor­fall mit ih­rem frü­he­ren Bü­ro­lei­ter

Wertinger Zeitung - - Politik - VON DET­LEF DREWES

Brüs­sel Das Vi­deo auf Twit­ter dau­ert nur gut zwei Mi­nu­ten, aber es be­sie­gelt ei­nen po­li­ti­schen Eklat. Nach dem Streit um die Upload­fil­ter hät­ten vie­le Un­ter­stüt­zer ge­schrie­ben, dass sie nun die Pi­ra­ten­par­tei wäh­len woll­ten. „Das ist lieb ge­meint, aber lei­der nicht das, was ich mir wün­sche. Denn ich wer­de die Par­tei nicht wäh­len“, er­klärt die 32-jäh­ri­ge Ju­lia Re­da ih­ren An­hän­gern. „Ich bin heu­te aus der Par­tei aus­ge­tre­ten.“

2014 kam die ge­bür­ti­ge Bon­ne­rin als ein­zi­ge Ab­ge­ord­ne­te der Pi­ra­ten­par­tei in die eu­ro­päi­sche Ab­ge­ord­ne­ten­kam­mer und schloss sich da der grü­nen Frak­ti­on an. Als Spe­zia­lis­tin für Internet-Si­cher­heit und On­line-The­men präg­te sie die Dis­kus­si­on über die Da­ten­schutz­Grund­ver­ord­nung und jüngst auch zu den Internet-Fil­tern ent­schei­dend mit, die sie strikt be­kämpf­te.

Doch der über­ra­schen­de Rück­tritt hat mit der Nie­der­la­ge bei der Ab­stim­mung im Par­la­ment am Di­ens­tag nichts zu tun: „Auf Lis­ten­platz zwei kan­di­diert mein ehe­ma­li­ger Mit­ar­bei­ter Gil­les Bor­de­lais“, be­rich­tet sie in dem Vi­deo. „Er hat un­se­rer Ar­beit ge­gen den Artikel 13 wie kein an­de­rer Scha­den zu­ge­fügt.“Hin­ter­grund der Aus­sa­ge sind schwe­re Vor­wür­fe ge­gen ih­ren frü­he­ren Bü­ro­lei­ter. Der zu­stän­di­ge Bei­rat des EU-Par­la­ments ha­be „fest­ge­stellt, dass Aspek­te sei­nes Ver­hal­tens se­xu­el­le Be­läs­ti­gung dar­stell­ten“. Das sei, so Re­da wei­ter, des­halb gra­vie­rend, weil die­ses Gre­mi­um an­sons­ten eher zu­rück­hal­tend bei ent­spre­chen­den Be­schwer­den von Frau­en re­agie­re. „So je­mand darf nicht ge­wählt wer­den“, ap­pel­liert sie an ih­re Un­ter­stüt­zer. „Je­de Stim­me für die Pi­ra­ten­par­tei könn­te die Stim­me sein, dank de­rer Gil­les Bor­de­lais ins Eu­ro­päi­sche Par­la­ment ge­wählt wird“, warnt sie re­gel­recht vor ei­ner Wahl der Pi­ra­ten­par­tei.

Bor­de­lais be­klag­te in ei­ner schrift­li­chen Stel­lung­nah­me ei­ne Vor­ver­ur­tei­lung durch Re­da. Zwar sei­en zwei Be­schwer­den ge­gen ihn ein­ge­reicht wor­den. Al­ler­dings sei ei­ne da­von be­reits zu­rück­ge­wie­sen wor­den, an­de­re Vor­wür­fe wür­den der­zeit noch von der Per­so­nal­ab­tei­lung ge­prüft. Er sieht ei­nen Grund für Re­das Rück­zug dar­in, dass sie zum links-pro­gres­si­ven Flü­gel der Pi­ra­ten zäh­le, der seit 2014 an Ein­fluss ver­lo­ren ha­be.

Ein un­über­leg­ter Schnell­schuss ist der Schritt von Re­da of­fen­bar nicht. Be­reits bei der Auf­stel­lung der Eu­ro­pa­wahl­lis­te gab es Wi­der­stand ge­gen Bor­de­lais. Aber selbst nach Be­kannt­wer­den der kon­kre­ten Vor­wür­fe hat­te es die Pi­ra­ten-Füh­rung ab­ge­lehnt, die Lis­te nach­träg­lich zu än­dern. Für Re­da be­deu­tet dies zwar, dass sie ihr Man­dat noch bis zum En­de der Le­gis­la­tur­pe­ri­ode be­hal­ten darf, da­nach aber schei­det sie aus der eu­ro­päi­schen Po­li­tik aus. Selbst wenn sie zu Bünd­nis 90/Die Grü­nen über­tre­ten wür­de, kä­me sie zu spät: De­ren Eu­ro­pa­wahl­lis­te ist be­reits be­schlos­sen.

Der­weil steigt das In­ter­es­se der Bun­des­bür­ger an der Ab­stim­mung am 26. Mai of­fen­bar deut­lich. Das Eu­ro­päi­sche Par­la­ment ver­öf­fent­lich­te am Don­ners­tag neue Zah­len des ZDF-Po­lit­ba­ro­me­ters, de­nen zu­fol­ge 41 Pro­zent der Be­frag­ten an­ga­ben, die Er­eig­nis­se rund um die EU in­ten­siv zu ver­fol­gen – im März 2014 wa­ren dies nur 23 Pro­zent ge­we­sen. Die Da­ten las­sen auch er­ah­nen, wie – zu­min­dest aus deut­scher Sicht – das nächs­te Par­la­ment zu­sam­men­ge­setzt sein könn­te. 33 Pro­zent ga­ben an, ih­re Stim­me CDU/ CSU zu ge­ben. Je­weils 18 Pro­zent wol­len für die So­zi­al­de­mo­kra­ten be­zie­hungs­wei­se die Grü­nen stim­men. Die AfD könn­te mit zehn Pro­zent der Stim­men rech­nen und lä­ge da­mit noch klar vor den Li­be­ra­len (sie­ben Pro­zent) und der Lin­ken (sechs Pro­zent). Die jetzt in Tur­bu­len­zen ge­ra­te­nen Pi­ra­ten wer­den gar nicht mehr ex­tra ge­führt und ge­hen in den acht Pro­zent der „an­de­ren Par­tei­en“auf, schei­nen al­so kei­ne Rol­le mehr zu spie­len.

Pro­gno­sen für das ge­sam­te Par­la­ment sind die­ses Mal be­son­ders schwie­rig: Oh­ne die Bri­ten wür­de das Plenum von der­zeit 751 Par­la­men­ta­ri­ern auf 705 schrump­fen. Soll­te das Ver­ei­nig­te Königreich aber doch noch mit­wäh­len müs­sen, blie­be die heu­ti­ge Grö­ße er­hal­ten.

Im Po­lit­ba­ro­me­ter spie­len sie schon kei­ne Rol­le mehr

Fo­to: Ond­rej Deml, imago

Ju­lia Re­da ist die ein­zi­ge Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te der Pi­ra­ten­par­tei. Mit ei­nem Pau­ken­schlag zieht sie sich jetzt zu­rück.

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