„Na­tio­na­le Cham­pi­ons gibt es auch oh­ne Alt­mai­er“

In­ter­view Rai­ner Dul­ger ist Chef des mäch­ti­gen Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des Ge­samt­me­tall, zu dem Au­to­in­dus­trie und Ma­schi­nen­bau ge­hö­ren. Er rech­net mit der Gro­ßen Ko­ali­ti­on ab. Vor al­lem die Po­li­tik des Wirt­schafts­mi­nis­ters miss­fällt ihm

Wertinger Zeitung - - Wirtschaft - In­ter­view: Ste­fan Stahl

Herr Dul­ger, im Jahr 2018 ist die deut­sche Me­tall- und Elek­tro­in­dus­trie knapp an ei­ner Re­zes­si­on vor­bei­ge­schrammt. Wie ernst ist die La­ge? Rai­ner Dul­ger: Ich bin ein op­ti­mis­ti­scher Mensch. Den­noch ist klar, dass un­se­re Bran­che der­zeit stark re­zes­si­ons­ge­fähr­det ist. Denn der Auf­trags­ein­gang und die Pro­duk­ti­on la­gen An­fang 2019 deut­lich un­ter den ver­gleich­ba­ren Wer­ten von 2018. Was die Aus­sich­ten für un­se­re Ge­schäf­te be­trifft, sind wir skep­ti­scher ge­wor­den.

Rut­schen wir al­so in ei­ne Re­zes­si­on ab? Dul­ger: Das kann man mo­men­tan nicht sa­gen. Wir müs­sen se­hen, wie es in den nächs­ten Wo­chen wei­ter­geht. Wir sind enorm ab­hän­gig vom Ex­por­tge­schäft. Trumps Zoll­po­li­tik und der an­ste­hen­de Br­ex­it set­zen uns zu. Der nach wie vor sta­bi­le pri­va­te Kon­sum kann das schwa­che Aus­lands­ge­schäft nicht aus­glei­chen. Be­son­ders be­trof­fen von die­ser Ent­wick­lung ist der Fahr­zeug­bau mit ei­nem Mi­nus von acht Pro­zent.

Fal­len durch die Elek­tri­fi­zie­rung in der Au­to­bran­che mas­sen­haft Jobs weg? Dul­ger: Wir ste­hen vor ge­wal­ti­gen Ve­rän­de­run­gen in un­se­rer Bran­che. Wir müs­sen die Di­gi­ta­li­sie­rung und die Elek­tri­fi­zie­rung be­wäl­ti­gen. Aber wenn ein In­dus­trie­land die Chan­ce hat, die­se Wen­de zu meis­tern, sind wir das. Wir ha­ben welt­weit in vie­len In­dus­trie­be­rei­chen die Na­se vorn. Na­tür­lich sind un­se­re Be­triebs­in­ha­ber durch das Br­ex­itCha­os, die Zoll­po­li­tik Trumps und das zum Teil rück­läu­fi­ge Chi­na­ge­schäft ver­un­si­chert. Mei­ne Bot­schaft als Op­ti­mist lau­tet aber: Wir müs­sen da­vor kei­ne Angst ha­ben. Mit ei­nem schwan­ken­den Ge­schäfts­ver­lauf wer­den wir fer­tig. Und wir ha­ben schon man­che Um­brü­che er­folg­reich ge­schafft.

Doch das Br­ex­it-Cha­os ver­un­si­chert vie­le Fir­men­in­ha­ber mas­siv.

Dul­ger: Ein har­ter Br­ex­it hät­te gra­vie­ren­de Fol­gen für die Bri­ten und für Eu­ro­pa. Aber, was sie am meis­ten ver­un­si­chert, ist die an­dau­ern­de Hän­ge­par­tie. Un­ter­neh­men brau­chen Ver­läss­lich­keit und Pl­an­bar­keit. Wir be­nö­ti­gen jetzt end­lich auch im In­ter­es­se der Bri­ten ei­ne Ent­schei­dung. Die ers­ten Ban­ken ver­las­sen be­reits Groß­bri­tan­ni­en und Au­to­her­stel­ler über­le­gen, ob sie in dem Land noch pro­du­zie­ren sol­len.

Steht das eu­ro­päi­sche Pro­jekt auf der Kip­pe, wenn der na­tio­na­le Ego­is­mus noch stär­ker wird?

Dul­ger: Eu­ro­pa war noch nie so ge­fähr­det wie jetzt. Des­halb ist es enorm wich­tig, dass sich mög­lichst vie­le Bür­ger an der Wahl be­tei­li­gen. Und das gilt, ob­wohl zu­letzt aus Brüs­sel kaum sinn­vol­le Vor­stö­ße ka­men. Doch wir brau­chen Eu­ro­pa als Frie­dens­macht und als star­ken wirt­schaft­li­chen Block. Wir müs­sen Eu­ro­pa wei­ter­ent­wi­ckeln: Wir brau­chen drin­gend ei­ne eu­ro­päi­sche Au­ßen­po­li­tik, ei­ne ge­mein­sa­me Si­cher­heits­po­li­tik und ein ge­mein­sa­mes Auf­tre­ten als Wirt­schafts­macht in der Welt.

Doch die Ak­zep­tanz der Eu­ro­päi­schen Uni­on bei den Bür­gern schwin­det. Dul­ger: Das macht mir gro­ße Sor­gen. Die EU ist ein­fach zu wich­tig, als dass sie von Spaß­par­tei­en und na­tio­na­lis­ti­schen Kräf­ten ka­putt­ge­macht wird. Und je­ne, die den Eu­ro an­grei­fen, wol­len in Wahr­heit wie­der na­tio­na­le Wäh­run­gen ha­ben, um sich da­mit selbst ent­schul­den zu kön­nen. Für Deutsch­land ist der Eu­ro je­den­falls ein Se­gen und mit­ver­ant­wort­lich für un­se­re wirt­schaft­li­che Stär­ke.

Die Zahl der Be­schäf­tig­ten in der Me­tal­lund Elek­tro­in­dus­trie ist so stark wie nie zu­vor. Bleibt das so?

Dul­ger: In un­se­rer In­dus­trie gab es zu­letzt 4,05 Mil­lio­nen fest an­ge­stell­te Be­schäf­tig­te. Das sind 610000 mehr, seit die Fi­nanz­markt­kri­se vor­bei ist. Nach wie vor feh­len uns in ho­hem Ma­ße Fach­ar­bei­ter. Es gibt ak­tu­ell 340000 of­fe­ne Stel­len für Me­tall- und Elek­tro-Fach­ar­bei­ter und nur rund 120000 sind bei der Bun­des­agen­tur für Ar­beit ar­beits­los ge­mel­det. Die­ses Nach­wuchs- und Fach­kräf­te­pro­blem müs­sen wir in den Griff be­kom­men. Da­zu brau­chen wir nach wie vor Zu­wan­de­rung, aber ei­ne qua­li­fi­zier­te Zu­wan­de­rung. Des­we­gen ap­pel­lie­re ich an die Gro­ße Ko­ali­ti­on, das Fach­kräf­teEin­wan­de­rungs­ge­setz jetzt end­lich zu be­schlie­ßen. Und wie lau­ten Ih­re Ap­pel­le an Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er? Dul­ger: Es ist be­zeich­nend, dass der Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter kein Kon­zept für die Ener­gie­wen­de hat, ob­wohl er schon als Bun­des­um­welt­und Kanz­ler­amts­mi­nis­ter jah­re­lang für das The­ma zu­stän­dig war.

Aber Alt­mai­er will ja nun ei­ne be­herz­te­re In­dus­trie­po­li­tik be­trei­ben und Vor­aus­set­zun­gen für das Ent­ste­hen eu­ro­päi­scher In­dus­trie-Gi­gan­ten schaf­fen. Macht Ih­nen das nicht gu­te Lau­ne? Dul­ger: Die In­dus­trie­po­li­tik Alt­mai­ers ver­dient ih­ren Na­men nicht. Der Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter soll­te sich um gu­te Rah­men­be­din­gun­gen für die In­dus­trie küm­mern, statt sich in plan­wirt­schaft­li­chen Re­den zu ge­fal­len. Er soll­te lie­ber für wett­be­werbs­fä­hi­ge Ener­gie­kos­ten, ei­ne bes­se­re Ver­kehrs­in­fra­struk­tur, ei­ne leis­tungs­fä­hi­ge For­schungs­land­schaft und ei­ne Be­gren­zung der So­zi­al­ab­ga­ben sor­gen. Was wir brau­chen, ist we­ni­ger Bü­ro­kra­tie, ein mo­der­ne­res Ar­beits­zeit­ge­setz, nied­ri­ge­re Ar­beits­kos­ten, den Er­halt der sach­grund­lo­sen Be­fris­tung und vie­les mehr.

Ist Alt­mai­er ein Pl­an­wirt­schaft­ler? Dul­ger: Der eins­ti­ge Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Lud­wig Er­hard hat es vor­ge­lebt: In die­sem Amt muss der In­ha­ber sich da­für ein­set­zen, dass der Re­ge­lungs­wut der Re­gie­rung Gren­zen ge­setzt wer­den. Ein Wirt­schafts­mi­nis­ter muss sich da­für en­ga­gie­ren, dass die So­zi­al­kos­ten nicht über 40 Pro­zent stei­gen. Es ist je­doch nicht Auf­ga­be von Herrn Mi­nis­ter Alt­mai­er, die In­dus­trie an der Hand zu neh­men und zu zei­gen, wie man Wirt­schaft rich­tig macht.

Aber was ha­ben Sie ge­gen die Schaf­fung von eu­ro­päi­schen In­dus­trie­Cham­pi­ons? Schließ­lich ste­hen un­se­re Kon­zer­ne rie­si­gen chi­ne­si­schen Kon­glo­me­ra­ten ge­gen­über.

Dul­ger: Na­tio­na­le und eu­ro­päi­sche Cham­pi­ons ent­ste­hen auch oh­ne Alt­mai­er. Kei­ne Sor­ge. Und wenn ein chi­ne­si­scher In­ves­tor in ein deut­sches Un­ter­neh­men ein­steigt, ist das nicht per se schlecht. Ich ken­ne vie­le Un­ter­neh­men mit ei­nem chi­ne­si­schen In­ves­tor. Dort füh­len sich Ma­na­ger und Mit­ar­bei­ter wohl. Und un­se­re chi­ne­si­schen Freun­de ha­ben gro­ßes Ver­ständ­nis da­für, wenn wir ih­nen klar­ma­chen, dass sie in ei­nen Be­trieb, der von na­tio­na­lem In­ter­es­se ist, nicht ein­stei­gen kön­nen.

Rüs­tungs­be­trie­be sind von na­tio­na­lem In­ter­es­se. Die Bran­che ist nicht gut auf die Gro­ße Ko­ali­ti­on zu spre­chen. Noch sind Ex­por­te nach Sau­di-Ara­bi­en blo­ckiert. Muss sich das än­dern? Dul­ger: Ich hal­te die­sen Stopp von Rüs­tungs­ex­por­ten nach Sau­di-Ara­bi­en für falsch. Das ist aber auch Aus­druck der Über­le­bens­stra­te­gie der SPD, jetzt eben ge­gen al­les zu sein. Mir fällt im­mer mehr auf, dass die SPD mit lin­ken The­men ver­sucht, bei der Link­s­par­tei Wäh­ler zu er­ha­schen – ins­be­son­de­re bei der Ren­ten­po­li­tik. Mit den Um­ver­tei­lungs­or­gi­en ver­sün­di­gen wir uns aber an der nächs­ten Ge­ne­ra­ti­on. Die SPD kann nicht nur Bür­gern über 60 Ge­schen­ke zu­schan­zen. Da­bei ha­ben die So­zi­al­de­mo­kra­ten doch die­ses Land mit auf­ge­baut und re­for­miert. Sie soll­ten sich end­lich dar­auf be­sin­nen, was sie stark ge­macht hat.

Al­so mehr Ger­hard Schrö­der und we­ni­ger Andrea Nah­les wa­gen?

Dul­ger: Ge­nau das.

Aber die So­zi­al­de­mo­kra­ten hö­ren er­war­tungs­ge­mäß nicht auf Ar­beit­ge­ber­ver­tre­ter und wa­gen noch mehr Nah­les. So soll ei­ne Art Min­dest­lohn für Aus­zu­bil­den­de ein­ge­führt wer­den. Wie schmeckt Ih­nen das?

Dul­ger: Wir leh­nen ei­ne sol­che staat­lich fest­ge­leg­te Min­dest­aus­bil­dungs­ver­gü­tung ab. In die­ser Fra­ge müs­sen Re­ge­lun­gen in den je­wei­li­gen Bran­chen ge­fun­den wer­den. Und wenn die Be­trie­be die­ser Bran­chen zum Teil schwer Nach­wuchs fin­den, kom­men sie schon selbst drauf, Aus­zu­bil­den­den mehr Geld zu be­zah­len. Da brau­chen wir den Staat nicht da­zu. Aus der Lohn­fin­dung soll­te sich der Staat raus­hal­ten. Die Ein­füh­rung ei­nes all­ge­mei­nen Min­dest­lohns war schon ein Schritt zu viel. Ge­ra­de wenn wir wie­der in ei­ne Wirt­schafts­kri­se rut­schen soll­ten, ist die Sum­me aus all den so­zia­len Wohl­ta­ten der Gro­ßen Ko­ali­ti­on brand­ge­fähr­lich für un­se­re Volks­wirt­schaft.

Wie soll­te ein Not­fall­plan der Bun­des­re­gie­rung für ei­ne Kri­se aus­se­hen? Dul­ger: Die Bun­des­re­gie­rung muss grund­sätz­lich al­le po­li­ti­schen In­stru­men­te zur Ver­fü­gung ha­ben, die ihr in der Fi­nanz­kri­se in den Jah­ren ab 2008 zur Ver­fü­gung stan­den.

Was heißt das kon­kret?

Dul­ger: Et­wa, dass sich die Bun­des­re­gie­rung un­bü­ro­kra­tisch und schnell Geld für Kurz­ar­beits­re­ge­lun­gen und die Kon­junk­tur sti­mu­lie­ren­de Pa­ke­te be­schaf­fen kann. Nach En­de der Fi­nanz­markt­kri­se hat sie den Feh­ler ge­macht, den wei­te­ren un­bü­ro­kra­ti­schen Zu­gang zu Kurz­ar­bei­ter­geld per Mi­nis­ter­er­lass, wie wir das ge­for­dert ha­ben, nicht zu­zu­las­sen. Das hat Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel da­mals ab­ge­lehnt. Solch ein In­stru­ment ge­hört in die Hand der Bun­des­re­gie­rung. Wenn es not­wen­dig wer­den soll­te – was ich nicht hof­fe –, soll­te sie so ein Kurz­ar­bei­ter­geld in Gang set­zen kön­nen, oh­ne dass der Bun­des­tag zu­stim­men muss. Im Üb­ri­gen: Bei der Bun­des­agen­tur für Ar­beit lie­gen für Kri­sen 23,5 Mil­li­ar­den Eu­ro be­reit. ⓘ

Rai­ner Dul­ger, 55, ist seit 2012 Prä­si­dent des mäch­ti­gen Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des Ge­samt­me­tall. Das von Dul­gers Va­ter ge­grün­de­te Hei­del­ber­ger Un­ter­neh­men Pro­Mi­nent ist ei­ner der „Hid­den Cham­pi­ons“Deutsch­lands und Welt­markt­füh­rer auf sei­nem Ge­biet. Die Fir­ma mit gut 2500 Mit­ar­bei­tern hat ih­ren Auf­stieg Do­sier­pum­pen zu ver­dan­ken.

Fo­to: Alex Kraus

Rai­ner Dul­ger ist Prä­si­dent des Ar­beit­ge­ber­ver­ban­des Ge­samt­me­tall. Wenn Ta­rif­ver­hand­lun­gen mit der Ge­werk­schaft IG Me­tall et­wa über die Hö­he der Lohn­zu­wäch­se ge­führt wer­den, spielt der Un­ter­neh­mer ei­ne wich­ti­ge Rol­le.

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