Or­gan­spen­de ist Pri­vat­sa­che

Der Staat im Grenz­be­reich von Le­ben und Tod: War­um die Po­li­tik aus ei­nem Akt der Frei­wil­lig­keit kei­ne ver­kapp­te Pflicht zur Spen­de ma­chen darf

Wertinger Zeitung - - Meinung & Dialog - VON RU­DI WAIS [email protected]­bur­ger-all­ge­mei­ne.de

Fra­gen von Le­ben und Tod be­ant­wor­tet der Mensch sel­ten ra­tio­nal. Et­wa 80 Pro­zent der Deut­schen hal­ten ei­ne Or­gan­spen­de für ei­ne ver­nünf­ti­ge Sa­che – aber nicht ein­mal die Hälf­te von ih­nen hat auch ei­nen Spen­der­aus­weis. Wie wich­tig es ist, die­se Lü­cke zwi­schen prin­zi­pi­el­ler und tat­säch­li­cher Be­reit­schaft zu schlie­ßen, zeigt schon die schie­re Zahl von 10000 Men­schen, die in Deutsch­land auf ei­ne Nie­re, ein Herz oder ei­ne Le­ber war­ten. Aber darf der Staat sei­ne Bür­ger des­halb sanft da­zu zwin­gen, zu Or­gan­spen­dern zu wer­den?

Die so­ge­nann­te Wi­der­spruchs­lö­sung, mit der Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) und der SPDMann Karl Lau­ter­bach mehr Or­gan­spen­der ge­win­nen wol­len, be­wegt sich in ei­nem ethi­schen Grenz­be­reich. Je­der Mensch, der ei­ner Or­gan­spen­de zu­vor nicht ex­pli­zit

wi­der­spro­chen hat, wä­re nach sei­nem Tod ein po­ten­zi­el­ler Spen­der. Fak­tisch wür­de der Staat da­mit ei­ne Art Or­gan­ab­ga­be­pflicht ein­füh­ren: Wer sein Le­ben lang zu be­quem war, sich mit dem The­ma zu be­schäf­ti­gen, oder sich viel­leicht noch kein ab­schlie­ßen­des Ur­teil ge­bil­det hat, wür­de nach sei­nem Tod au­to­ma­tisch zur Res­sour­ce für ver­wert­ba­re Or­ga­ne. Bis­her muss je­der Spen­der mit­hil­fe ei­nes Aus­wei­ses ak­tiv sei­ne Be­reit­schaft zur Spen­de do­ku­men­tie­ren, Spahn und Lau­ter­bach da­ge­gen wer­ten ei­nen un­ter­las­se­nen Wi­der­spruch be­reits als Zu­stim­mung – auch ju­ris­tisch ein Grenz­fall. Beim Da­ten­schutz, zum Bei­spiel, müs­sen Be­trof­fe­ne ei­ne Nut­zung ih­rer Da­ten aus­drück­lich er­lau­ben. Bei der Or­gan­spen­de da­ge­gen wür­den sie ihr Ein­ver­ständ­nis schon da­durch er­tei­len, dass sie nichts un­ter­neh­men.

Ab­ge­se­hen da­von, dass der Staat sich in An­ge­le­gen­hei­ten von Le­ben und Tod mög­lichst her­aus­hal­ten soll­te, hat die Wi­der­spruchs­lö­sung auch noch ei­nen an­de­ren Nach­teil: Nur je­der drit­te Deut­sche steht hin­ter ihr – was nicht al­lei­ne an der Lö­sung selbst liegt, son­dern auch an gro­ßen Wis­sens­lü­cken. Wann und wie wird der Hirn­tod ei­gent­lich fest­ge­stellt, der Vor­aus­set­zung für ei­ne Or­gan­spen­de ist? Kann es sein, dass er mög­li­cher­wei­se zu früh oder falsch dia­gnos­ti­ziert wird? Und wie wer­de ich, ganz prak­tisch, über­haupt zum Spen­der? Je­der zwei­te Bun­des­bür­ger fühlt sich nach ei­ner neu­en Um­fra­ge beim The­ma Or­gan­spen­de bis­her schlecht in­for­miert. Da­zu kommt ein ge­ne­rel­les Miss­trau­en nach den Trans­plan­ta­ti­ons­skan­da­len der ver­gan­ge­nen Jah­re, als Ärz­te Ak­ten fälsch­ten, um ih­re Pa­ti­en­ten auf den War­te­lis­ten zu vor­de­ren Plät­zen zu ver­hel­fen.

Das dif­fu­se Un­be­ha­gen, das vie­le Men­schen heu­te beim The­ma Or­gan­spen­de ver­spü­ren, wird ih­nen die Po­li­tik si­cher nicht mit ei­nem weit­rei­chen­den Ein­griff in ei­nen der in­tims­ten Le­bens­be­rei­che über­haupt neh­men. Die Wi­der­spruchs­lö­sung miss­ach­tet un­ser Recht, über uns selbst be­stim­men zu kön­nen – und zwar über un­se­ren Tod hin­aus. Wie es auch ge­hen kann, zeigt ei­ne un­ge­wöhn­li­che Ko­ali­ti­on, die von der Grü­nen-Vor­sit­zen­den An­na­le­na Ba­er­bock und dem CSU-Ab­ge­ord­ne­ten Ste­phan Pil­sin­ger an­ge­führt wird. In ih­rem Mo­dell fragt der Staat sei­ne Bür­ger im­mer dann nach ih­rer Be­reit­schaft zur Or­gan­spen­de, wenn sie sich ei­nen neu­en Pass oder Per­so­nal­aus­weis aus­stel­len las­sen. Er bie­tet In­for­ma­tio­nen an, ei­ne te­le­fo­ni­sche Be­ra­tung – und die Frei­heit, am En­de nicht nur mit Ja oder Nein zu ant­wor­ten, son­dern sich die Ent­schei­dung wei­ter of­fen­zu­hal­ten.

In Spa­ni­en, dem Mus­ter­land der Or­gan­spen­de, gibt es zwar auf dem Pa­pier ei­ne Lö­sung, wie Spahn sie plant, Or­ga­ne aber wer­den nur Men­schen ent­nom­men, die zu Leb­zei­ten auch ihr Ein­ver­ständ­nis si­gna­li­siert ha­ben. Trotz­dem stei­gen die Spen­der­zah­len – weil Ärz­te ak­tiv um Spen­der wer­ben, die Kli­ni­ken gut or­ga­ni­siert sind und die Bür­ger Ver­trau­en in das Sys­tem ha­ben.

Je­der zwei­te Deut­sche fühlt sich schlecht in­for­miert

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